Marcel Poorthuis

Willkommen, welcome, welkom: Prof. Dr. Marcel Poorthuis ist neuer Fellow am Max-Weber-Kolleg der Uni Erfurt

Marcel Poorthuis hat Katholische Theologie studiert. Dass er sich im Laufe seiner Forschungslaufbahn jedoch auf das Judentum spezialisierte, verdankt er nicht zuletzt seinem Interesse an den Gemeinsamkeiten und engen Beziehungen zwischen den beiden Religionen. Heute lehrt und forscht er an der Tilburg University und koordiniert den Forschungsschwerpunkt „Relations Between Judaism and Christianity“, in dem unter anderem die Imagebildung religiöser Identität untersucht wird. Gerade ist Marcel Poorthuis als Fellow des Research Centre „Dynamik ritueller Praktiken im Judentum in pluralistischen Kontexten von der Antike bis zur Gegenwart“ am Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt zu Gast. Eine Kurzvorstellung…

Einfach gesagt: Wie würden Sie einem Kind Ihr jetziges Forschungsprojekt erklären?
Rituale sind Bräuche, die angewendet werden, um immer wieder zum Staunen gebracht zu werden, um neugierig zu bleiben. Zum Beispiel, vor dem Schlafen noch eine Geschichte zu lesen. Ohne diese Geschichte wirst du nicht gut schlafen. Oder das Anzünden einer Kerze und das Aufsagen eines kleinen Gebetes für die Großmutter in der Kirche. Du vergisst vielleicht, an sie zu denken, wenn du keine Kerze anzündest. Judaismus, Christentum und Islam haben dabei unterschiedliche Rituale. Die Frage ist: Welche Rituale können angewendet werden, wenn sie aufeinandertreffen? Gar keine, ganz neue Rituale oder einzelne Rituale aus jeder der Religionen?

Gibt es ein Erlebnis, dass irgendwie Einfluss auf Ihre Forschung in diesem Projekt genommen hat?
Als ich sah, wie viel Arbeit die Menschen haben, wenn Sie trauern, wurde mir bewusst, dass Rituale kein Ausdruck individueller Emotion sind, sondern eher ein Weg, die kollektive Gemeinschaft einzubeziehen.

Welches jüdische Ritual fasziniert Sie am meisten!
Das jüdische Trauerritual könnte als Beispiel für alle Rituale dienen. Es steckt ganz viel Magie darin, wie das Abdecken der Spiegel oder das Sitzen auf speziellen niedrigeren Stühlen während der Trauerzeit.

Kurz und knackig: Ihr Forscheralltag in drei Worten?
Study – play music – repeat.

Wenn ich studiere, stehe ich jede halbe Stunde auf, um etwas Musik zu spielen: Saxofon oder Klavier, zuletzt habe ich mit Flötespielen begonnen. Ich lege Wert auf eine ausgewogene Balance zwischen Forschung und Leben. Aber alte hebräische oder arabische Texte zu lesen, ist für mich beinahe genauso durchdringend wie das Spielen von Musik. Man kann dabei ebenso auf unerwartete Schätze stoßen.

Mal in die Zukunft gesponnen: Welche Fragestellungen könnten die Ritualforschung in zehn Jahren beschäftigen?
In zehn Jahren wird es eine blühende Praxis von Ritualberatern geben, um der Säkularisierung zu begegnen. Diese werden der Herausforderung gegenüberstehen, dass Rituale nicht erfunden werden können, sondern bereits existieren müssen, so als hätte es sie schon immer gegeben (auch wenn das nicht wirklich der Fall ist). Rituale sollten nicht das Produkt eines einzelnen kreativen Individuums sein.

Vom Angelurlaub bis zur Zahnseide: Was ist Ihr persönlich „heiligstes“ Ritual?
Sonntags in die Kirche zu gehen.

VIP: Welcher jüdische Gelehrte hat Sie im Leben geprägt und warum?
Ich bewundere den jüdisch-französischen Philosophen Emmanuel Levinas für seine talmudisch-philosophischen Kommentare und seine Theorie, dass nicht der Mensch, sondern das sogenannte „Andere“ das tatsächliche Subjekt biblischer Religion ist.

Ein abschließendes Wort: Ohne Rituale wäre die Welt…
…arm und ohne religiöse Ausdruckskraft.

 

Veranstaltungshinweis:

Vortrag (Englisch)
Marcel Poorthuis : „The Temple Mount on the Internet: fundamentalist currents in a virtual reality“
12. November 2018 | 18 Uhr | Max-Weber-Kolleg, Steinplatz 2, Raum 706