Petra Eweleit

„Der Beruf ist mein Leben“: Petra Eweleit über 15 Jahre „Fremde werden Freunde“

Es bringt Menschen und Kulturen zusammen, schafft tiefe Freundschaften und leistet einen großen Beitrag für mehr Weltoffenheit, Toleranz und Gastfreundschaft in Erfurt – das Projekt „Fremde werden Freunde“. 2002 haben Universität, Fachhochschule und Stadtverwaltung Erfurt sowie das Thüringer Institut für Akademische Weiterbildung e.V. als Projektträger die Initiative ins Leben gerufen, die ausländischen Studierenden Paten aus Erfurt vermittelt. Fast 2.000 Patenschaften sind bislang zustande gekommen. Im Interview mit der Projektleiterin und Mitbegründerin Petra Eweleit blicken wir auf 15 Jahre des Patenprogramms zurück…

Frau Eweleit, Sie sind von der ersten Stunde bei „Fremde werden Freunde“ dabei. Wie hat alles angefangen?
Ausgangssituation war, dass jedes Jahr immer mehr Studierende aus dem Ausland an die Universität und die Fachhochschule Erfurt kamen. Gleichzeitig gab es vereinzelte fremdenfeindliche Übergriffe in Thüringen. Das brachte uns zu der Frage, wie wir unsere internationalen Studierenden integrieren könnten. Bei der Recherche entdeckten wir ein Patenschaftsprogramm in Frankfurt/Oder, das sich polnischen Studierenden an der Europa-Universität Viadrina widmete. Davon inspiriert haben wir ein Gastgeberprogramm für Erfurt entwickelt. Der Begrüßungsabend im November 2002 bildete schließlich unsere offizielle Auftaktveranstaltung. Damals konnten wir 44 Studierende aus neun Ländern mit ihren Paten zusammenbringen. Heute betreue ich rund 300 Patenschaften mit Studierenden aus über 60 Ländern.

Sie sprechen von „Wir“. Wer war noch an der Gründung beteiligt?
Zum Gründungsteam gehörten die damalige Vizepräsidentin der Universität Erfurt, Ursula Lehmkuhl, die damalige Ausländerbeauftragte der Landeshauptstadt Erfurt, Renate Tuche, die Leiterin des Internationalen Büros der Universität Erfurt, Manuela Linde, und Cornelia Witter, die Auslandsreferentin der FH Erfurt. Gemeinsam haben wir die ersten konkreten Schritte festgelegt und Aufgaben verteilt. Und dadurch, dass ich bereits seit 1968 in Erfurt lebe und zuvor als Leiterin der Deutsch-Ausländischen Gesellschaften tätig war, konnten wir bei der Patensuche bereits auf ein gutes Netzwerk zurückgreifen.

Was sind Ihre Aufgaben im Projekt?
Ich organisiere die Patenschaften. Dazu gehört zunächst, dass ich um ausländische Studierende und Paten „werbe“. Zu Beginn jedes Semesters stelle ich den „Neuankömmlingen“ an Uni und FH das Projekt vor. Das Anwerben von Paten ist aufwendiger. Netzwerken und Öffentlichkeitsarbeit sind dabei die wichtigsten Aufgaben: von der Verteilung von Flyern und Plakaten in der Stadt, über Pressemitteilungen bis hin zur Organisation von Veranstaltungen. Aber auch sonst mache ich eigentlich dauernd Werbung für unser Projekt (lacht). Und: Mund-Propaganda ist sehr effektiv. Oft melden sich auch Freunde oder Arbeitskollegen eines Paten für das Projekt an.

Sie haben dann also zwei Listen: eine mit Paten-Studierenden und eine mit potenziellen Paten. Wie finden Sie den besten „Deckel zum Topf“?
Ich schaue im Vorfeld ganz genau, wer zu wem passen könnte. Dafür habe ich mittlerweile ein gutes Gefühl entwickelt. Alter, gemeinsame Interessen, Fremdsprachenkenntnisse und die Nationalität sind wichtige Faktoren für ein gutes „Gespann“. Obendrein habe ich durch die persönlichen Kontakte zu den Studierenden und durch meine Auslandsreisen in all den Jahren viele kulturspezifische Besonderheiten kennengelernt, die ich in meine Arbeit einfließen lasse. Chinesen schätzen z.B. ältere Paten, gleiches gilt für Afghanen und Pakistanis. Bei ihnen ist der familiäre Zusammenhalt meist viel enger als bei uns in Deutschland. Sie schätzen in unsem Projekt die familiäre Geborgenheit, den Respekt vor dem Alter usw.

