Dr. Bernd-Christian Otto

Nachgefragt: „Wie viel Magie steckt noch in der Gegenwart, Herr Otto?“

Am 17. September wird im Verlag Palgrave MacMillan unter dem Titel „Magical Manuscripts in Early Modern Europe. The Clandestine Trade in Illegal Book Collections“ ein neues Buch von Dr. Bernd-Christian Otto von der Universität Erfurt und Daniel Bellingradt, Juniorprofessor für Buchwissenschaft an der FAU in Erlangen, erscheinen. Darin analysieren die beiden Historiker eine Jahrhunderte alte Sammlung von Handschriften mit Zaubersprüchen, die sie eher zufällig in der Leipziger Universitätsbibliothek entdeckt hatten, und geben Einblicke in Rituale und Praktiken, mit denen man seinerzeit zum Beispiel Geister beschwor oder sich unsichtbar machte. Aus heutiger Sicht alles Hokuspokus oder ist etwas dran an den magischen Praktiken von damals? „WortMelder“ hat bei Dr. Bernd-Christian Otto nachgefragt: „Wie viel Magie steckt noch in der Gegenwart, Herr Otto?“

„,Magic in Modernity‘ war ein wichtiges Schlagwort in der Magieforschung der vergangenen Jahre und hat es auf die Titelseiten einiger wissenschaftlicher Studien geschafft. Was verbirgt sich dahinter? Wie zu erwarten bei zwei so vielschichtigen Begriffen: eine ganze Menge. Verengt man den Blick nicht künstlich auf den vermeintlich ,säkularisierten‘ westeuropäischen Raum, fallen einem sofort üppige zeitgenössische Ritualdiskurse und -traditionen in einigen afrikanischen Ländern ein, die dort regelmäßig und bis zuletzt zu legislativen Verboten, bis hin zu ,Hexenverfolgungen‘ unterschiedlicher Reichweite und Intensität geführt haben. Ähnliches lässt sich auch in Indien beobachten: im Bundesstaat Maharashtra sind erst 2013 neue Magiegesetze beschlossen worden, um hiesige Ritualdienstleister zu kriminalisieren. Auch aus dem südamerikanischen, etwa dem brasilianischen Raum, ist bekannt, dass Kurzrituale zur Bewältigung alltäglicher Sorgen und Bedürfnisse – sogenannte ‚Simpatias‘ (von ‚Sympathie‘ – ‚Anziehung‘) – unter der Bevölkerung weit verbreitet sind. Selbiges gilt auch für einige muslimische Länder in Nordafrika, etwa für Syrien, wo vor dem Krieg das Tragen von astrologischen Talismanen oder auf Papier aufgemalten numerologischen Zellenquadraten (das sogenannte ‚ḫatim‘ – wörtlich ‚Siegel‘) – meist unter der Kleidung – weit verbreitet war. Seit dem Krieg werden diese Praktiken noch zugenommen haben. Fasst man unter ,Magie‘ eine rituelle Kunst, die das Leben schützen, erleichtern oder optimieren soll, ist sie in der Gegenwart global gesehen sehr präsent. Man muss nicht, wie es in der jüngeren psychologischen Literatur über ,magical thinking‘ mitunter geschieht, den Magiebegriff artifiziell um den Glauben an Engel, Glücksbringer, Omen, Telekinese, Astrologie, Homöopathie oder sogar die magische Kraft der Liebe erweitern, um dieser Omnipräsenz gewahr zu werden.

Doch auch bei uns in Europa ist sie keinesfalls so marginal, verborgen oder vergessen, wie man vielleicht vermuten mag. Tenor der eingangs angesprochenen Literatur ist, dass die Moderne die ,Magie‘ gar nicht verdrängt habe (Max Webers klassische Entzauberungsthese), sondern nur transformiert, mithin neue Formen der ,Magie‘ hervorgebracht habe. Diese Diagnose wirkt recht vage, und trifft vielleicht nicht einmal den Kern der Sache. Wenn man ,Magie‘ und ,Rituale‘ allein  in die Suchmaschine eines großen Online-Buchhändlers eingibt, werden mehr als 6.600 deutschsprachige Ritualhandgeber ausgespuckt, die jedermann rasch in die magische Praxis einzuführen versprechen. Leider gibt es bislang kaum Forschung dazu, wer diese Manuale eigentlich kauft, nutzt, und wieviel Erfolg er/sie damit hat. Auch die zahlreichen hiesigen Ritualdienstleister, die ihr Praxis-Wissen im Internet oder per Zeitungsannonce anbieten, operieren bislang weitgehend unterhalb des wissenschaftlichen Radars. Es gibt nur eine einzige Feldforschungs- und Interviewstudie mit Blick auf den deutschsprachigen Raum aus den frühen 2000er-Jahren – Gerhard Mayers Studie Arkane Welten –, deren Ergebnisse sich allerdings kaum generalisieren lassen, da Mayer gerade einmal elf Praktizierende mittels qualitativer Interviews befragt hatte. Die wichtigste englischsprachige Feldforschung stammt noch aus den späten 1970er-Jahren und bezog sich damals nur auf eine einzige Gruppierung in Großbritannien, die von Dion Fortune gegründete Society of the Inner Light. Die reale zeitgenössische Praktizierenden-Szene wird eher viele Tausend Personen umfassen und ist zudem aufgesplittert in zahlreiche Schulen, Strömungen und ‚Bruderschaften‘, deren Historien zum Teil in das späte 19., frühe 20. Jahrhundert zurückreichen. Auch über die Binnenstrukturen dieser Szene gibt es im Moment keinen auch nur annähernd vollständigen wissenschaftlichen Überblick.

