Jun.-Prof. Dr. Bernadette Gold

„Ich sehe noch viele Möglichkeiten, dem wissenschaftlichen Arbeiten im Lehramt eine prominentere Rolle zukommen zu lassen“

Mit ihrem Projekt QUALITEACH bewirbt sich die Universität Erfurt auch in der 2. Förderphase um Mittel aus der von Bund und Ländern geförderten Qualitätsoffensive Lehrerbildung. Die Einreichung des Förderantrags war nun Anlass, eine Bilanz der ersten Förderphase zu ziehen, in der auch das Forschungslabor MasterMind an der Universität Erfurt finanziell unterstützt wird. Wir sprachen mit Jun.-Prof. Dr. Bernadette Gold, der Leiterin des Forschungslabors, über erste Ergebnisse und darüber, wie Lehramtsstudierende systematisch in der Entwicklung einer forschenden Haltung unterstützt werden können.

Frau Gold, wie ist die Arbeit im Forschunglabor angelaufen?
Ich denke, dass wir mit unserem Projekt auf einem guten Weg sind. Prof. Dr. Ernst Hany, der das Projekt im ersten Jahr geleitet hat, hat wichtige Arbeiten zum Ist-Stand an der Universität Erfurt geleistet, auf denen wir die Angebote gut aufbauen konnten. Zum Beispiel wünschen sich Studierende bei ihrer Masterarbeit eine Anlaufstelle für verschiedene Fragen und Probleme, die während der Planung, Durchführung und Auswertung ihrer Arbeit auftreten können. Dementsprechend werden offene Sprechstunden verstärkt wahrgenommen und nachgefragt – ebenso wie Workshops zu verschiedenen Themen des wissenschaftlichen Arbeitens. Auch unsere Forschungswerkstatt wird zum Ende der Masterarbeitsphase gern besucht und als gemeinsamer Arbeitsraum genutzt. Die Angebote nehmen viele Unsicherheiten bei Studierenden, die größtenteils zum ersten Mal selbstständig wissenschaftlich und insbesondere an einem empirischen Projekt arbeiten.

Eine schöne Entwicklung ist auch unser Seminar „Forschendes Lernen für angehende Lehrkräfte“, das in Kooperation mit Schulen stattfindet. Darin werden authentische Fragen, die von Schulen benannt werden, in einer gemeinsamen Diskussionsrunde an die Studierenden herangetragen, die diese Fragen mit ihrem eigenen Interesse verknüpfen und somit ein kleines forschungsorientiertes Projekt relativ selbstständig entwickeln, durchführen, auswerten und die Ergebnisse für die Schulen dokumentieren und aufbereiten. Dabei hat beispielsweise eine Gruppe Interviews zur interprofessionellen Kooperation an der jeweiligen Schule geführt, um für die Schule Erkenntnisse darüber zu gewinnen, was sich einzelne Gruppen an der Schule unter Kooperation vorstellen, welche Hindernisse für gelungene Kooperationen auftreten und welche Bedingungen benötigt werden, um Kooperation zwischen Lehrkräften sowie Erzieherinnen und Erziehern zu fördern. Das Thema war für die Studierenden spannend, weil sie sich der Aufgabe, mit anderen pädagogischen Berufsgruppen und auch mit künftigen Kolleginnen und Kollegen zu kooperieren, in kurzer Zeit selbst stellen müssen. Für die Schule sind die Ergebnisse dieser Befragung natürlich auch hoch interessant und relevant, um eine entsprechende Entwicklung an der eigenen Schule in Gang zu setzen. Im ersten Seminardurchgang hat sich auch gezeigt, dass allein durch die Teilnahme an den Projekten eine innerschulische Diskussion über das jeweilige Forschungsthema angeregt wird. Das ist für die Studierenden und auch für uns natürlich eine tolle Entwicklung! Es ist insgesamt schön zu sehen, dass sich unsere Angebote sukzessive unter den Studierenden herumzusprechen scheinen. Viele zeigen sich sehr interessiert daran, ihre Fragen wissenschaftlich angemessen zu bearbeiten und etwas über Forschung zu lernen.