Was ist denn die Motivation der Paten?
Die sind unterschiedlich motiviert. Manche haben z.B. bei einen eigenen Auslandsaufenthalt Gastfreundschaft erfahren und möchten etwas zurückgeben. Damit einher geht in vielen Fällen das Interesse an der jeweiligen Kultur. Andere, vor allem Ältere, bei denen die eigenen Kinder aus dem Haus sind, möchten sich gern wieder „um jemanden kümmern“. Ein weiterer wichtiger Grund für viele Paten ist, dass die eigenen Fremdsprachen-Kenntnisse erweitert werden können, dass man aus erster Hand etwas über andere Religionen erfährt, über die Lebensweise in anderen Ländern u.v.a.m. Aber natürlich unterstützen die Paten auch die Studierenden beim Erlernen und Festigen der deutschen Sprache. Und nicht selten entdecken die Gastgeber gemeinsam mit ihren „Patenkindern“ die eigene Heimat neu.

Wo liegen aus Ihrer Sicht die Vorteile für Neuankömmlinge?
Für die Studierenden liegt der Vorteil, meiner Meinung nach, auf der Hand. Sie haben Kontakt zu Einheimischen und erleben hautnah, wie Deutsche leben und ticken. Vor allem können sie ihre Deutsch-Kenntnisse anwenden und dabei deutlich verbessern. Gleichzeitig lernen sie die Stadt und die nähere Umgebung kennen. Manche Paten nehmen sie sogar mit in den Urlaub! Zudem bekommen die Studierenden Hilfestellung bei organisatorischen Dingen, wie beispielsweise der Suche nach einer Wohnung. Darüber hinaus konnte ich schon ca. 60 internationalen Studierenden dabei helfen, einen Job zu finden. Das ist vor allen Dingen durch unsere Kontakte zur Thüringer Wirtschaft und Kooperationen z.B. mit den Wirtschaftsjunioren, der IHK und der HWK, dem Noxus-Wirtschaftsnetz und dem Welcome Center möglich.

Man merkt, dass Sie für das Projekt brennen. Hat diese Leidenschaft auch Einfluss auf Ihr privates Leben?
Ja, definitiv. Der Beruf ist mein Leben und mein Herzblut. Anders gesagt: Hobby und Beruf sind bei mir mittlerweile eins. Vor über zwölf Jahren übernahm ich selbst die Patenschaft für einen pakistanischen Studenten: Hasnain Bokhari. Damals war er Neuankömmling, heute sind wir Kollegen – er ist Mitarbeiter an der Universität Erfurt. Hasnain ist sympathisch und zuverlässig, so dass sich da eine echte Freundschaft entwickelt hat. Eigentlich ist er wie mein Sohn. Seit etwa zwei Jahren bin ich die „Patenmutti“ für seine ganze Familie, denn mittlerweile hat er geheiratet, und mein „Paten-Enkelkind“ wurde gerade ein Jahr alt. Wir treffen uns nach wie vor regelmäßig und unternehmen etwas gemeinsam. Zudem unterstützt er mich sehr, wenn es darum geht, unser Projekt zu promoten.

Was waren, abgesehen vom eigenen „Patenkind“, Höhepunkte für Sie?
Die Begrüßungsabende und unsere gemeinsamen Exkursionen sind für mich immer wieder eine wunderbare Erfahrung. Auch unsere Wanderausstellung „Fremde werden Freunde – Gesichter“ hat mich stolz gemacht. Diese war in über 20 Einrichtungen der Stadt, u.a. im Landtag, zu sehen. Die 50 großformatigen Schwarz-Weiß-Fotos wurden von einem unserer Paten organisiert. Höhepunkt war bisher jedoch die Auszeichnung des Projekts durch das Auswärtige Amt 2010 in Bonn. Dort durften wir den „Preis für exzellente Betreuung ausländischer Studierender an deutschen Hochschulen“ entgegennehmen. Daneben gab es in den 15 Jahren zahlreiche andere Auszeichnungen bzw. Würdigungen. Auch die Begegnung mit unserem Ministerpräsidenten Bodo Ramelow auf dem Domplatz zu den Kirchentagen Ende Mai, anlässlich des 500-jährigen Jubiläums der Reformation war ein Highlight. Vor über 1000 Gästen durfte ich mit Paten und ausländischen Studierenden gleich zu Beginn unser Projekt vorstellen. Stand doch die Veranstaltung unter dem Motto „Wie aus Fremden Freunde werden“.

