„COVID-19 Snapshot Monitoring“ (COSMO): Ergebnisse der 8. Befragungswelle

Unter der Leitung von Prof. Dr. Cornelia Betsch, Heisenberg-Professorin für Gesundheitskommunikation an der Universität Erfurt, betreibt das Robert-Koch-Institut gemeinsam mit weiteren Kooperationspartnern derzeit ein „COVID-19 Snapshot Monitoring“ (COSMO). Das Konsortium ermittelt einmal pro Woche in einer Online-Live-Umfrage, wie Menschen subjektiv die Risiken des COVID-19-Virus wahrnehmen, welche Gegenmaßnahmen bekannt sind, welche davon bereits angewandt oder abgelehnt werden. Ziel dieses Projektes ist es, einen wiederholten Einblick in die „psychologische Lage“ der Bevölkerung zu erhalten. Dies soll es erleichtern, Kommunikationsmaßnahmen und die Berichterstattung so auszurichten, um der Bevölkerung korrektes, hilfreiches Wissen anzubieten und Falschinformationen und Aktionismus vorzubeugen.

Neue Befunde aus dem Monitoring wurden heute veröffentlicht. Sie zeigen:

Gewöhnung an die Krise
Die Ängste und Sorgen pendeln sich auf einem stabilen Niveau ein; dieses ist etwas niedriger als zum Zeitpunkt der Maßnahmenverschärfung (Mitte/Ende März). Die Sorge vor der Überlastung des Gesundheitssystems – eine zentrale Begründung der Maßnahmen – ging im Vergleich zur Vorwoche weiter zurück.

Trotz der relativ hohen Risikowahrnehmung treten “Ermüdungserscheinungen” im Zusammenhang mit der Akzeptanz der Maßnahmen auf: Die Maßnahmen sind immer noch gut akzeptiert, die Zustimmung sinkt aber weiter leicht. Die Zustimmung zu Sanktionierung bei Maßnahmenverletzung sinkt leicht.

Etwa ein Drittel der Befragten hält es für (eher) unwahrscheinlich, sich anzustecken wenn sie haushaltsfremde Personen treffen, einkaufen, zum Arzt gehen oder außer Haus sind. Dabei geht eine geringere Risikowahrnehmung mit verstärktem Treffen anderer Personen einher. Für Ältere gilt dies ebenfalls für das Einkaufen. Die Wissenschaftler*innen empfehlen deshalb, die gemeinsam durch die Maßnahmen erzielten Erfolge weiter zu betonen und die epidemiologischen Konsequenz von Ausnahmen oder Nicht-Einhaltung der Maßnahmen zu verdeutlichen. Dabei sollte stärker kommuniziert werden, wo welche Ansteckungsgefahr lauert. Ermüdungserscheinungen bei der Umsetzung von geforderten Maßnahmen sind nach mehreren Wochen aus psychologischer Sicht nachvollziehbar. Umso mehr müsse die Bevölkerung jetzt dafür motiviert werden, wofür sie das alles tut: zum Schutz der anderen und zur Aufrechterhaltung der Freiheitsgrade, die wir bisher erreicht haben.

Sorgen
Die Sorgen um die Wirtschaftskraft bleiben stabil hoch. Alle anderen Sorgen gehen tendenziell zurück, vor allem die Sorge um die Überlastung des Gesundheitssystems. Die Befürchtung, dass die Corona-Pandemie die soziale Ungleichheit verstärkt, bleibt nach wie vor bestehen.

Wissen und Verhalten
87 Prozent der Befragten gaben an, häufig oder immer auf private Feiern zu verzichten, die Tendenz ist fallend. 78 Prozent meiden häufig oder immer öffentliche Orte (Tendenz ebenfalls fallend). 76 Prozent gaben an, häufig oder immer in der Öffentlichkeit nur mit max. einer anderen Person unterwegs zu sein. Deshalb sollte bei einer schrittweisen Lockerung genau spezifiziert werden, welche Regeln gelten und diese sollten alltagsnah und mit Beispielen kommuniziert werden. Die Wissenschaftler*innen konstatieren: Der nach unten weisende Trend (z.B. öffentliche Orte vermeiden) könnte zum Problem werden und muss beobachtet werden. Vor diesem Hintergrund sollten der soziale Nutzen der Maßnahmen und der Schutz Schwacher stark betont werden.

Vertrauen
Krankenhäuser und Ärzte gewinnen an Vertrauen, alle anderen Institutionen pendeln sich im Vergleich zu Ende März auf einem etwas niedrigerem Niveau ein (BMG 4.7 von 7 Punkten, RKI 5.2). Weiterhin hat das Robert-Koch-Institut vor der Regierung einen Vertrauensvorsprung. Die Befragten nehmen bei ihm eine hohe Kompetenz, Wohlwollen und Integrität wahr. Der Regierung wird dagegen weniger Kompetenz zugeschrieben als Wohlwollen und Integrität. Das Vertrauen in die Behörden ist jedoch ein wichtiger Einflussfaktor für die Akzeptanz vieler Maßnahmen (z.B. auch Akzeptanz einer Tracing-App, einer möglichen Impfung gegen COVID-19, der Beibehaltung der Maßnahmen etc.) und daher besonders schützenswert. Eine transparente Kommunikation und Betonung gemeinsam erzielter Erfolge sind deshalb wichtig, um das vorhandene Vertrauen aufrechtzuerhalten.

