Harald Goll

„Die Sensibilisierung für die inklusive Schule trägt erste Früchte“

Mit ihrem Projekt QUALITEACH bewirbt sich die Universität Erfurt auch in der 2. Förderphase um Mittel aus der von Bund und Ländern geförderten Qualitätsoffensive Lehrerbildung. Die Einreichung des Förderantrags war nun Anlass, eine Bilanz der ersten Förderphase zu ziehen, in der auch das Kompetenzzentrum Inklusion an der Universität Erfurt finanziell unterstützt wird. Wir sprachen mit dessen Leiter, Prof. Dr. Harald Goll, über den Stand des Projektes und darüber, wie Lehramtsstudierende in Erfurt auf die Arbeit in der inklusiven Schule vorbereitet werden…

Herr Professor Goll, wie schätzen Sie den aktuellen Stand des Projekts ein?
Zum einen haben sich realtiv vielen Kolleginnen und Kollegenaus den Bereichen der Fachdidaktiken, den Bildungswissenschaften und den Fachwissenschaften gefunden, die dem Thema Inklusion offen gegenüberstehen. Zudem konnten sich die Projektmitarbeiter mit ihren sonder- und inklusionspädagogischen Themen in verschiedenen Lehrveranstaltungen gewinnbringend für die Studierenden und Dozierenden einbringen. Bereits jetzt haben sich enge Kooperationen gebildet, die bereits über einige Semester bestehen und fortgeführt werden sollen. Ein großer Anteil der insgesamt 106 realisierten Lehrveranstaltungen findet bereits im Team-Teaching-Format statt. So bekommen die Studierenden der Lehrämter einen ersten Eindruck, was durch Kooperation in einem multiprofessionellen Team geleistet werden kann. Wir hoffen sehr, dass wir noch weitere Kolleginnen und Kollegen von unserer Projektidee überzeugen können, um weitere Kooperationen aufzubauen.

Erwähnt werden sollte an dieser Stelle auch die Lernplattform „videoLeB“, die den Studierenden und Lehrenden seit Beginn des Sommersemesters zur Verfügung steht und in den Lehrveranstaltungen genutzt werden kann. Darin wurden zwei Kurse für Lehrveranstaltungen online gestellt, ein weiterer ist in Vorbereitung. Im Laufe des Projekts konnten wir insgesamt sieben Schulen, sowohl in staatlicher als auch in privater Trägerschaft gewinnen, deren Unterricht wir aufzeichnen konnten – 38 reale Unterrichtsstunden in verschiedenen Fächern und mit Kindern mit unterschiedlichen Förderbedarfen. Diese Videos werden nun den Dozierenden zur Verfügung gestellt, um sie in den Lehrveranstaltungen einzusetzen.

Was hat Sie im Ablauf des Projektes am meisten überrascht?
Tatsächlich gab es in diesem Projekt sehr viel, was mich überrascht hat. Zum einen, dass auf Seiten der Kolleginnen und Kollegen der Fachwissenschaften, Fachdidaktiken und Bildungswissenschaften doch ein so großes Interesse an sonderpädagogischen und inklusionsspezifischen Themen besteht und zum anderen, dass die Projektmitarbeiter auch die Möglichkeit hatten, ihre Themen in den bereits bestehenden Veranstaltungen und Seminarkonzepten zu verankern. Erfreulich auch, dass unsere Symposien und Inklusionsforen der vergangenen zwei Jahre so gut besucht wurden. Und auch unsere Vorträge und Workshops stießen auf sehr viel Resonanz. Überrascht hat mich, dass es doch sehr schwierig ist, Schulen und vor allem Lehrkräfte zu finden, die ihre Arbeit im gemeinsamen Unterricht für Videoaufnahmen zur Verfügung stellen wollen. Das Thema Videografie ist immer noch ein sehr heikles Thema und stößt bei vielen Lehrkräften in den Schulen auf Skepsis.

Was ist für die 2. Förderphase im Projekt geplant?
Unser Ziel ist es, Lehrende und Studierende weitergehend für das Thema Inklusion zu sensibilisieren. Dazu gehört, dass wir Lehrveranstaltungen planen und umsetzen werden, in denen die Studierenden Kenntnisse über beispielsweise einzelne Förderschwerpunkte und Möglichkeiten zur Individualisierung von Unterricht erwerben. Außerdem sollen die Studierenden durch gemeinsame Lehrveranstaltungen der Sonderpädagogik, der Bildungswissenschaften und der Fachdidaktiken auf die Zusammenarbeit in multiprofessionellen Unterrichtsteams vorbereitet werden. Dadurch sollen Lehrende und Studierende die Expertise der anderen an Inklusion beteiligten Professionen sowie auch Modelle des gemeinsamen Unterrichts kennenlernen und erproben. Außerdem möchten wir zwei weitere grundlegende Heterogenitätsdimensionen – Mehrsprachigkeit und besondere Begabungen – in das Teilprojekt integrieren und mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus der Philosophischen und der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät bearbeiten.

 

Hintergrund Kompetenzzentrum Inklusion

Das Kompetenz- und Entwicklungszentrum Inklusion führt an der Universität Erfurt Formen des Team-Planning und Team-Teaching ein, evaluiert und optimiert sie. Lehrende der Bildungswissenschaften bzw. Fachdidaktiken/Fachwissenschaften erhalten dabei die Möglichkeit, gemeinsam mit den Sonderpädagogen im Zentrum inklusionsspezifische Themen und Fragestellungen aufzuarbeiten, um sie künftig als festen Bestandteil ihrer Lehrveranstaltungen zu verankern.

Der zweite Schwerpunkt des Kompetenzzentrums besteht in der Konzeption, Erstellung und Evaluation videobasierter Lerneinheiten zu möglichen Problemlagen von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Diese sollen als besondere Lehrformate in der Fachdidaktikausbildung eingesetzt werden.

Das Kompetenz- und Entwicklungszentrum organisiert darüber hinaus Workshops, Kolloquien und Diskussionsrunden zum Thema Inklusion in der Lehrerbildung. Die Angebote richten sich nicht nur an Lehrende und Studierende der Universität Erfurt, sondern richten sich ebenso als Angebot an die zweite und dritte Phase der Lehrerbildung in Thüringen.

Eine Übersicht über die Ergebnisse der Arbeit des Kompetenzzentrums Inklusion finden Sie unter: www.uni-erfurt.de/qualiteach/teilprojekte/kompetenzzentrum-inklusion/ergebnisse.