Eleonor Marcussen

Herzlich willkommen, Eleonor Marcussen!

Das Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt begrüßt in diesem Jahr Eleonor Marcussen im Rahmen seines COFUND-Programms. Ein Gespräch über ihren akademischen Hintergrund und das Projekt, für das sie nach Erfurt gekommen ist…

Frau Marcussen, erzählen Sie uns doch zunächst etwas über Ihren akademischen Werdegang…
Geboren wurde ich in Schweden. Ich studierte in Kopenhagen, Uppsala und Lund Indologie, Hindi und Südasienstudien. Ich interessiere mich für die Vergangenheit und dafür, wie man das Leben von Menschen in der Literatur nachverfolgen kann, die sie hinterlassen haben. Außerdem habe ich ein Interesse an deutscher Sprache. Als Austauschstudentin war ich kurz in Rostock und später habe ich in Heidelberg in einer Forschungsgruppe im Rahmen eines Exzellenzclusters zum Thema South Asian History gearbeitet. In Heidelberg habe ich auch meinen Doktortitel erworben. Archivarbeit führte mich dann nach Delhi, in die Schweiz und nach England. In Bangladesch habe ich knapp zwei Jahre Global History gelehrt. Und ein PostDoc-Fellowship im Bereich Kolonialgeschichte hat mich dann wieder nach Schweden geführt.

Klingt so, als seien Sie in vielen Ländern zu Hause gewesen. Was hat Sie nach Erfurt gebracht?
Ich habe ja schon einmal länger und gern in Deutschland gelebt und interessiere mich für den theoretischen Ansatz von Hans Joas. Deshalb habe ich mich am Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt beworben, um hier an einem Projekt über einen Schweizer Pazifisten zu arbeiten, der im Ersten und Zweiten Weltkrieg aktiv war. Ich interessiere mich für seine Motivation, woher seine Ideen kommen und wie er seine Ideen im Alltag und in seinem Wirken umgesetzt hat. Wie will Pierre Ceresole (1879-1945) den Ideenaustausch zwischen Menschen und Ländern fördern? Wie ist seine Idee vom Pazifismus von anderen Denkrichtungen beeinflusst? Wie wirkt sich sein Kontakt zu Gandhi, den er persönlich getroffen hat, und seine Beziehungen zum Nationalsozialismus in Deutschland auf seine Arbeit aus? Besonders seine Beteiligung an internationale Diskussionen über Gewaltlosigkeit, Dekolonialisierung und Anti-Nationalismus interessiert mich. Die pazifistische Bewegung, die Ceresole gegründet hat, gibt es übrigens heute noch. Sie feiert in diesem Jahr ihr 100-jähriges Bestehen. Mein Projekt soll als ein Artikel verarbeitet werden, aber eigentlich könnte daraus auch eine längere Biografie entstehen. Am Max-Weber-Kolleg selbst interessiert mich vor allem die interdisziplinäre Arbeit. Es gibt hier eine außerordentlich produktive Atmosphäre. Ich profitiere von den Ideen der anderen. Networking war und ist mir sehr wichtig und das ist gerade am Max-Weber-Kolleg sehr gut möglich.

Das Max-Weber-Kolleg hat ein großes Interesse daran, wissenschaftliche Erkenntnisse in die Gesellschaft und in die Öffentlichkeit hineinzutragen. Wie werden Sie dazu beitragen?
Ich plane beispielsweise am 10. Juni 2020 einen Workshop zum Thema Antikolonialismus und Internationalismus in der Zwischenkriegszeit, zusammen mit Urs Lindner und der zivilgesellschaftlichen Initiative „Decolonize Erfurt“. Und in der Kleinen Synagoge werde ich einen öffentlichen Vortrag über den aus Erfurt stammenden Kommunisten Willi Münzenberg und seine Beziehung zum Antikolonialismus halten.

Wie können wir uns Ihren Alltag als Forscherin vorstellen?
Meistens arbeite ich am Max-Weber-Kolleg am Steinplatz, aber auch in der Bibliothek und manchmal zu Hause. Es gefällt mir, in Ruhe an meiner Forschung zu arbeiten, aber die Kolloquien bieten auch eine stimulierende Abwechslung im Gespräch mit Kollegeninnen und Kollegen.

Und wie gefällt es Ihnen in Erfurt als Stadt?
Ich habe ein vergleichsweise ruhiges Leben hier und genieße es, in einer eher ruhigen Stadt zu leben. Ganz praktisch für uns ist die Schule unsere Tochter in der Nähe vom Max-Weber-Kolleg. Sie hat schon viele internationale Freunde hier gefunden. Ich mache wahrscheinlich ähnliche Sachen wie in Schweden, gehe in Parks, gehe schwimmen, mache mit meiner Familie kleine Exkursionen nach Eisenach, nach Weimar oder auch nach Berlin. Wir haben auch schon einige Besucher von außerhalb begrüßt, denen wir hier die schöne Altstadt gezeigt haben. Als besonders günstig empfinde ich, dass man von hier aus mit dem Zug schnell überallhin unterwegs sein kann. Für Konferenzreisen nach Leiden oder nach Zürich nutze ich immer den Zug. Außerdem genieße ich es, dass es hier im Vergleich zu Schweden länger hell und viel wärmer ist.

Und was kommt nach Ihrer Zeit in Erfurt?
Ich werde in Schweden noch für ein Jahr ein PostDoc-Projekt bearbeiten und danach für vier Jahre eine Eigene Stelle dort antreten. Meine Forschungen kann ich auf diese Weise weiterverfolgen.