Mehr Menschen tragen Masken
In der Öffentlichkeit tragen inzwischen 34 Prozent der Befragten (Vorwoche 24%) häufig oder immer Masken. 54 Prozent sind der Ansicht, das Tragen von Stoffmasken sollte verpflichtend sein. In der Vorwoche waren dies noch 52 Prozent. Am häufigsten getragen werden dabei Stoffmasken. Über die unterschiedliche Schutzwirkung (Träger, andere – je nach Maskentyp) wissen die meisten korrekt Bescheid. Eine Warnung vor Masken mit Ventil scheint indes geboten – denn diese schützen nur den Träger, nicht aber andere. Dies ist nicht ausreichend bekannt. Die Befragungswelle 7 hat außerdem gezeigt: Der Schutz anderer scheint bei der Wahl der Maske ein Kriterium zu sein. Trotz der RKI-Empfehlung, dass FFP2 Masken vorrangig dem Fachpersonal zur Verfügung stehen sollten, ist ein großer Teil der Bevölkerung bereit, diese Masken (eher) zu kaufen (45% ohne Ventil, 36% mit Ventil), wenn sie die Gelegenheit dazu hätten. Deshalb sollte nach Ansicht der Wissenschaftler*innen die Beschränkungen des Schutzes durch Masken weiter deutlich kommuniziert werden, ebenso und auch verstärkt der fehlende Schutz anderer durch FFP2-Masken mit Ventil. Sollten FFP2/3-Masken knapp werden, reicht eine Empfehlung, dass diese nur Fachpersonal vorenthalten sein sollten, möglicherweise nicht aus. Diese Empfehlung sollte bereits jetzt verstärkt kommuniziert werden.

App zur Verfolgung von Transmissionsketten
Etwa 81 Prozent  der Befragten geben an, schon etwas von einer solchen App gehört zu haben (+4 Prozent im Vergleich zur Vorwoche). Die Bereitschaft zur Nutzung einer Tracing-App sinkt leicht über die vergangenen Wochen und der Anteil derer, die sie nicht herunterladen würden, wächst. 49 Prozent sind inzwischen eher bereit oder bereit, sich eine datenschutzkonforme App zu installieren; 22 Prozent geben an, eine solche App auf keinen Fall herunterzuladen. Befragte, die ein hohes Vertrauen in die Behörden haben und den Ausbruch nicht als Medienhype wahrnehmen, würde sich eher eine Tracing-App herunterladen. Dieses Vertrauen sollte durch größere Transparenz gestärkt werden. Denn die Tracing-App ist eine mögliche Gefahrenquelle für das Vertrauen der Bevölkerung in RKI und Bundesregierung: Die Ablehnung steigt auf 22 Prozent der Befragten und nur noch unter 50 Prozent würden eine solche App nutzen. Alle denkbaren Maßnahmen sollten vor diesem Hintergrund ergriffen werden, damit die Einführung der Tracing-App nicht zum Vertrauensverlust führt.

Corona, Europa und die Welt
10 Prozent der Befragten haben bereits gespendet, 28 Prozent sind (eher) bereit zu spenden, um zur Corona-Bewältigung in anderen Ländern beizutragen. Die Zusammenarbeit mit anderen Ländern ist laut Umfrage erwünscht, eine finanzielle Unterstützung anderer EU-Staaten wird jedoch kritisch gesehen. Ein Großteil der Befragten befürwortet eine größere Unterstützung für Entwicklungsländer. Aber auch in Deutschland ist die Sorge, dass die Kluft zwischen Arm und Reich größer werden könnte, nach wie vor hoch. Vor diesem Hintergrund könnte die Bekämpfung von Ungleichheit ein wichtiger Faktor in der Kommunikation werden.

Wirtschaftliche Auswirkungen
Die überwiegende Mehrheit der Befragten ist bereit, für die Bekämpfung des Virus Einkommenseinbußen in Kauf zu nehmen (29 Prozent zwischen 1-2 Prozent des Haushalteinkommens, 20 Prozent zwischen 3 und 5 Prozent). 35 Prozent sehen laut Umfrage hier für sich eher keinen Spielraum.

Rauchen
Rauchen gilt als Risikofaktor bei einer Corona-Erkrankung. Der Anteil der Männer, die angeben, gelegentlich oder ständig zu rauchen ist größer als der der Frauen. Auch sind die Konsumprävalenzen bei Menschen mit niedriger Bildung höher, als bei Menschen mit höherer Bildung. Die Wissenschaftler*innen empfehlen deshalb, niederschwellige Angebote für die Rauchentwöhnung besonders für Männer zu schaffen, da diese auch eher Risikopatienten für COVID-19 sind.

Zugang zum Gesundheitswesen
10 Prozent der Befragten sagen, sie hatten in den vergangenen vier Wochen Probleme, medizinisch versorgt zu werden (z.B. weil geplante Behandlungen verschoben wurden). 34 Prozent geben an, dass sich durch diese Einschränkungen in der medizinischen Versorgung ihr Gesundheitszustand verschlechtert hat. Besonders Personen zwischen 30 und 49 Jahren schätzen die Wahrscheinlichkeit als geringer (als eine Vergleichbare Stichprobe 2018) ein, dass sie Zugang zu medizinischer Versorgung bekommen, wenn sie ihn bräuchten. Deshalb sollten bestehende Möglichkeiten sowie echte Einschränkungen der medizinischen Versorgung klar kommuniziert werden, um Missverständnissen auf Patientenseite vorzubeugen. Ärzte sollten dabei unterstützt werden, die Versorgung aufrecht zu erhalten.

Weitere Informationen / Kontakt:
Prof. Dr. Cornelia Betsch
cornelia.betsch@uni-erfurt.de