Prager Fenstersturz

„Thirty Years War Online“ – Mit seinem Geschichtsportal bereichert Dr. Markus Meumann die Forschung zum Dreißigjährigen Krieg

Der „Tolle Christian“ oder der „Tolle Halberstädter“ wurde Herzog Christian der Jüngere von Braunschweig-Wolfenbüttel (1599 –1626) schon zu Lebzeiten genannt. Der Welfe war ein Draufgänger, der das mittelalterliche Ritterethos noch im Dreißigjährigen Krieg lebte, der sich mutig zu Pferd in die Schlacht warf und schon in jungen Jahren Heere anführte. Seine wilde Anbetung des Krieges und leidenschaftliche Feindschaft zu den Habsburgern wurden nur noch durch seine romantische Verehrung für seine Cousine Elisabeth Stuart, die Gemahlin des „Winterkönigs“ Friedrich V. von der Pfalz, übertroffen. Trotz aller kriegerischer Ambitionen blieb der Herzog von Braunschweig zu oft hinter den Erwartungen seiner Auftraggeber zurück; er wurde nicht der protestantische Held, als der er sich gern gesehen hätte. Und doch entwickelte er sich zu einem der bekanntesten und spannendsten Akteure des Dreißigjährigen Krieges. Solche Figuren sind es, die Dr. Markus Meumann interessieren: zum Teil bekannte, vielfach aber auch noch unbekannte Menschen des 17. Jahrhunderts, die eine Geschichte zu erzählen haben und die mit ihrer Geschichte immer wieder einzelne Puzzleteile zu dem großen Bild des verheerenden, langen europäischen Krieges von 1618 bis 1648 hinzufügen. Der Historiker und Wissenschaftliche Geschäftsführer des Forschungszentrums Gotha der Universität Erfurt hat es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, solche Werdegänge des Dreißigjährigen Krieges zu sammeln und auf seinem Portal Thirty Years War Online bereitzustellen. Eine Arbeit, die gerade in diesem Jahr zum 400. Jahrestag des Kriegsbeginns an Bedeutung gewinnt.

Markus Meumann

„Der Dreißigjährige Krieg war ein universaler, in seinen einzelnen militärischen Aktionen, seinen Gewaltexzessen und seinen fatalen Folgen für die Bevölkerung kaum mehr überschaubarer Konfliktzusammenhang“, erläutert Markus Meumann. „Deshalb ist er auch immer noch ein interessantes Thema, das in Romanen und Sachbüchern genutzt wird, um Geschichten aus einzelnen Erfahrungsperspektiven der Menschen damals zu erzählen.“ Doch auch für die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Krieg sind solche Ansätze sinnvoll, weil Lebensbeschreibungen und gut dokumentierte Einzelfälle die großen Zusammenhänge erst anschaulich machen. Biografien von Akteuren des Dreißigjährigen Kriegs wie die von Herzog Christian spielen deshalb eine wichtige Rolle auf Meumanns Portal. Dessen Herzstück bilden ein Lexikon der bedeutendsten Heerführer und Offiziere des Dreißigjährigen Krieges sowie eine Quellensammlung mit Briefen, Selbstzeugnissen und Augenzeugenberichten. Hier werden Digitalisate von handschriftlichen Quellen ihren Transkriptionen, also ihren digitalen Abschriften, gegenübergestellt und so inhaltlich auch für Laien lesbar gemacht. Das macht die Website nicht nur für die Forschung interessant, sondern auch für geschichtsinteressierte Bürgerinnen und Bürger, für Lehrende und natürlich auch für Studierende – wie für Michael Hartmann.

Hartmann studiert Geschichte und Theologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena (FSU). Über das Kooperationsseminar „Der Dreißigjährige Krieg aus der Nähe. Ein quellennahes Forschungsseminar“ zwischen der FSU und der Universität Erfurt ist der Student auf das Portal aufmerksam geworden. Vor allem für die Personensuche war es für ihn nützlich, aber auch, um das Lesen alter Handschriften zu üben. Mit seiner Seminararbeit kann er nun selbst ein Stück Geschichte zu dem Portal beitragen. Dafür hat er eine zeitgenössische, handschriftliche Quelle aus dem Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar bearbeitet, die seine Dozentin PD Dr. Julia Schmidt-Funke bei ihren Vorbereitungen entdeckt und den Studierenden bei einem Archivbesuch im Rahmen des Seminars vorgelegt hatte. Von ihr kam auch die Anregung, die Ergebnisse der Seminararbeit auf dem Portal zu publizieren. „Es handelt sich bei der Quelle um ein Verzeichnis, welches jahresweise für die Zeit von 1622 bis 1639 die Truppendurchmärsche und -einquartierungen im Gericht Brandenburg bei Eisenach – eine administrative Einheit im ernestinischen Herzogtum Sachsen-Eisenach – verzeichnet. Darin werden nicht nur die den Orten entstandenen Schäden aufgelistet, sondern auch Großereignisse des Krieges chronikartig dokumentiert“, erklärt Hartmann, der den Text zunächst transkribiert und dann wissenschaftlich kommentiert hat, indem er vorkommende Orts- und Personennamen recherchierte. Neben diesem Transkript und seinem Kommentar stellt er auf dem Portal auch seine Transkriptionsrichtlinien sowie eine Interpretation zu Entstehungszeit, möglicher Absicht des Autors, möglichen Adressaten, inhaltlichen und formalen Auffälligkeiten bereit. Für die Publikation der parallel angezeigten Digitalisate hat das Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar eine Publikationsgenehmigung erteilt.

Solch eine Veröffentlichung auf Thirty Years War Online ist nicht nur für Michael Hartmann ein Glücksfall. Auch Meumann selbst sieht darin den eigentlichen Zweck seiner Seite erfüllt. „Ziel des Portals ist für mich letztlich, dass Quellen unkompliziert der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt werden können und dass neue Editionen ermöglicht werden – und zwar niedrigschwellig, kostenlos und sehr viel schneller als es in gedruckter Form möglich wäre.“ Die Arbeit seines Studenten ist für Meumann ein wunderbares Beispiel dafür, wie aus Lehre und Forschung eine Quellenedition wird, die andere wiederum bei ihrer Forschung weiterbringen kann und die ein weiteres Licht auf die Regionalgeschichte Thüringens im Dreißigjährigen Krieg wirft. „Thüringen war stark von diesem Krieg betroffen. Es gibt noch so viel Material in den Archiven und Sammlungen, die auf diesem Weg der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden können“, weiß der Wissenschaftler.

Um das zu erreichen, hat Meumann gerade in diesem Jahr seine Aktivitäten auf dem Portal noch einmal intensiviert. Musste er in der Vergangenheit noch Kolleginnen und Kollegen überzeugen, sich mit Beiträgen zu beteiligen, kommen nun immer mehr Forschende von sich aus auf ihn zu. Dennoch wünscht sich der Historiker noch mehr solcher Projekte wie die von Michael Hartmann, damit das Portal weiter anwachsen und die Grundlage für eine offene Vernetzung von Forschung, Lehre, Schule und Citizen Science bilden kann. Und einen weiteren Wunsch hat Meumann: „Im Moment steht das Portal noch für sich, aber es wäre schön, wenn wir damit in einen sicheren institutionellen Hafen einfahren könnten.“ Ein solcher Hafen könnte das sogenannte Gotha-Portal sein, das gerade vom Sammlungs- und Forschungsverbund Gotha unter Federführung der Forschungsbibliothek Gotha mit verschiedenen Kooperationspartnern konzipiert wird. Gemeinsam mit anderen digitalen Ressourcen könnten hier alle bisher auf dem Portal von Meumann versammelten Beiträge, Quellen und Biografien in einen größeren historischen und vor allem regionalgeschichtlichen Rahmen eingebettet werden – und ihre wissenschaftliche Strahlkraft auch weit über das Gedenkjahr zum 400. Jahrestag des Kriegsbeginns hinaus entfalten.

Weitere Informationen:

www.thirty-years-war-online.net

Zu Michael Hartmanns Beitrag im Portal