Luther – ein Vorbild für Schüler?

Ob als kleine Playmobil-Figur oder Kupferstich von Cranach, auf diversen Merchandise-Artikeln, in der Buchhandlung oder im Museum – Luther erscheint uns derzeit in allen möglichen Phänotypen und an den verschiedensten Orten. Unabhängig vom aktuellen Reformationsjubiläum steht der Themenkomplex Luther und die Reformation bei allen Schularten und -formen auch auf dem Lehrplan. Wie aber wird den Schülern die Thematik nähergebracht und inwieweit beeinflusst der aktuelle Personenkult den Unterricht und das Bild von Luther? Ein Gespräch mit Andrea Schulte, Professorin für Religionspädagogik an der Universität Erfurt, und Jana Lingemann, Leiterin der Uni-Lernwerkstatt…

Jana Lingemann

„In der Grundschule macht man bei diesem Thema gerade erste Gehversuche mit den Schülern. Der Lehrplan fordert, dass die Kinder wichtige Ereignisse aus der Zeit und dem Leben von Luther nennen können und auch etwas von seinem Konflikt mit der Kirche erfahren. Zentral ist dabei natürlich die reformatorische Grunderkenntnis – die bedingungslose Annahme des Menschen durch Gott“, antwortet Prof. Dr. Andrea Schulte auf die Frage, wann sich Schüler eigentlich das erste Mal mit dem Thema Reformation befassen. Und wie kann man die Kinder für so ein zunächst eher „trocken“ wirkendes Thema begeistern? „Gerade hier in Thüringen bietet es sich natürlich an, rauszugehen und sich die Orte der Reformation hautnah anzuschauen. Viele Museen, wie z.B. das Lutherhaus in Eisenach, sind didaktisch so gut aufgebaut, dass die Schüler einen Wechsel zwischen Lesen, spielerischen Elementen, Animationen und Kurzfilmen haben – sie lernen mit Herz und Verstand. So prägen sich die Dinge viel mehr ein, als wenn ich z.B. nur in ein Buch schaue“, erzählt Jana Lingemann aus eigener Erfahrung bei ihrer Lehrtätigkeit an verschiedenen allgemeinbildenden und weiterführenden Schulen. Andrea Schulte stimmt zu: „Die Lernortdidaktik, also das Erkunden außerschulischer Lernorte, ist derzeit neben dem ‚Binnenraum‘ Unterricht und dem fächerübergreifenden Lernen eine der zentralen Marschrichtungen.“ Apropos fächerübergreifendes Lernen: Dieser Ansatz spielt auch in der Lernwerkstatt der Universität Erfurt eine große Rolle. „Wenn unsere Studierenden Lernmaterialien anfertigen, achten wir darauf, dass diese in mehreren Fächern angewendet werden können. Aktuell haben unsere Studierenden z.B. etwas zum Thema ‚Luther in Erfurt‘ erstellt. Die Sachen bieten sich für den Religions- aber auch Sachkunde-Unterricht an“, erklärt Jana Lingemann mit Blick auf die verschiedenen Anfertigungen ihrer Studierenden.