Sie haben angedeutet, dass die Studierenden Interesse für wissenschaftliches Arbeiten mitbringen. Gibt es dabei auch konkrete und/oder wiederkehrende Themen, die für Studierende relevant sind?
Ja. Die größten Unsicherheiten bzw. Fragen ergeben sich laut unserer Dokumentation und Erfahrungen zum einen bei der Konkretisierung und Formulierung der Forschungsfrage. Vielen ist ganz klar, welches Thema sie interessiert und in welche Richtung ihre Fragestellung gehen soll. Allerdings ist diese meistens noch so unkonkret, dass sie nicht bearbeitbar ist. Eine Frage wie „Wie gut klappt Inklusion?“ ist dabei kein unübliches Beispiel. Meistens wird auch noch gar nicht bedacht, wie die Frage empirisch beantwortet werden kann und in der konkreten Masterarbeit beantwortet werden soll. Dabei geben wir Hilfestellungen: Wie komme ich zu einer konkreten Forschungsfrage, die ich in dem Zeitraum der Masterarbeit angemessen mit den mir zur Verfügung stehenden Ressourcen bearbeiten kann? Was fehlt mir dafür bzw. welche Literatur hilft mir dabei? Wie kann ich den Aufwand einschätzen? Und vor allem: Wie untersuche ich die Fragestellung dann? Daran knüpft eigentlich auch das zweite häufige Anliegen: Welche Forschungsdesigns, Erhebungs- und Auswertungsmethoden gibt es eigentlich und wie kann ich entscheiden, was für mein Ziel angemessen ist? Für Studierende ist es schier unüberschaubar, welche Methoden es gibt und welche sich für welche Art von Fragestellung eignen. Dafür bieten wir eine Orientierung sowie weitere Unterstützung bei der Planung, Durchführung und Auswertung von eigenen Untersuchungen. Dabei ist aber wichtig zu sagen, dass wir den Studierenden nicht vorgeben, was sie tun sollen. Eine methodische Sprechstunde läuft in der Regel so ab, dass Studierende uns ihren aktuellen Stand, die Herausforderungen und ihre Fragen schildern. Oft setzt dies bereits einen Prozess in Gang, der Studierende anregt, ihre Vorgehensweise zu reflektieren. Darauf aufbauend helfen wir den Studierenden bei der Orientierung hinsichtlich empirischer Methoden und dabei, sich selbstständig in Neues einzuarbeiten. Wir erläutern Forschungsdesigns, erklären wissenschaftliche Hilfsmittel oder verweisen auf Studien mit vergleichbarer Methodenwahl. Die Eigenleistung der Studierenden ist dabei sehr hoch, denn sie müssen diese neuen Perspektiven selbstständig beurteilen und letztlich alle Entscheidungen für ihre wissenschaftliche Arbeit selbst treffen. Unser Vorgehen ist im Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“.

Was leisten die Ergebnisse für die Erfurter Lehrerbildung an sich?
Erste Evaluationen zeigen, dass Studierende, die im Rahmen unserer Seminare zum Forschenden Lernen gemeinsam mit Schulen eine Fragestellung selbstständig wissenschaftlich mit unserer Begleitung erarbeiten, nach dem Seminar besser in der Lage sind, Evidenz zu bewerten und ein elaborierteres Verständnis von Wissenschaft und Forschung haben. Das ist uns ganz besonders wichtig, da ein langfristiges Projektziel ist, dass angehende Lehrkräfte dieses Verständnis mit in ihre berufliche Praxis nehmen und dort von ihren Erfahrungen der systematischen und kritischen Problembearbeitung profitieren können.

