Ringvorlesung: „Geschlechtergerechtigkeit in arabischen Lebenswelten“

In der nächsten Veranstaltung der öffentlichen Ringvorlesung „Religion und Gender“ spricht am Mittwoch, 23. Januar, Prof. Dr. Heidemarie Winkel aus Bielefeld über Koloniales Geschlechterwissen und religiöse Semantiken der Geschlechtergerechtigkeit in arabischen Lebenswelten. Beginn ist um 12.15 Uhr in der Kiliani-Kapelle, Domstraße 10. Der Eintritt ist frei. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.

Kaum eine Religion ist aufgrund der ihr attestierten Geschlechtervorstellungen so in der öffentlichen Kritik und Diskussion wie „der Islam“. Er ist zu einem Medium symbolischer Grenzziehung und sozialer Schließung geworden, und stellt eine zentrale Diskursfigur in gesellschaftlichen Debatten über Migration und Fremdheit dar. Der Thematisierung von Geschlecht kommt in diesem Zusammenhang eine spezifische Bedeutung zu; in Verbindung mit Religion stellt sie einen Kulminationspunkt von Fremdheitszuschreibungen dar. Dass Geschlechterverhältnisse keineswegs so statisch und eindimensional sind, wie dies aus einer europäisch-westlichen Perspektive unterstellt wird, zeigt sich u.a. anhand theologisch motivierten Nachdenkens über Geschlechterverhältnisse. Ein Beispiel aus der jüngeren Zeit ist die globale Bewegung islamischer Feminismen. Wie Religion in diesem Zusammenhang zur Ressource und zum symbolischen Referenzrahmen von Gleichheits- und Gerechtigkeitsvorstellungen wird, steht im Mittelpunkt des Vortrags von Heidemarie Winkel.

Im ersten Schritt liefert sie eine gesellschaftsgeschichtliche und geschlechtertheoretische Einordnung der Diskursivierung von „Geschlecht und Islam“ in europäischen Gesellschaften. Denn dass Geschlechterverhältnisse immer wieder zum Kristallisationspunkt von Debatten über Fremdheit und Migration gemacht werden, kommt nicht von ungefähr. Die damit einhergehenden Prozesse der Grenzziehung haben ihren Ursprung in der Entstehung der bürgerlichen Geschlechterordnung im Kapitalismus. Dies spiegelt sich in Kolonialismus und Imperialismus auf eigene Weise; die Kolonien – und deren Geschlechterordnung – fungierten als Negativfolie des Ideals bürgerlicher Häuslichkeit und Weiblichkeit. Koloniale Ausbeutung wurde regelmäßig über den Verweis auf europäisch-bürgerliche Ordnungsvorstellungen legitimiert. Die Durchsetzung der bürgerlichen Geschlechterordnung war eine zentrale Säule kolonialer Herrschaftspraktiken. In aktuellen Debatten über Migration, Religion und Geschlecht spiegelt sich diese koloniale Wissensstruktur. Vor diesem Hintergrund fragt der Vortrag im zweiten Schritt, inwiefern eine Hinwendung zu Religion gerade aus postkolonialer Perspektive ein Emanzipationspotenzial birgt. Anschließend soll erörtert werden, inwiefern religiöse Leitideen als Gerechtigkeitsschemata fungieren können, wie etwa im Fall islamischer Feminismen.