Kreuzgang Augustinerkloster

Nachgefragt: Welche Rolle spielt Esoterik in der westlichen Welt, Herr Dr. Otto?

In einer Zeit, in der der Alltag immer schnelllebiger wird, suchen mehr und mehr Menschen der westlichen Welt nach einem Ausgleich zur Hektik des Lebens. Immer häufiger besinnen sie sich dabei auch zurück auf alte fernöstliche Riten und Gebräuche. Während die Anhänger und Verfechter dieser sogenannten Esoterik in früheren Jahrhunderten tendenziell ausgegrenzt, abgewertet oder verfolgt wurden, erfreut sich die westliche Esoterik heute großer Popularität. Warum das so ist und wie sich das bemerkbar macht, wollten wir von Dr. Bernd-Christian Otto wissen. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Kolleg-Forschergruppe am Max-Weber-Kolleg der Uni Erfurt und Organisator der internationalen Tagung der European Society for the Study of Western Esotericism, die im Juni in Erfurt stattfindet. Wir haben ihn gefragt: „Welche Rolle spielt Esoterik in der westlichen Welt, Herr Dr. Otto?“

„In nahezu jeder größeren bundesdeutschen Stadt gibt es Esoterikläden, die nach indischen Räucherstäbchen duften und tibetische Klangschalen, Energie-Pyramiden, wirkmächtige Edelsteine, indianische Traumfänger oder Buddha-Statuen darbieten, während im Hintergrund Musik zur Chacra-Heilung oder Unterstützung der Einkaufstrancereise läuft. Die Regalmeter sind in zahlreiche Unterkategorien gegliedert und angefüllt mit esoterischer Fachliteratur, die verborgene Wahrheiten offenbart oder ritualpraktische Anleitungen zur Optimierung des Lebens bereitstellt. Ist der lokale Esoterikladen ausgereizt, muss man nur ‚www.esoterikmesse.de‘ in den Internetbrowser eingeben, schon wird für jeden Monat des Jahres eine große Esoterikmesse in Stuttgart, München, Berlin, Köln oder einer anderen deutschen Großstadt angekündigt. Auch jene 64.592 Bücher, die im Moment auf Amazon der Sparte Esoterik zugeordnet sind, stellen nur die Spitze des Eisbergs dar, gibt es doch eine Fülle esoterischer Fachverlage, die nicht mit Amazon verlinkt sind. Esoterik ist populär, ja, so allgegenwärtig geworden, dass Forscher sie heute nicht mehr als Marginalie am Rand der Gesellschaft oder des religiösen Spektrums untersuchen, sondern nur noch als allgegenwärtiges kulturell-hybrides Mischprodukt.

Warum Esoterik in der westlichen Welt so populär geworden ist, ist nicht leicht zu beantworten. Das hängt schon damit zusammen, dass es heute kein ernstzunehmender Esoterik-Forscher mehr schafft oder überhaupt versucht, Esoterik zu definieren. Hatte die ältere Forschung noch versucht Esoterik als ‚verzauberte Weltsicht‘ zu konzipieren, sieht die aktuelle Forschung in Esoterik vielmehr eine Restkategorie für ‚verdrängtes Wissen‘, mit dem gesellschaftliche Akteure umstrittene Wissensformen und Praktiken wie z.B. Hermetik, Kabbala, Astrologie, Alchemie oder Magie wahlweise auf- oder abwerten. Eine genaue Bestimmung des Feldes und seiner Ränder ist dadurch freilich nicht mehr möglich, aber es zeigt sich immerhin, dass das Feld des Ausgegrenzten fluide und in permanenter Bewegung ist: Hätte man vor 50 Jahren ein gesteigertes Interesse für Hatha-Yoga noch jugendlichen Protestbewegungen um das angeblich anbrechende Aquarius-Zeitalter zugeschrieben (‚New Age‘), sind Yogazentren heute selbst in nordbayerischen Gemeinden derart integriert und gleichsam ‚mainstream‘ geworden, dass sie kaum mehr als esoterischer Fremdkörper der westlichen Welt gesehen werden können.“

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