Was hat Sie im Prozess der Entwicklung des Projektes am meisten überrascht?
Überrascht hat mich immer wieder, wie viele Lehramtsstudierende daran interessiert sind, mehr über Forschung zu erfahren und über konkrete Methoden zu lernen. Aber auch, wie viel Unterstützung – oder zumindest Zuspruch – wir von den Kolleginnen und Kollegen aus unterschiedlichen Fachgebieten erhalten haben. Viele von ihnen empfehlen uns an die Studierenden und / oder kooperieren mit uns. Ich sehe also noch sehr viele Möglichkeiten, dem wissenschaftlichen Arbeiten im Lehramt eine prominentere Rolle zukommen zu lassen. Aber auch diese Prozesse benötigen etwas Zeit, um sich entwickeln zu können.

Apropos Kooperation mit Kolleginnen und Kollegen aus unterschiedlichen Fachgebieten: Wie kann eine solche Zusammenarbeit denn aussehen?
Eine Möglichkeit ist die gemeinsame Seminarsitzungsgestaltung in Projektseminaren, in denen Bachelorarbeiten geplant werden. Da liefern wir punktuell Input zu Themen, Fragestellungen, Forschungsdesigns und Methoden. Dadurch wird natürlich auch unser Projekt bekannter und das Forschungslabor bekommt für die Studierenden „ein Gesicht“, Berührungsängste werden reduziert. Eine andere schöne Entwicklung ist die Auszeichnung der besten Masterarbeiten jedes Jahrgangs. Die jährlich wechselnde Jury diskutiert über die Arbeiten und legt Gütekriterien fest. Und diese Diskussionen werden dann auch in die verschiedenen Fachgebiete hineingetragen. Wir wollen in Kooperation mit der Erfurt School of Education eine Veranstaltung zu „Gütekriterien von Masterarbeiten im Lehramt“ organisieren, um uns noch mehr mit den Fachgebieten auszutauschen, mit denen wir bislang noch nicht so eng zusammengearbeitet haben. Ich rechne da mit großem Interesse.

Und was ist für die zweite Projektphase QUALITEACH geplant?
Wir wollen die Arbeiten der ersten Phase weiterführen, erweitern, modifizieren und vor allem weiter evaluieren, um belastbarere Erkenntnisse über die Wirkung unserer Angebote zu erhalten. Wir werden die Kooperationen mit Schulen erweitern, um gemeinsam mit Studierenden und Praxisvertretern an schulrelevanten Fragen zu forschen. Der Aufbau von Forschungs-Praxis-Kooperationen ist anspruchsvoll, da Schulen natürlich insgesamt über wenig Zeit verfügen und viele Anfragen (nicht nur von Universitäten) erhalten. Der Mehrwert hat sich in ersten Kooperationen sowohl für die Schulen als auch für die Studierenden in Bezug auf ihre Einstellungen gegenüber Forschung deutlich gezeigt. Deswegen suchen wir weiterhin den Dialog mit Lehrerinnen und Lehrern, Schulleiterinnen und Schulleitern.

Außerdem möchten wir das Komplexe Schulpraktikum – unser Praxissemester – an der Uni Erfurt stärker nutzen, um Forschendes Lernen sowie die Berücksichtigung von empirischen Evidenzen für die eigene Unterrichtsplanung mit Praxisphasen zu verknüpfen. Für dieses Vorhaben werden wir von Prof. Dr. Johannes Bauer und Dr. Eva Thomm aus dem Fachgebiet „Bildungsforschung und Methodenlehre“ unterstützt, die sich beide in ihrer Forschung viel mit wissenschaftlichem Denken und Argumentieren beschäftigt haben und unser Projekt mit neuen Impulsen bereichern können. Außerdem wollen wir den Wunsch der Kolleginnen und Kollegen aus den Fachbereiche aufgreifen und ein Spiralcurriculum für Forschendes Lernen aus bestehenden und neu entwickelten Ansätzen konzeptualisieren.

Eine Übersicht über die Ergebnisse aus dem Forschungslabor MasterMind finden Sie unter: www.uni-erfurt.de/qualiteach/teilprojekte/forschungslabor-mastermind/ergebnisse.