Steht diese zeitgenössische Praktizierenden-Szene mit meinem neuen Buch über eine gelehrtenmagische Handschriftensammlung aus dem Leipzig des frühen 18. Jahrhunderts in Verbindung oder sind dies zwei gänzlich getrennte Gegenstandsbereiche? Auch hier gibt es mehr Bezüge, als man zunächst annehmen mag. Das hat damit zu tun, dass Rituale, die in Texten festgehalten werden, über lange Zeiträume tradiert werden können, und dass Praktizierende – darin unterscheiden sich heutige nicht von solchen des 19. oder 18. Jahrhunderts – immer auf der Suche nach vielversprechenden Ritualskripten waren und sind. Je älter, desto authentischer ist zudem eine häufige Annahme in Praktizierenden-Milieus. Daher ist auch das komplexe, 18 Monate andauernde ‚Abramelin‘-Ritual, zu dem sich eine vollständige Abschrift in der Leipziger Sammlung befindet, im frühen 20. Jahrhundert von Aleister Crowley (allerdings nach einer verkürzten Vorlage) durchgeführt worden, wodurch Crowley schließlich glaubte, mit seinem ‚holy guardian angel‘ dauerhaft Kontakt aufgenommen zu haben. In der Folge wurde das ‚Abramelin‘-Ritual Bestandteil der Ausbildung in seinem eigenen gelehrtenmagischen Orden ‚Ordo Templi Orientis‘ (OTO), der bis heute – auch in Deutschland – operiert. Auch das bedeutsamste frühneuzeitliche Manual zur Beschwörung von Dämonen – der sogenannte ‚Schlüssel Salomos‘ (Clavicula Salomonis) –, das in Leipzig in sieben verschiedenen Abschriften vorliegt, wird im Praktizierenden-Diskurs bis heute tradiert und praktiziert. Die Leipziger Sammlung bedient zudem das Genre komplexitätsreduzierter Kurzrezepte für allerlei tägliche Nöte (sogenannte ‚Brauchbücher‘), die im 19. Jahrhundert in gedruckte Sammlungen wie das Romanusbüchlein eingingen und über historische Rezeptions- und Diffusionsprozesse u.a. in die Amerikas auswanderten, wo sie bis heute, etwa in Brasilien, oder auch bei Nachfahren deutscher (mennonitischer) Emigranten in Pennsylvania, praktiziert werden (bei Letzteren heißt die Kunst nun ‚Pow-wow‘).

Sind diese Brauch-Rituale noch recht simpel und zumindest aus Praktizierenden-Perspektive (angeblich) mit dem christlichen Glauben vereinbar, stellen jene überaus komplexen, langwierigen frühneuzeitlichen Manuale zur Dämonenbeschwörung – wie das Clavicula Salomonis – eine andere ,Hausnummer‘ dar: Die Zahl zeitgenössischer Praktizierender, die so wagemutig sind, solcherlei Skripte im 21. Jahrhundert zur Anwendung zu bringen – und die ihre empfundenen Effekte und Erfolge häufig in Tagebüchern, Monografien oder Internet-Berichten festhalten –, ist zwar global gesehen relativ klein. Zählt man aber neureligiöse Bewegungen, die Elemente aus diesen Texten in ihre Praxis übernommen haben, hinzu – etwa die ‚Hexenreligion‘ Wicca, deren erwachsene Mitglieder weltweit auf ca. 800.000 geschätzt werden –, und berücksichtigt zudem die offensichtlichen Parallelen zum derzeit wieder erstarkenden kirchlichen Exorzismus, scheint doch einiges an ,Magie‘ in der Gegenwart zu stecken. Ich würde in diesem Zusammenhang allerdings nicht so weit gehen, ,Magie‘ mit Blick auf den Wandlungsmoment während der Eucharistie auch noch im Herzen des Christentums zu verorten: ‚hoc est corpus‘ als ‚hocus pocus‘ zu verunglimpfen, ist nichts als protestantische Polemik. Jede Religion braucht das Mirakulöse, Außeralltägliche, Wunderbare – dieses ist gerade kein Alleinstellungsmerkmal magischer Traditionen.“