Internationale Tagung: „Rituale und rituelle Objekte“

Ein Stoffstreifen, versehen mit orangefarbenen Symbolen und Figuren: zwei Menschen, die sich liebevoll an den Händen halten, ein weiterer Mann in langem Gewand, Zuschauer, die einen Baldachin über alle halten. Zwischen den Figuren und darüber: hebräische Schrift, blau bedruckt mit einem Wunsch für einen jungen Menschen: „Gott soll ihn in der Tora wachsen lassen, hin zum Hochzeitsbaldachin und hin zu guten Werken.“ Bei dem Stoffstreifgen handelt es sich um einen sogenannten Tora-Wimpel, den man zu Ehren der Bar Mitzva eines jüdischen Jungen der Gemeinde schenkte: ein rituelles Objekt aus einer kleinen jüdischen Gemeinde in Rudolstadt, von denen es einst viele gab, aber nur wenige erhalten sind. Diese rituellen Objekte sollen bei einer international besetzten Tagung untersucht und präsentiert werden, die vom 6. bis 8. November in Erfurt und Rudolstadt stattfindet.

Die Tagung „Ritual Objects in Ritual Contexts“, die gemeinsam vom Research Centre „Dynamik ritueller Praktiken im Judentum in pluralistischen Kontexten von der Antike bis zur Gegenwart“ und dem Büro der Beauftragten für das UNESCO-Welterbe in der Stadt Erfurt verantwortet wird, greift beispielhaft Objekte aus dem mittelalterlichen Erfurt und Objekte aus der Rudolstädter Judaica-Sammlung, die auf das 18. Jahrhundert zurückgeht, heraus. Untersucht werden soll, wie rituelle Objekte Informationen über zeitgenössische Rituale geben können, wo diese rituellen Objekte in die Entstehungsgeschichte eines Rituals einzuordnen sind und inwiefern besondere rituelle Objekte Auskunft über die Orts- und Zeitgeschichte geben können.

Die Rudolstädter Judaica-Sammlung gehört zu den kulturgeschichtlich wertvollsten Beständen im Thüringer Landesmuseum Heidecksburg. Mehr als 35 Objekte aus dem 18. Jahrhundert, darunter 15 einzigartige synagogale Textilien, zahlreiche Bücher, zwei Thorarollen, vier Gebetstafeln und einige Handschriften, zeugen vom religiösen Leben der kleinen jüdischen Gemeinde in Rudolstadt. Als Bestand im Magazin des Schlosses Heidecksburg war die Sammlung nach 1945 nicht mehr im öffentlichen Bewusstsein. Erst nach der friedlichen Revolution von 1989 war ein fachlicher Austausch über die Bedeutung der Judaica-Sammlung wieder möglich. Anfang der 1990er Jahre erfolgte der Anstoß für eine wissenschaftliche Beschäftigung mit dieser wertvollen Sammlung. Mittlerweile wurden ausgewählte Exponate der Sammlung in Rudolstadt und Erfurt ausgestellt. Dabei zeigte sich die Einzigartigkeit der Rudolstädter Judaica. Im deutschsprachigen Raum hat sich aus dem 18. Jahrhundert keine weitere zusammenhängende Hinterlassenschaft einer jüdischen Gemeinde erhalten. Vor allem die synagogalen Textilien sind von großer Seltenheit.

Weitere Kooperationspartner der Tagung sind die Heidecksburg Rudolstadt und die Jüdischen Kulturtage in Thüringen. Letztere organisieren zwei Konzerte, die auch unabhängig von der Konferenz besucht werden können. Eine Anmeldung zur Tagung ist bei Claudia Bergmann möglich, Tickets für die Konzerte können in den bekannten Vorverkaufsstätten erworben werden. Die Ergebnisse der Tagung werden im März 2020 in den „Erfurter Schriften zur jüdischen Geschichte“ veröffentlicht.

Hintergrund Research Centre:
Das Research Centre „Dynamik ritueller Praktiken im Judentum in pluralistischen Kontexten von der Antike bis zur Gegenwart“ beschäftigt sich seit 2015 an der Universität Erfurt mit religiösen Ritualen in Christentum und Judentum. Dabei gehen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler davon aus, dass religiöse Rituale nichts Statisches sind, sondern sich durch die Zeiten hindurch verändern können. Das Research Centre will diese vielfältigen Zusammenhänge der Entwicklung und dynamischen Veränderung jüdischer Rituale erforschen, auch und gerade wenn es darum geht, Rituale in ihren Kontexten und innerhalb der verschiedenen Kulturen, in denen sie entstehen und sich weiterentwickeln, zu untersuchen.