Clemens Leonhard

Willkommen, welcome: Prof. Dr. Clemens Leonhard ist neuer Fellow am Research Centre „Jüdische Rituale“ der Uni Erfurt

Zur Judaistik als Forschungsgebiet kam Clemens Leonhard eher unerwartet bei seinem Auslandsstudium an der Universität Toronto: Über einen Kurs, der als Sprachkurs begann, lernte er dort die bedeutendste Schrift des Judentums kennen, den Talmud. Schließlich führte eines zum anderen: Nach Studien in Theologie, Anglistik und Orientalistik wurde er 1999 in Wien zum Thema ostsyrischer Psalmenauslegung promoviert. Regelmäßig besuchte er Lehrveranstaltungen bei dem renommierten Wiener Judaisten Günter Stemberger, was ihn thematisch und methodisch nachhaltig prägte und fortan christliche und jüdische Rituale zu seinem Forschungsfeld machte. So habilitierte sich Clemens Leonhard 2004 zu den Gemeinsamkeiten und Unterschieden des jüdischen Pessach und des christlichen Osterfests und untersuchte anschließend als Humboldt-Fellow in Bonn die Beziehungen zwischen jüdischer und christlicher Liturgie im Kontext der antiken Mahlkultur. Seit 2006 ist er Professor für Liturgiewissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und in dieser Funktion ab 2008 auch Mitglied des Excellence-Clusters „Religion und Politik in den Kulturen der Vormoderne und der Moderne“. Nicht verwunderlich also, dass ihn sein Weg auch an die Universität Erfurt führen musste, wo er seit dieser Woche Fellow am Research Centre „Dynamik ritueller Praktiken im Judentum in pluralistischen Kontexten von der Antike bis zur Gegenwart“ am Max-Weber-Kolleg (MWK) ist. Für seine aktuelle Ritualforschung möchte Leonhard vier Wochen lang mit Günter Stemberger zusammenarbeiten, der ebenfalls Fellow am MWK ist. Leonhard Clemens in der Kurzvorstellung:

Herr Leonhard, einmal ganz einfach gesagt: Wie würden Sie einem Kind Ihr jetziges Forschungsprojekt erklären?
Die Römer, die vor langer Zeit in Italien und anderen Ländern herrschten, haben das größte und schönste Gebäude, das es in Jerusalem vor 2000 Jahren gab, nämlich den Tempel, im Krieg verbrannt und abgerissen. Außerdem haben sie den Juden, die damals in der Gegend gelebt haben, verboten, ihn wiederaufzubauen. Der Tempel war aber sehr wichtig für den Glauben und das Leben der Juden. Viele Juden, die im Tempel gearbeitet haben, wurden im Krieg umgebracht. Nach einiger Zeit begannen sich sehr gebildete Juden Gedanken zu machen, wie man ohne einen solchen Tempel immer noch jüdisch leben könnte. Dabei sind sie auf verschiedene Gedanken gekommen. Unter anderem haben sie begonnen, zu erzählen und aufzuschreiben, was am Tempel gemacht worden war. Außerdem wollten sie auch Regeln aufstellen, wie man es noch besser machen könnte. Sie hofften, dass sie irgendwann wieder einen neuen Tempel in Jerusalem bauen können.
Heute will ich verstehen, woran sich die Juden dieser Zeit wirklich noch erinnert haben und welche Dinge sie neu erfunden haben. Ich überlege auch, woher die Juden etwas über den alten Tempel wussten, nachdem er schon längere Zeit zerstört war. Gab es noch ganz alte Leute, die sich selbst daran erinnerten? Hatten sie vielleicht Bücher darüber, die wir nicht mehr kennen? Haben manche vielleicht nur allgemein erzählt, was man in einem Tempel so macht? Es war wahrscheinlich leicht, zu vergessen, wie manche kleinen Ecken, Dächer, Treppen, unterirdischen Gänge und zugemauerten Tore im Tempel ausgesehen haben und was man dort gemacht hat.

