Prof. Dr. Christoph Bultmann

Nachgefragt: „Wer ist Fethullah Gülen und was sind die Ziele seiner Bewegung, Herr Prof. Bultmann?“

In der Rubrik „Nachgefragt“ liefert der „Wortmelder“ regelmäßig Statements von Wissenschaftlern der Universität Erfurt zu aktuellen Themen. Diesmal blicken wir in die Türkei, wo Staatspräsident Erdogan gerade die sogenannte Gülen-Bewegung für den Putschversuch in seinem Land verantwortlich gemacht hat. Wir haben bei Christoph Bultmann, Professor für Bibelwissenschaften an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Erfurt, nachgefragt: „Wer ist eigentlich dieser Imam Fethullah Gülen und was sind die Ziele seiner Bewegung und ihrer Anhänger, Herr Prof. Bultmann?“

„Zur Ausgangssituation verweise ich auf eine Aussage des amerikanischen Außenministers John Kerry: Wenn die Türkei die Gülen-Bewegung verdächtigt und eine Auslieferung des seit 1999 in den USA lebenden Fethullah Gülen verlangt, dann muss sie einen formalen Antrag einreichen, der mit echten Beweisen verknüpft ist, nicht nur mit bloßen Anschuldigungen. Gülen steht politisch für die Demokratie und den Schutz der Grundrechte und insofern für einen modernen Islam.

Gülen ist seit 1966, als er in Izmir predigte, als ein stark emotionaler Prediger bekannt, der zugleich eine ganz praktische Haltung vertritt. Um sich als ein frommer Mensch zu bewähren, ist nach Gülen der Einsatz für andere wichtig. Gülen hat dafür immer wieder das Lernen in Schule, Ausbildung und Studium betont, und er hat Anhänger in der Türkei und in zahlreichen Ländern der Welt dazu ermutigt, Schulen zu gründen. Der Journalist Jochen Thies zeigt in einem Buch, dass auch in Deutschland das Engagement für Bildung als Qualifikation zu gleichberechtigter gesellschaftlicher Teilhabe zu den Zielen der Bewegung gehört. Ein großer Teil der Schriften von Gülen, die inzwischen in einer 39-bändigen Ausgabe vorliegen und online in vielen Sprachen zu lesen sind, geht auf Fragen von Zuhörern und Anhängern zurück, denen er im Kontext einer Moschee oder eines Lehrhauses Antwort gibt. Aus neuerer Zeit sind einige größere Interviews, zum Beispiel 2012 mit Rainer Hermann von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung oder 2013 mit Jamie Tarabay in dem Magazin ‚The Atlantic‘, zu nennen.

Als Bibelwissenschaftler bin ich durch ein interreligiöses Noah-Fest im Jahr 2009 auf die Gülen-Bewegung aufmerksam geworden, bei dem aus der jüdischen, der christlichen und der islamischen Tradition an die Geschichte von der Sintflut und der Arche Noah erinnert wurde. Seit der Zeit ist mir bewusst, dass Gülen ein friedliches Zusammenleben der Religionen als unverzichtbare Bedingung für religiöse Glaubwürdigkeit predigt. Ein zweiter Punkt hat noch mehr mit meinem Fachgebiet zu tun: Es gibt von Gülen den starken Ausspruch: ‚Diejenigen, die die Muslime davon abgehalten haben, den Koran zu verstehen und ihn in all seiner Tiefe wahrzunehmen, haben sie des Geistes und des Wesens des Islams beraubt.‘ Aus der besonderen Tradition der islamischen Mystik, des Sufismus, heraus will Gülen den religiösen Glauben auf ein Gottesbild hinlenken, nach dem Gott sich allen Menschen in Barmherzigkeit zuwendet und in diesem Sinne durch die Botschaft des Propheten Muhammad einen Weg zu Glaube und Gebet weist. Das lässt sich nur durch eine umsichtige, in die Tiefe gehende Leseweise für die mehr als 6000 Verse des Korans erreichen und setzt natürlich eine volle persönliche Freiheit in der Annahme des Glaubens voraus. Im Fall der Bibel kann man vergleichbar eine bloß oberflächliche Lektüre kritisieren.

Es versteht sich von selbst, dass Gülen Gewalt, Ungerechtigkeit und Fanatismus ablehnt. Gleichzeitig aber ist er eine hoch umstrittene Gestalt mit Gegnern in vielen Lagern der türkischen Gesellschaft. Was die Kritiker gegen ihn einwenden, muss von Türkeiexperten geprüft werden, zu denen ich selbst nicht gehöre. Ich habe jedoch ein Buch darüber geschrieben, dass sogar das Nachrichtenmagazin ‚Der Spiegel‘ und der Verfassungsschutz in Baden-Württemberg bei ihrer Kritik gefälschte Zitate verwendet haben.“