Haus Dacheröden

Neue Veranstaltungen „Auf den Spuren des Kolonialismus in Erfurt“

„Unser erster dekolonialer Stadtrundgang am 13. März war ein voller Erfolg“, freut sich Dr. Cécile Stehrenberger, Juniorfellow am Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt. „Es kamen mehr als 100 Interessierte. In Reaktion auf das große Interesse veranstalten wir am 10. April eine zweite thematische Stadtführung.“ Begleitet wird der Stadtrundgang von der Ausstellung „Kolonialismus in Erfurt, 1503 bis heute“, die noch bis zum 11.5.2019 im Haus Dacheröden (Anger 37) zu sehen ist.

Stadtrundgang und Ausstellung wurden im Wintersemester 2018/19 in einem Seminar des Studium Fundamentale erarbeitet, das Studierende und Dozierende der Universität Erfurt gemeinsam organisiert haben. Sie finden in Kooperation mit der Initiative „Decolonize Erfurt“, dem Max-Weber-Kolleg und der Heinrich-Böll-Stiftung Thüringen statt. „Unser zweiter dekolonialer Stadtrundgang am 10. April enthält mit der „Südseesammlung“ eine neue Station“, berichtet Dr. Cécile Stehrenberger. „Die Sammlung ist in Anbetracht der gegenwärtigen Debatten um geraubte Kulturgüter und ihre Rückgabe ein ziemlich heißes Eisen. Denn die Sammlung besteht derzeit noch aus ca. 600 Exponaten, die die Stadt Ende des 19. Jahrhunderts dem Erfurter Kolonialbeamten Wilhelm Knappe abgekauft hat“, erklärt Stehrenberger. „Die genaue Provenienz der Ausstellungsstücke, d.h. die Frage, wie sie erworben wurden, ist jedoch ungeklärt. Die Sammlung umfasst auch menschliche Überreste, von denen einige bis heute im Benary-Speicher ausgestellt werden. Insgesamt ist der Kolonialismus im bisherigen Umgang mit der Sammlung aus unserer Sicht massiv verharmlost worden.“

Der Stadtrundgang am 10. April startet um 16 Uhr am neuen Angerbrunnen (Anger 1). Im Anschluss daran findet um 18 Uhr im Haus Dacheröden (Anger 37) in Kooperation mit der interaktiven Ausstellung „Meinwanderungsland“ ein Workshop mit Serge Palasie statt zum Thema: „Schwarz ist der Ozean – Was haben volle Flüchtlingsboote vor Europas Küsten mit der Geschichte von Sklavenhandel und Kolonialismus zu tun?“ Die interaktive Ausstellung „Meinwanderungsland“ ist am 10. April von 12 bis 17 Uhr und am 11. April von 13 bis 18 Uhr am Anger 1 zu sehen.

Fortgesetzt wird die Reihe zum Kolonialismus in Erfurt am 17. April um 19 Uhr in den Räumen von Radio F.R.E.I. (Gotthardtstraße 21), mit einer Veranstaltung zum Zusammenhang von preußischer Militärtradition, deutscher Kolonialherrschaft und Freikorpsbewegung, die auch das Verhältnis von Nationalsozialismus und Kolonialismus beleuchtet. Claus Kristen stellt im Gespräch mit Silvia Saß sein 2018 erschienenes Buch „Ein Leben in Manneszucht: Von Kolonien und Novemberrevolution. Der ‚Städtebezwinger’ Georg Maercker“ vor. Letzterer war ein Freikorpsoffizier, der im Jahr 1919 revolutionäre Bestrebungen in Thüringen niederschlug und dabei auf Erfahrungen der Aufstandsbekämpfung zurückgriff, die er beim kolonialen Genozid an den Herero und Nama in „Deutsch-Südwestafrika“ von 1904 bis 1908 erworben hatte. Kooperationspartner dieser Veranstaltung sind die Projektgruppe „Erfurt im Nationalsozialismus“ beim DGB-Bildungswerk Thüringen sowie das „Eine Welt Netzwerk Thüringen“.

Wer neugierig geworden ist, findet unter https://decolonizeerfurt.wordpress.com weitere Informationen sowie ausführliche Beiträge zu einzelnen Stationen des Stadtrundgangs. Wer mit den Organisatoren direkt in Kontakt treten oder einen thematischen Stadtrundgang buchen will, kann dies über decolonize.erfurt@gmail.com tun.