Gibt es eine „Fremde-werden-Freunde“-Geschichte, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Es gibt einige, aber diese hier gefällt mir besonders gut: Einmal entwickelte sich zwischen einem unserer Paten und einer Austauschstudentin aus Estland eine ganz besondere Freundschaft. Sie feierten gemeinsam Partys, luden sich gegenseitig ein und lernten die Freunde des anderen kennen. Aus einer dieser Bekanntschaften wurde mehr, so dass unser Pate einige Jahre später Trauzeuge bei der Hochzeit seiner betreuten Studentin und seines sehr guten Freundes wurde. Manchmal schreibt „FwF“ eben Geschichten, die man sich nicht besser hätte ausdenken können…

Seit 2010 ist in Deutschland viel passiert. Über eine Millionen Flüchtlinge sind allein seit 2015 gekommen. Hat sich das auf Ihre Arbeit ausgewirkt?
Ja. Viele unserer Paten und Studierende engagieren sich seit der ersten Stunde auch für geflüchtete Menschen, fungieren als Dolmetscher, geben Sachspenden, helfen bei der Wohnungssuche, beziehen die Flüchtlinge in ihre gemeinsamen Aktivitäten ein, und noch vieles mehr. Ich verweise zudem oft auf weitere Projekte, die mir aufgrund meines Netzwerkes bekannt sind. So gibt es in Erfurt zahlreiche Institutionen, die Patenschaften für Geflüchtete organisieren. Immer häufiger nehmen Geflüchtete außerdem an unserem ‚Internationalen Stammtisch‘ jeden dritten Donnerstag im Monat teil.

Das klingt so, als liefe immer alles problemlos…
Ich hatte tatsächlich noch nie ein negatives Erlebnis. Natürlich laufen die Patenschaften nicht immer so, wie wir uns das wünschen. Dann müssen wir eben die Karten neu mischen und andere Konstellationen finden, d.h. ich bin immer auf der Suche nach neuen Paten oder vermittle manchen Paten noch einen zweiten Studenten. Manchmal war ich schon in „Patennot“ – ich hatte also mehr Studierende als Paten. In diesem Fall bin ich besonders ehrgeizig und setze alle Hebel in Bewegung, damit jeder Studierende doch noch einen Paten bekommt. Das ist mit viel E-Mail Schreiben und persönlichen Gesprächen verbunden, aber es macht mich immer glücklich, wenn ich später erfahre, dass es geklappt hat und die Patenschaft wunderbar läuft. Eine andere Herausforderung ist die finanzielle Situation. Für das Projekt muss immer wieder eine Verlängerung beantragt werden. Das ist oft mit Bangen und Zittern verbunden: Geht es weiter? Hat die Stadt genügend Geld? Die nächste Entscheidung steht für 2020 an und wir hoffen natürlich, dass unseren Partnern das Projekt auch weiterhin eine Unterstützung wert ist…

Anlässlich des 15-jährigen Jubiläums meldeten sich auch viele Unterstützer, Involvierte und Wegbegleiter zu Wort:

Jens Panse
„Fremde werden Freunde“ feiert 15. Geburtstag. Ich durfte bei der Gründung dabei sein und habe dieses wunderbare Projekt über all die Jahre aktiv begleitet. Mit sieben Patenstudentinnen und –studenten aus der ganzen Welt konnte ich in dieser Zeit Freundschaft schließen und viel erleben. Zu meinem 50. Geburtstag gratulierten mir meine indonesischen Freunde mit dem „Rennsteiglied“ – das bleibt unvergessen. Herzlichen Dank an dich und Glückwunsch, liebe Petra Eweleit! Die Erfolgsgeschichte von „Fremde werden Freunde“ ist untrennbar mit deinem Namen verbunden. Ich hoffe, dass unsere gemeinsame Initiative noch viele weitere Jahre dazu beitragen kann, dass sich unsere internationalen Studenten in Erfurt wohlfühlen.