Doch auch hier steht wieder eine Person im Mittelpunkt: Martin Luther. Allem Anschein nach, hängt das Thema Reformation auch in der Schule untrennbar mit Luther zusammen, oder Frau Schulte? „Blickt man auf den Lehrplan in der Grundschule, stimmt das sicherlich. Später jedoch, beginnend in der 7. und 8. Klasse, wird der Blick differenzierter, weil das Thema dort parallel im Geschichtsunterricht behandelt wird. Da geht es beispielsweise um die tiefgreifenden Auswirkungen der Reformation auf die geistige und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, Europa und weltweit. Damit wird das Gewicht der Person Luther im ‚Reformationsgefüge‘ geringer. Schließlich gab es viele weitere Persönlichkeiten, ohne die die genannten Veränderungen nicht möglich gewesen wären. Zudem wird Luther im Religionsunterricht in seinen unterschiedlichen Facetten beleuchtet – z.B. seinen Einfluss auf die deutsche Sprache oder auch seine ablehnende Haltung gegenüber den Juden betreffend. Was das angeht, ist es auch einfach authentischer, Luther in seiner ganzen Ambivalenz zu zeigen.“ Da sei der Blick in der Schule allemal differenzierter als im aktuellen Jubiläumsjahr, meint Jana Lingemann: „Luther ist derzeit einfach der Verkaufsschlager. Mittlerweile gibt es ja alles von Luther – ob Socken, Kekse oder Bierdeckel. Die kritische Auseinandersetzung findet, meiner Meinung nach, im Moment wenig statt.“ Doch zurück zum Unterricht: Ob es, bedingt durch das Reformationsjubiläum, aktuell ‚mehr Luther‘ gibt? Andrea Schulte vermutet, dass dies in den höheren Klassen nicht der Fall ist, da die Lehrer nach wie vor an den Lehrplan gebunden seien. Jana Lingemann hält es dagegen in den Grundschulen für durchaus möglich: „Es gibt im Moment viele Materialien von Luther. Ich denke schon, dass die Schulen das aufgreifen, wenn sie versuchen, alltagsnahe Themen zu finden. Schon allein wegen des regionalen Bezugs bietet es sich einfach an.“ Und über den regionalen Bezug hinaus: Eignet sich der „coole, mutige“ Luther vielleicht generell, um die Schüler für die Thematik zu erwärmen? „Tatsächlich ist Luther gewissermaßen ein dankbares Thema, das man überaus vielfältig einsetzen kann: Die Schüler können über die Person Luther viel über die Zeit erfahren, man kommt über ihn aber auch zum Buchdruck und zur Entwicklung der deutschen Sprache. Hier gibt es viele Anknüpfungspunkte, bei denen man jeden Schüler abholen kann“, erklärt Lingemann. In den oberen Klassen und auch im Studium biete sich Luther zudem sehr gut an, um theologische und religionsphilosophische Gespräche zu führen, sagt Prof. Schulte: „Hier kann man mit den Schülern und den Studierenden in den Dialog treten und darüber diskutieren, was die Reformation bedeutet oder was es heißen könnte, wenn Luther von einem gnädigen Gott spricht.“

Prof. Dr. Andrea Schulte

Taugt Luther vielleicht sogar als Vorbild? Schulte und Lingemann sind da unterschiedlicher Auffassung: „Gerade im Grundschulalter sehe ich die Vorbildfunktion weniger. Die Kinder werden schon feststellen, dass er viel geleistet hat. Aber ich glaube, dass es durchaus ‚coolere‘ Personen als Luther gibt“, sagt Jana Lingemann schmunzelnd. Mehr Potenzial sieht da Andrea Schulte: „Wenn wir überhaupt von ‚Vorbild‘ sprechen wollen, dann fällt Luther eher in die Kategorie der – salopp gesprochen – ‚schrägen Vorbilder‘. Die Diskussion um ‚Vorbilder‘ ist aufgrund unserer Geschichte belastet. Aber allmählich wenden wir uns aus guten pädagogischen Gründen wieder der Frage nach Vorbildern zu, die verständlicherweise kontrovers diskutiert wird – aber immerhin wird sie diskutiert. Ich würde die Frage, ob Luther ein Vorbild sein könnte, eher umwandeln in die Frage, was Jugendliche, die auf der Suche nach Identität und Orientierung sind, an Luthers ‚Zick-Zack-Biografie‘, also seiner ‚gebrochenen Biografie‘ lernen können. Und da denke ich: Luther stand ein für seine theologischen Überzeugungen. Sein Ausspruch ‚Hier stehe ich und kann nicht anders‘ steht genau für diesen Charakterzug. Aber dafür war er oftmals blind für manche Entwicklungen seiner Zeit, die links und rechts seines Lebensweges lagen. Er war lange Zeit ein Zweifler im Glauben, aber dafür nach seiner gewonnenen Glaubenserkenntnis umso standfester darin. Er war gewiss, dass jeder Mensch ein von Gott bedingungslos angenommenes Geschöpf ist und trotzdem immer wieder sündig, sprich: schuldig wird vor Gott, seinen Mitmenschen und sich selbst. Die Zwiespältigkeit des Menschseins – darin steckt für mich das Lernpotenzial für Schüler.“

Einblicke in die Projekte der Studierenden:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

links: Thematische Annäherung der Studierenden im Seminar „Religionspädagogik“; rechts: für den Grundschulunterricht angefertigte Materialien aus der Lernwerkstatt

Weitere Informationen: