„COVID-19 Snapshot Monitoring“ (COSMO): Akzeptanz der Schutzmaßnahmen sinkt

Unter der Leitung von Prof. Dr. Cornelia Betsch, Heisenberg-Professorin für Gesundheitskommunikation an der Universität Erfurt, betreibt das Robert-Koch-Institut gemeinsam mit weiteren Kooperationspartnern derzeit ein „COVID-19 Snapshot Monitoring“ (COSMO). Das Konsortium ermittelt einmal pro Woche in einer Online-Live-Umfrage, wie Menschen subjektiv die Risiken des COVID-19-Virus wahrnehmen, welche Gegenmaßnahmen bekannt sind, welche davon bereits angewandt oder abgelehnt werden. Ziel dieses Projektes ist es, einen wiederholten Einblick in die „psychologische Lage“ der Bevölkerung zu erhalten. Dies soll es erleichtern, Kommunikationsmaßnahmen und die Berichterstattung so auszurichten, um der Bevölkerung korrektes, hilfreiches Wissen anzubieten und Falschinformationen und Aktionismus vorzubeugen. Neue Befunde aus dem Monitoring wurden heute veröffentlicht.

Die beteiligten Forscherinnen und Forscher ziehen daraus folgende Schlüsse:

Sorglosigkeit: Risiko und Verhalten
Die Risikowahrnehmung (insbesondere die wahrgenommene Erkrankungswahrscheinlichkeit) und Angst um die eigenen Gesundheit sinken, ebenso die Akzeptanz der Maßnahmen. Diese sinken fast auf das Niveau von vor dem Lockdown. Seit vergangener Woche ist die Akzeptanz für Maßnahmen, die stark in die Rechte der Menschen eingreifen, signifikant gefallen. Das Bedürfnis nach Demonstrationen ist im Vergleich zur Vorwoche gestiegen.

Gleichzeitig werden die Schutzmaßnahmen etwas seltener ergriffen als vergangene Woche; mehr als ein Viertel der Befragten macht Ausnahmen beim Treffen von haushaltsfremden Personen. Auch einfache Maßnahmen wie Händewaschen oder Abstandhalten gehen zurück. Rund ein Drittel der Befragten hält es für (eher) unwahrscheinlich, sich anzustecken, wenn sie haushaltsfremde Personen treffen, einkaufen, zum Arzt gehen oder außer Haus sind.

Die Reaktanz durch die Maßnahmen ist jedoch etwas zurückgegangen, was möglicherweise auf die Lockerung zurückzuführen ist : 24% (Vorwoche 29%) empfinden Ärger, Frust und Wut aufgrund der Maßnahmen. Vor diesem Hintergrund empfehlen die Wissenschaftler*innen, die gemeinsam durch die Maßnahmen erzielten Erfolge und deren Abhängigkeit vom Einhalten der Abstands- und Hygieneregeln weiter zu betonen und die epidemiologischen Konsequenz von Ausnahmen oder Nicht-Einhaltung der Maßnahmen zu verdeutlichten. Darüber hinaus sollte das Beibehalten neuer Routinen unterstützt und mögliche Ansteckungsorte sollten visuell kommuniziert werden. Zudem  sollte der soziale Nutzen der Maßnahmen und der Schutz Schwacher weiterhin stark betont werden.

Lockerungsmaßnahmen
66% der Befragten gaben an, dass die Lockerungsmaßnahmen in den Bundesländern einheitlich umgesetzt werden sollten. Bei der Einschätzung der Maßnahmen und Lockerungen scheint es indes zwei Lager zu gaben: 33% finden die Lockerungsmaßnahmen (eher) übertrieben, 29% finden die Eindämmungsmaßnahmen (eher) übertrieben.

So werden die Maßnahmen teilweise auch umgangen: 43% der Befragten gaben an, dass sie in der vergangenen Woche in Gebiete mit weniger Einschränkungen gefahren sind (z.B. zum Einkaufen oder für Freizeitaktivitäten). Die meisten taten dies ein bis zweimal die Woche. Wer solche Reisen unternahm, empfand zugleich auch mehr Wut und Ärger über die Schutzmaßnahmen als jene, die in „zu Hause“ blieben. Deshalb raten die Wissenschaftler*innen, die geltenden Maßnahmen und Lockerungen v.a. bei großer regionaler Unterschiedlichkeit stets klar zu kommunizieren.

Sorgen
Die Sorgen um die Wirtschaftskraft bleiben unter den Befragten stabil hoch. Alle anderen Sorgen gehen zurück, vor allem die Sorge um die Überlastung des Gesundheitssystems. Die Befürchtung, dass die Corona-Pandemie die soziale Ungleichheit verstärkt, bleibt indes bestehen. Da die Sorge um Ungleichheit offensichtlich hoch ist, könnte die Verhinderung von Ungleichheit durch Corona nach Ansicht der Wissenschaftler*innen ein wichtiger Faktor in der Kommunikation werden.

Vertrauen
Krankenhäuser und Ärzte genießen weiter hohes Vertrauen bei den Befragten. Alle anderen Institutionen pendeln sich auf einem etwas niedrigerem Niveau als noch Ende März ein. Das Vertrauen in die Behörden ist ein wichtiger Einflussfaktor für die Akzeptanz vieler Maßnahmen (z.B. auch Akzeptanz einer Tracing-App, einer möglichen Impfung gegen COVID-19, der Beibehaltung der Maßnahmen etc.) und deshalb besonders schützenswert. Vor diesem Hintergrund bleibt eine transparente Kommunikation wichtig.

Maskenpflicht greift
77% der Befragten tragen bereits häufig oder immer Masken in der Öffentlichkeit (Vorwoche 58%); am häufigsten Stoffmasken. Über die Schutzwirkung wissen die meisten korrekt Bescheid. Wer wahrnimmt, dass viele andere eine Maske tragen, trägt auch eher selbst eine. 91% (Vorwoche: 85%) geben an, zu wissen, wo sie eine Mund-Nasen-Bedeckung (Stoffmaske) besorgen können. Insgesamt kennen sich jüngere Befragte deutlich weniger im Umgang mit Alltagsmasken aus als Ältere. 59% der Befragten haben das Gefühl, dass andere sich weniger an die Abstandsregeln halten, seit die Maskenpflicht gilt. Insgesamt berichten jedoch Personen, die Maske tragen, häufiger auch von anderem Schutzverhalten (z.B. selbst Abstand halten, Vermeiden von Händeschütteln).

Die Empfehlung der Wissenschaftler*innen lautet deshalb: Wie Masken korrekt getragen werden sollte weiter kommuniziert und Informationen zum Reinigen, Wechseln und Aufbewahren von Masken sollten verbreitet werden, um optimale Maskennutzung zu ermöglichen. Zugleich sollte einer Risiko-Kompensation entgegengewirkt werden: Auch wenn Masken getragen werden, sollte weiterhin Abstand eingehalten werden.

Bereitschaft sich eine Tracing-App runterzuladen ist immer noch gering
Die Bereitschaft zur Nutzung einer Tracing-App sinkt weiter. 44% (Vorwoche 48%) sind eher bereit oder bereit, sich eine datenschutzkonforme App zu installieren. Der Anteil derer, die sie nicht herunterladen würden, ist stabil bei knapp einem Viertel der Befragten. Das Vertrauen in die Behörden spielt nach wie vor eine Rolle bei der potenziellen Akzeptanz der App.

Verantwortlichkeit für eine COVID-19 Infektion
Die Befragten wurden gebeten, sich entweder vorzustellen sie selbst oder jemand ihres Alters und Geschlechts seien an COVID-19 erkrankt. Wie die eigene Verantwortung an einer Erkrankung bewertet wird, kann Schutzverhalten beeinflussen (und umgekehrt). Deshalb wurden Verantwortung, Kontrollierbarkeit und Schuld bewertet.

Insgesamt bewerten die Befragten eine COVID-19 Infektion als etwas, das sie eher nicht kontrollieren können, selbst verantworten oder woran sie Schuld tragen. Männer denken dabei eher als Frauen, dass sie eine Infektion kontrollieren könnten, dass sie verantwortlich sind für eine  Erkrankung und daran Schuld tragen. Die Schuldzuschreibung ist ein wichtiger Aspekt: Wer selbst weniger Schutzmaßnahmen ergreift, fühlt sich eher Schuld an einer Infektion (und umgekehrt). Empfehlung: Informationen über die Übertragung von COVID-19 und die Verantwortung jedes einzelnen im Transmissionsgeschehen könnten dazu beitragen, dass Personen mehr Maßnahmen zum Schutz vor COVID-19 ergreifen.

