Prof. Dr. Alexander Thumfart

Nachgefragt: „Welche Bedeutung hat das Jahr 1968 bis heute, Herr Professor Thumfart?“

Die Ereignisse von 1968 stehen bis heute – 50 Jahre nach der Bewegung – für eine gesellschaftliche, politische und auch kulturelle Rebellion. Und selbst, wenn die Protestierenden von damals vielleicht bereits im Ruhestand sind, wird über das 1968er-Jahr auch fünf Jahrzehnte später noch leidenschaftlich diskutiert. „WortMelder“ hat bei Alexander Thumfart, apl. Professor für Politische Theorie an der Staatswissenschaftlichen Fakultät der Uni Erfurt, nachgefragt: „Welche Bedeutung hat das Jahr 1968 bis heute, Herr Professor Thumfart?“

„Die Jahreszahl 1968 ist hoch aufgeladen mit Bedeutungen, Bildern, kollektiven Erinnerungen und (sehr unterschiedlichen) Gefühlen. Meist mischen sich noch Fetzen von Musikstücken und Filmen in diese diffusen Assoziationen und medial produzierten Inszenierungen der Zeit von ‚1968‘. Dabei ist ‚1968‘ weit mehr als ein Jahr. Wir sollten ‚1968‘ als Symbol verstehen für eine etwas größere Zeitspanne und für eine Vielfalt von Ereignissen, die auf dem gesamtem Globus verteilt stattgefunden haben und die mit einander in Beziehung standen, sich aufeinander bezogen und voneinander inspiriert wurden. ‚1968‘ lässt sich besser als ein nicht scharf begrenzbarer Zeitraum beschleunigten gesellschaftlichen Wandels weltweit verstehen.

Die Auslöser dieser gesellschaftlichen Veränderungen sind ohne Zweifel länderspezifisch, aber es gibt gemeinsame und tatsächlich globale Ursachen, an erster Stelle der Krieg der USA in Vietnam (und später der Krieg in Biafra). Im Februar 1966 kommt es in Berlin zu den ersten größeren Protesten gegen den Vietnam-Krieg, im Juni wird unter anderem vom britischen Philosophen Bertrand Russell in London die Vietnam Solidarity Campaign gegründet und Ende 1966 beginnen die großen Proteste an der London School of Economics. Parallel wächst die Black Panther Party als radikaler Protest gegen den Rassismus in den USA und in Spanien gibt es erste Demonstrationen gegen den Diktator Franco. Diese zivilgesellschaftlichen öffentlichen Proteste gegen eine jeweils gegebene politische und soziale Ordnung, die als bellizistisch, zynisch, elitär, exklusiv, repressiv erfahren und bezeichnet wird, werden die nächsten Jahre nicht aufhören, sondern zunehmen und sich verbreiten. Im Frühjahr 1967 erklärt – der wohl beste Boxer aller Zeiten – Muhammad Ali, er werde als farbiger US-Soldat nicht dabei helfen, eine andere arme Nation für die ‚Vorherrschaft weißer Sklavenherren‘ zu bekämpfen und zerreißt seinen Einberufungsbefehl. Ende November 1967 kommt es in Tokio zur ersten Selbstverbrennung gegen die Beteiligung Japans am Vietnam-Krieg und in Prag läutet im Januar 1968 der Reformkommunist Alexander Dubček als Erster Sekretär der KP der ČSSR den ‚Prager Frühling‘ ein. Im Pariser Mai besetzen Studierende die Sorbonne und liefern sich mit der Polizei tagelange Straßenkämpfe, für die sie von Arbeitern Unterstützung erhalten. Staatspräsident Charles de Gaulle befürchtet daraufhin einen Staatsstreich und flieht kurzzeitig nach Baden-Baden.

In Rio de Janeiro, Melbourne, Berkeley, Turin, Sizilien, Mexiko, Berlin, Warschau, London (und sogar Moskau) gehen Millionen gegen ihre Regierungen auf die Straße. Was zunächst als vornehmlich studentischer Protest begann, entwickelt sich (länderspezifisch) zu einer gesellschaftsweiten Bewegung des Widerspruchs, der Unzufriedenheit, der Ablehnung des Gegebenen und der Hoffnung auf Veränderung und Aufbruch. Gefordert werden (grosso modo) breite demokratische politische Beteiligung, soziale und vor allem auch ökonomische Mitbestimmung oder gar Transformation der Eigentumsverhältnisse, Gleichberechtigung und Anerkenntnis von Differenz, Emanzipation und kollektive oder gruppenspezifische Selbstbestimmung und eine Veränderung der internationalen Welt hin zu Frieden, Solidarität und Gerechtigkeit. Am ersten One Earth Day im April 1970 beteiligen sich allein in den USA 20 Millionen Bürgerinnen und Bürger.

Wenn man etwas zuspitzt, dann wird (paradox formuliert) im ‚Symbol 1968‘ die Dissidenz zur Normalität und zur Norm erhoben. Hat Theodor W. Adorno bemerkt, es könne kein wahres Leben im falschen geben, ist Abweichung, Distanzierung, Ablehnung dieses falschen Lebens neuer Grundkonsens. Die Abweichung vom bisher gesellschaftlich Geforderten, Normalen, Üblichen, Erwarteten, Braven hat alle Lebensbereiche erfasst: vom Kindergarten, der jetzt Kinderladen heißt, über die Universitäten (etwa einer Ernst-Bloch-Universität in Tübingen), die Mode (Mini-Rock), die Sexualität (die Pille), die Familien (sogenannte Kommunen und Lebensgemeinschaften), die Fabriken (Mitbestimmung, Genossenschaften, Streik), die Kirchen bis hin zur Politik. Deren Wandel findet in der Wahl Willy Brandts zum ersten sozialdemokratischen Bundeskanzler und in dem Rücktritt Richard Nixons (Tricky Dicky) in den USA ihren selbst symbolischen Ausdruck. Nicht-Einverstanden-Sein, Hinterfragen, artikulierter Widerspruch, Kritik, organisierter Protest, emanzipativer Anspruch sind Grundhaltungen, die durch ‚1968‘ zur gesellschaftlich anerkannten Selbstverständlichkeit und kulturellen Praxis geworden sind.

Die konkrete Umsetzung dieses Anspruchs hat natürlich Zeit in Anspruch genommen, ging in Metropolen zügiger als in Peripherien, in spezifischen Gesellschaftssegmenten schneller als in anderen, in einigen Ländern verspätet und zögerlich, in einigen Politikfeldern weiter als in anderen. Insgesamt haben sich (nicht nur) westliche Gesellschaften liberalisiert, transformiert und ein Klima der Offenheit, Kritik, Durchlässigkeit, Pluralität und Toleranz entwickelt (mit leider auch dramatischen Ausnahmen von Chile über China bis zur Tschechoslowakei). Verschweigen wir nicht die ideologischen Wege in Gewalt und Terror, die einige aus der Haltung des Protests heraus gegangen sind, ob in Japan, West-Deutschland, Italien oder Frankreich. Dennoch: ‚1968‘ steht für die (massive) gesellschaftsweite transformative Kritik des Bestehenden und die Anstrengung wie Freude an Abweichung und Emanzipation. Wie weit das ‚Symbol 1968‘ als Beschreibung der Gegenwart dienen kann, steht auf einem anderen Blatt. Ob wir im Schatten von ‚1968‘ liegen oder ‚1968‘ vergessen (oder gar verraten) haben, sind Fragen, die kontrovers diskutiert werden und die zu stellen sich lohnt.“