Manuela Linde
Als wir vor 15 Jahren gemeinsam mit unserer damaligen Vizepräsidentin für internationale Angelegenheiten, Prof. Ursula Lehmkuhl, der Auslandsreferentin der Fachhochschule Erfurt, Cornelia Witter, und der damaligen Ausländerbeauftragten der Stadt Erfurt, Renate Tuche, das Projekt „Fremde werden Freunde“ ins Leben riefen, ahnten wir noch nicht, was für ein Erfolg es werden würde. Seitdem wurden weit mehr als 1000 internationale Studierende unserer Universität von Paten aus Erfurt begleitet. „Fremde werden Freunde“ trägt maßgeblich dazu bei, dass unsere Studierenden aus dem Ausland nicht nur eine gute akademische Ausbildung erhalten, sondern sich auch in Erfurt zu Hause fühlen. Mein Dank gilt der Projektleiterin Petra Eweleit und den vielen hundert ehrenamtlichen Paten aus Erfurt. Ich hoffe, dass unser Projekt fortgeführt wird und so viele weitere internationale Studierende in den Genuss einer Patenschaft mit Erfurtern kommen werden.

Andreas Bausewein
Um den internationalen Studierenden einen guten Start in Erfurt zu ermöglichen und um ihr Gastland und ihre Gaststadt bestmöglich kennenzulernen, haben wir Ende 2002 das Projekt „Fremde werden Freunde“ ins Leben gerufen, ein Projekt, bei dem es nur „Gewinner“ gibt. „Fremde werden Freunde“ hat sich zu einer echten Erfolgsgeschichte entwickelt: Das Projekt ist stadtbekannt, Kooperationen mit der hiesigen Wirtschaft wurden geschlossen, die Anzahl der Studierenden und Paten ist stetig gewachsen und aus vielen Patenschaften haben sich Freundschaften entwickelt, die bis heute Bestand haben.

Marion Walsmann
Herzlichen Glückwunsch zu 15 Jahren „Fremde werden Freunde“. Das ist Engagement mit Herzblut! „Fremde werden Freunde“ ist eine große Familie. Mit Petra Eweleit wurde diese Initiative zur besten Anlaufstelle für ausländische Studierende in Erfurt. Ein ideenreiches Patenprojekt wirbt für Gastfreundschaft und gegenseitige Hilfe und ist in 15 Jahren in Erfurt zu einer wunderbaren Brücke zwischen den Kulturen der Welt geworden. Vielen Dank für die schönen Begegnungen. Ich wünsche für die Zukunft weiterhin Erfolg und vor allem viele Unterstützer und Paten. Ich bin dabei!

Hartmut Schermer
Nach der nun schon 15 Jahre anhaltenden Erfolgsstory „Fremde werden Freunde“ wird es Zeit, der Projektleiterin Petra Eweleit für ihr weit überdurchschnittlich engagiertes, unermüdliches und aufopferungsvolles Wirken zu danken. Sie war als Projektgründerin von Anfang an das Herz und auch der Motor. Ohne sie wäre diese bundesweit gewürdigte Erfolgsgeschichte nicht möglich gewesen. Ich engagiere mich seit 13 Jahren mit viel Freude bei „Fremde werden Freunde“ als Pate und kann nur hoffen, dass Petra Eweleit ihre sehr erfolgreiche Arbeit noch lange fortführen kann.

Shamsiya Saydalieva
Ich bin sehr glücklich, dass ich das Projekt „Fremde werden Freunde“ kennengelernt habe. Dadurch habe ich meine deutsche Familie, meine Freunde und sogar einen Praktikumsplatz gefunden. Das Projekt gibt mir viel und ich fühle mich dadurch immer unterstützt. Ich wünsche Petra Eweleit und dem Projekt weiterhin viel Erfolg!

Hasnain Bokhari
„Fremde werden Freunde“ ist nicht nur ein Projekt, sondern eine Plattform, in der verschiedene Kulturen, Ethnien und Religionen zusammenkommen, um die Stereotypen zu beseitigen und den Multikulturalismus zu fördern. Dieses Projekt präsentiert ein hervorragendes Beispiel für ausländische Studierende, die deutsche Kultur, Werte und Traditionen von innen. Zum 15-jährigen Bestehen beglückwünsche ich alle Projektpartner, insbesondere die Projektkoordinatorin Petra Eweleit, mit deren Engagement dieses Projekt viele Auszeichnungen und Anerkennung gewonnen hat.

Cornelia Witter
Petra Eweleit war eine der Mitbegründerinnen des Projekts. Seit 2002 ist sie die unermüdliche kämpfende Streiterin für „Fremde werden Freunde“ und die Seele des Projekts. Liebe Petra: DANKE für das großartige Engagement!

(Foto 1): Petra Eweleit in Ihrem Büro, in dem selbst die Wände Geschichten erzählen.
(Foto 2): Petra Eweleit mit „Patenkind“ Hasnain Bokhari.

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