Hypothetische Impfung gegen das Coronavirus
66% würden sich (eher) gegen COVID-19 impfen lassen, Mitte April waren es noch 79%. Das Vertrauen in die Impfung und die Behörden ist dabei wesentlich für die Impfbereitschaft. Erfasst wurde außerdem ein validiertes Maß zur Erfassung der Impfmüdigkeit, hier bezogen auf einen hypothetischen COVID-19-Impfstoff. Diese Werte wurden mit repräsentativen Werten (BZgA, 2016), die Impfen allgemein bewerten, verglichen. Es zeigt sich: Im Vergleich zur allgemeinen Bewertung von Impfungen (2016) haben die Befragten weniger Vertrauen in die Sicherheit und Effektivität des COVID-19-Impfstoffs. Sie halten eine COVID-19-Impfung für weniger überflüssig als Impfungen allgemein in Vor-Krisenzeiten. Jüngere Menschen zeigen sich egoistischer und stimmen bei COVID-19 eher zu als bei Impfungen allgemein, dass man sich nicht impfen lassen muss, wenn alle anderen sich impfen lassen.

Bei einer angenommenen Basisreproduktionsrate von R0 = 3 (https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Steckbrief.html) und einem perfekt wirksamen Impfstoff würde jedoch eine Impfbereitschaft von 66% nicht ausreichen, um die Verbreitung des Virus zu stoppen. Eine transparente Risikokommunikation des zu erwartenden Nutzen und der Risiken einer Impfung gegen COVID-19 ist deshalb wichtig.

Immunitätspass
Immunität ist die Bedingung für einen Immunitätspass. Das Wissen hierzu ist jedoch vage, das zeigt sich auch in der Bevölkerung, die einen Immunitätspass eher ablehnt: 25% der Befragten denken, dass man nach einer COVID-19 Infektion immun ist; dieser Anteil sinkt seit April. 59% der Befragten ist die Diskussion um den Immunitätspass bekannt. 49% sind der Meinung, dass ein Immunitätspass nicht eingeführt werden sollte. Seit Anfang April nimmt zudem die Zustimmung dafür ab, dass Immune gesellschaftlich relevante Aufgaben übernehmen sollen.

Weitere Analysen ergaben, dass die Befragten sich nicht absichtlich anstecken würden, um einen Immunitätspass zu erhalten. Die Befragten waren verstärkt der Ansicht, dass Inhaber eines Immunitätspasses dennoch “keine” damit verbundenen Aufgaben und Pflichten haben sollten.

Verschwörungstheorien
Über Corona sind bereits einige Verschwörungstheorien aufgetaucht. Zwei gegensätzliche Theorien (Corona ist von Menschen gemacht vs. ist ein Schwindel) sind nur gering verbreitet, je 17% der Befragten stimmen (eher) zu. Wer allerdings an die eine Theorie glaubt, glaubt auch eher an die andere. 9% der Befragten glauben an beide Theorien. Anhängern von Verschwörungstheorien scheint es weniger um die absolute Überzeugung von einer Ansicht zu gehen als um die Ablehnung einer “offiziellen“ Sichtweise. Wer diesen alternativen Sichtweisen anhängt, denkt auch eher, dass man an einer COVID-19-Erkrankung selbst Schuld ist, hält sich weniger an die Regeln, vertraut weniger der Regierung und der WHO und lehnt Maßnahmen eher ab.

Kita- und Schulöffnungen
Auch wenn rund die Hälfte der Eltern von unter-sechsjährigen Kindern angibt, die momentane persönliche Situation als belastend zu empfinden, ist die Mehrheit dieser Eltern für eine Öffnung der Kitas erst in einem zweiten Schritt (vs. sofort oder 3. Schritt). 27% der Eltern, deren Kind/er zur Schule gehen trauen der Schule nicht zu, dass sie die Abstandsregeln durchsetzen kann, 36% sehen Probleme bei den Hygieneregeln. 26% der Eltern, deren Kinder in die Kita/zur Tagesmutter gehen trauen der Einrichtung nicht zu, dass sie die Abstandsregeln durchsetzen kann, 21% die Hygieneregeln. Eltern sind v.a. skeptisch, dass ihre Kinder die Abstandsregeln einhalten können, v.a. wenn ihre Kinder noch nicht wieder in die Schule gehen: 1 von 3 Eltern trauen ihren Grundschulkindern nicht zu, sich an Abstandsregeln zu halten. Deshalb sollten Schulen und Kitas ihr Hygienekonzept mit Eltern und Kindern gemeinsam umsetzen. Denn proaktive Kommunikation zwischen Einrichtungen und Eltern kann deutlich machen, wie die Konzepte umgesetzt werden sollen.

Wissen über Symptome
Die meisten Symptome sind den Befragten gut bekannt. Für symptomatische Fälle könnte die Wahrscheinlichkeit also hoch sein, dass die Krankheit als COVID-19 erkannt wird, da viele Personen die Symptome richtig zuordnen können.

Weitere Informationen / Kontakt:
Prof. Dr. Cornelia Betsch
E-Mail: cornelia.betsch@uni-erfurt.de