Kurz und knackig: Ihr Forscheralltag in drei Worten?
alte Texte lesen – suchen, was andere dazu gesagt haben – neue Texte darüber schreiben

Mal in die Zukunft gesponnen: Welche Fragestellungen könnten die Ritualforschung in zehn Jahren beschäftigen?
Ich sehe die Ritualforschung aus dem Blickwinkel eines ihrer Sektoren, der Liturgiewissenschaft. Diese wird/soll die Konzentration auf große, normative, offizielle Rituale (wie es ja oft bereits geschieht) weiter reduzieren und sich mehr mit Fragestellungen und Methoden beschäftigen, die in der Ethnologie entwickelt werden. Selbstverständlich wird es nicht möglich sein, den Datenfilter unserer schönsten und beeindruckendsten historischen Quellen, die vor allem jene normativen Großrituale überliefern, auf unsere Fragen hin durchsichtig zu machen. Außerdem werden wir nicht über Nacht von Textlesern zu Ethnologen oder Archäologen. Dennoch können sich in diesem Sinn die Interessen und Forschungsschwerpunkte langsam verschieben. Wenn liturgiewissenschaftliche Ritualforschung dann – in zehn Jahren – wieder zu einem größeren Interesse an jenen normativen, offiziellen Ritualen zurückkehrt, wird sie diese in einem anderen Licht und in anderen Kontexten verstehen. Dasselbe gilt für den Rückblick in die Geschichte, besonders die ältere Geschichte jüdischer und christlicher Rituale, die sie dadurch hoffentlich besser verstehen kann, dass sie sie nicht mehr nur als Vorgeschichte der heutigen, normativen Rituale interpretieren muss.

Vom Angelurlaub bis zur Zahnseide: Was ist Ihr persönlich „heiligstes“ Ritual?
Diese Frage ist leider nur metasprachlich zu beantworten. Ich bemühe mich, ritualisiertes Handeln in der Erfüllung alltäglicher, lebenspraktischer Funktionen möglichst zu vermeiden und bin bestürzt, wenn mir jemand nachweist, dass ich im Alltag „heilige“ Gegenstände (wie zugegebenermaßen meinen Druckbleistift) habe, oder außerhalb von anerkanntermaßen religiösen Zusammenhängen heilige Handlungen (hoffentlich keine!) vollziehe. Ich bin absolut überzeugt, dass ich im Straßenverkehr nicht weniger sicher vor Unfällen bin, wenn ich meinen Druckbleistift vergessen habe – ganz im Gegensatz dazu, ob das Rücklicht funktioniert, das ich mit dem Lötkolben und nicht mit einer Beschwörung repariere.

VIP: Welcher jüdische Wissenschaftler/jüdische Wissenschaftlerin hat Sie im Leben geprägt und warum?
Tirzah Meacham von der University of Toronto. Ich bin als Master-Student nach Toronto gegangen, um meine Kenntnisse in (uralt ) altorientalischen Sprachen (in Keilschrift) zu vertiefen. Ich hatte davor insgesamt höchstens drei Seiten Talmud übersetzt und keine Ahnung vom Judentum. Ich hatte den Studienaufenthalt in Toronto grottenschlecht geplant. Einer der interessantesten Wissenschaftler, mit dem ich arbeiten wollte, tauchte zwar im Vorlesungsverzeichnis auf, war aber auf einem „Sabbatical“. Beim Studienplanungsgespräch vor Ort fragte mich der Graduate Coordinator, ob ich vielleicht Palästinisches Aramäisch machen wollte. Wollte ich. Den Kurs hielt Tirzah Meacham. Sie sagte gleich am Anfang: Aramäisch kommt im Palästinischen Talmud vor. Wer den Talmud verstehen will, muss die Mischna lesen. Also lesen wir jetzt Mischna (in Hebräisch). Ihre Begeisterung für die rabbinischen Texte habe ich übernommen. Als ich nach dem Studienjahr aus Toronto zurückkam, hatte ich zwar auch palästinisches Aramäisch studiert, konnte mir aber ein Leben ohne Beschäftigung mit dem Talmud nicht mehr vorstellen. Und dann stellte sich heraus, dass ich in genau der Stadt lebte, in der Günter Stemberger lehrte. Seine Einleitung in Talmud und Midrasch hatte ich in Toronto ständig benutzt. Für die Fortsetzung der Begeisterung für rabbinische Texte war also gesorgt.

Ein abschließendes Wort: Ohne Rituale wäre die Welt…
funktionsunfähig.

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