„COVID-19 Snapshot Monitoring“ (COSMO): Ergebnisse der 9. Befragungswelle

Unter der Leitung von Prof. Dr. Cornelia Betsch, Heisenberg-Professorin für Gesundheitskommunikation an der Universität Erfurt, betreibt das Robert-Koch-Institut gemeinsam mit weiteren Kooperationspartnern derzeit ein „COVID-19 Snapshot Monitoring“ (COSMO). Das Konsortium ermittelt einmal pro Woche in einer Online-Live-Umfrage, wie Menschen subjektiv die Risiken des COVID-19-Virus wahrnehmen, welche Gegenmaßnahmen bekannt sind, welche davon bereits angewandt oder abgelehnt werden. Ziel dieses Projektes ist es, einen wiederholten Einblick in die „psychologische Lage“ der Bevölkerung zu erhalten. Dies soll es erleichtern, Kommunikationsmaßnahmen und die Berichterstattung so auszurichten, um der Bevölkerung korrektes, hilfreiches Wissen anzubieten und Falschinformationen und Aktionismus vorzubeugen.

Neue Befunde aus dem Monitoring wurden heute veröffentlicht. Sie zeigen:

Sorglosigkeit: Risiko und Verhalten
Trotz der relativ hohen Risikowahrnehmung treten “Ermüdungserscheinungen” im Zusammenhang mit der Akzeptanz der Corona-Schutzmaßnahmen auf: Sie sind immer noch gut akzeptiert, die Zustimmung sinkt aber weiter. Rund ein Drittel der Befragten hält es für (eher) unwahrscheinlich, sich anzustecken wenn sie haushaltsfremde Personen treffen, einkaufen, zum Arzt gehen oder außer Haus sind.

Dabei zeigt sich seit Anfang März eine auffällige Parallelität zwischen Mobilität (gemessen mit Mobilfunkdaten) und der Aussage, dass man die Maßnahmen übertrieben findet sowie dem gefühlten Risiko: Wenn in den Befragungen die Ablehnung der Maßnahmen höher war, gab es auch mehr Mobilität. Wenn das gefühlt Risiko höher war, gab es weniger Mobilität. Deshalb empfehlen die Wissenschaftler*innen, die gemeinsam durch die Maßnahmen erzielten Erfolge weiter zu betonen. Zudem sollte die epidemiologische Konsequenz von Ausnahmen oder Nicht-Einhaltung der Maßnahmen sollte verdeutlicht werden. Ermüdungserscheinungen bei der Umsetzung von geforderten Maßnahmen seien nach mehreren Wochen aus psychologischer Sicht nachvollziehbar. Umso mehr müsse der Bevölkerung jedoch klar gemacht werden, wofür sie das alles tut: zum Schutz der anderen und zur Aufrechterhaltung der Freiheitsgrade, die wir bisher erreicht haben.

Sorgen
Die Sorgen der Befragten um die Wirtschaftskraft des Landes bleiben stabil hoch. Alle anderen Sorgen gehen tendenziell zurück, vor allem die Sorge um die Überlastung des Gesundheitssystems. Die Befürchtung, dass die Corona-Pandemie die soziale Ungleichheit verstärkt, bleibt nach wie vor bestehen. Deshalb könnte die Verhinderung von Ungleichheit durch Corona ein wichtiger Faktor in der Kommunikation werden.

Befolgen der Maßnahmen
19 Prozent der Befragten machen Ausnahmen bei der Beschränkung der Personenkontakte (Vorwoche 24 Prozent), 24 Prozent machen Ausnahmen und Treffen haushaltsfremde Freunde und Verwandte. Knapp ein Drittel der Befragten hält es für (eher) unwahrscheinlich, sich anzustecken wenn sie haushaltsfremde Personen treffen, einkaufen, zum Arzt gehen oder außer Haus sind. 7 Prozent der Befragten unternehmen auch private Reisen, 9 Prozent gehen (eher) nicht in Selbstquarantäne bei Symptomen. In der Vorwoche waren das noch 22 Prozent.

Bei einer schrittweisen Lockerung der Schutzmaßnahmen sollte deshalb nach Einschätzung der Wissenschaftler*innen genau spezifiziert werden, welche Regeln gelten. Regelungen sollten alltagsnah und mit Beispielen kommuniziert werden – mögliche Ansteckungsorte beispielsweise visuell. Wo ist die Gefahr besonders hoch? Wie kann man sich schützen? Zugleich sollten der soziale Nutzen der Maßnahmen und der Schutz Schwacher weiterhin stark betont werden.

Vertrauen
Krankenhäuser und Ärzte genießen nach wie vor ein hohes Vertrauen bei den Befragten, alle anderen Institutionen pendeln sich auf einem etwas niedrigerem Niveau als noch Ende März ein. Das Vertrauen in die Behörden ist ein wichtiger Einflussfaktor für die Akzeptanz vieler Maßnahmen (z.B. auch Akzeptanz einer Tracing-App, einer möglichen Impfung gegen COVID-19, der Beibehaltung der Maßnahmen etc.) und deshalb besonders schützenswert. Vor diesem Hintergruns ist eine transparente Kommunikation weiterhin wichtig, gemeinsam erzielte Erfolge sollten betont werden.

Maskenpflicht greift
60 Prozent der Befragten tragen bereits häufig oder immer Masken in der Öffentlichkeit – in der Vorwoche waren es noch 34 Prozent. 56 Prozent denken, Stoffmaske-Tragen sollte verpflichtend sein. Diese Masken werden auch am häufigsten getragen. Über die Schutzwirkung (Träger vs. andere) wissen die meisten korrekt Bescheid. Wer wahrnimmt, dass viele andere eine Maske tragen, trägt auch eher selbst eine.

85 Prozent der Befragten (Vorwoche: 72 Prozent) geben an, zu wissen, wo sie eine Mund-Nasen-Bedeckung besorgen können, jüngere Personen und Männer wissen dies seltener. Nur 12 Prozent tragen dabei Masken, die medizinischem Personal vorenthalten sind. Unter diesen ist v.a. bei Ventilmasken nicht ausreichend bekannt, dass sie nur den Träger, nicht aber andere schützen. Deshalb raten die Wissenschaftler*innen, die Beschränkungen des (Selbst)Schutzes durch Stoffmasken weiter deutlich zu kommunizieren, ebenso den fehlenden Schutz anderer durch FFP2-Masken mit Ventil. Sollten FFP2/3-Masken knapp werden, reicht eine Empfehlung, dass diese nur Fachpersonal vorenthalten sein sollten, möglicherweise nicht aus. Diese Empfehlung sollte bereits jetzt verstärkt kommuniziert werden.

Bereitschaft sich eine Tracing-App runterzuladen immer noch gering
48 Prozent der Befragten (Vorwoche 49%) sind eher bereit oder bereit, sich eine datenschutzkonforme App zu installieren, 22 Prozent würden sich weiterhin eine solche App auf keinen Fall runterladen. 84 Prozent (Vorwoche 81 Prozent) hatten bereits von einer solchen App gehört. Deutlich wurde auch in der aktuellen Befragungswelle: Das Vertrauen in die Behörden spielt nach wie vor eine Rolle bei der potenziellen Akzeptanz der App. Weitere Analysen zeigen, dass die Freiwilligkeit besonders wichtig ist und eine Pflicht zur App-Benutzung abgelehnt wird. Deshalb sollte das Vertrauen durch größere Transparenz gestärkt werden und die Nutzung einer Tracing-App freiwillig sein.

Impfungen werden abgesagt
Von den geplanten Impfungen der 131 erwachsenen Befragten wurden 30 Prozent durch die Corona-Situation abgesagt. Ein Viertel der befragten Eltern hatte in den vergangenen sechs Wochen einen geplanten Impftermin; 17 Prozent der 71 geplanten Kinderimpfungen wurden durch die Corona-Situation abgesagt – in Befragungswelle 7 waren es noch 35 Prozent. Bei 79 Prozent der Erwachsenen und 68 Prozent der Kinder wurde auch kein Nachholtermin vereinbart. Deshalb sollten Ärztinnen und Ärzte nach Meinung der Wissenschaftler*innen dabei unterstützt werden, dass geplante Impfungen weiter durchgeführt werden, damit keine Impflücken entstehen. Und wenn Termine abgesagt werden, sollte dringend ein Nachholtermin vereinbart werden.

Die „zweite Welle“
91 Prozent der Befragten haben schon einmal davon gehört, dass es eine 2. Welle der Pandemie geben kann; 70 Prozent halten sie für (eher) wahrscheinlich. Die meisten der Befragten erwarten sie in zwei Monaten. Je wahrscheinlicher oder näher eine 2. Welle der Corona-Epidemie eingeschätzt wird, desto länger würden sich Personen nochmal einschränken und desto größer ist auch die Bereitschaft, sich in den kommenden zwei Wochen häufiger an die Maßnahmen zu halten. Die Sorge vor einer zweiten Welle scheint eine große Motivation für die Einhaltung der geltenden Regeln zu sein, glauben die Wissenschaftler*innen. Dies könne in der Krisenkommunikation genutzt werden, um das Einhalten der Maßnahmen zu fördern. Es bleibe jedoch die Gefahr eines Bumerang-Effekts, d.h. im Fall eines Ausbleibens der zweiten Welle könnte es auch zu einem Vertrauensverlust kommen. Vor diesem Hintergrund sollte im begründeten Fall auf eine mögliche 2. Welle und mögliche wiederholte Einschränkungen hingewiesen werden.

Ausstriegsstrategien
In einem Wahl-Experiment zeigte sich: Als wichtigste Kriterien für die Befürwortung von Lockerungsszenarien haben sich die ausreichende Kapazität der Intensivstationen und die Ablehnung einer verpflichtenden Tracing-App gezeigt. Schulen und v.a. Gastronomie sollten nach Ansicht der Befragten eher nicht sofort, sondern später geöffnet werden. In direkter Bewertung, welche Branchen im ersten oder in späteren Schritten öffnen sollten, zeigte sich: Für einen ersten Schritt finden die Befragten die Öffnung des Einzelhandels wichtig. Bildungs- und Sporteinrichtungen werden von ihnen erst im zweiten Schritt gesehen. Viel diskutierte Bereiche wie Gotteshäuser und Fußballspiele werden nur von Minderheiten für den ersten Schritt als wichtig angesehen. Kultureinrichtung halten die meisten Personen erst in Schritt 3 für wichtig. Diese Einschätzungen der Bevölkerung sollten neben Überlegungen zum Infektionsschutz bei der schrittweisen Öffnung zur Abwägung herangezogen werden.

Kita-Öffnungen
Auch wenn ca. die Hälfte der befragten Eltern von unter sechsjährigen Kindern angibt, die momentane persönliche Situation als belastend zu empfinden, ist die Mehrheit dieser Eltern für eine Öffnung der Kitas erst in einem zweiten Schritt.