Nachgefragt: „Wird COVID-19 die Angst vor Automatisierung verstärken?“

Die Corona-Krise ist allgegenwärtig und hat die Welt fest im Griff. Ihre Auswirkungen sind gewaltig und in vieler Hinsicht noch unabsehbar: gesundheitspolitisch, ökonomisch, sozial, privat – im Kleinen wie im Großen. Unzählige Arbeitsplätze sind der Krise weltweit bereits zum Opfer gefallen, weitere werden folgen – aus ganz unterschiedlichen Gründen. „WortMelder“ hat bei Prof. Dr. Achim Kemmerling, Stefan Volkmann, und Stephanie Gast Zep von der Willy Brandt School of Public Policy an der Uni Erfurt nachgefragt: „Wird COVID-19 die Angst vor Automatisierung verstärken?“

„Technologische Revolutionen haben immer die Angst vor Massenarbeitslosigkeit und gesellschaftlichen Brüchen hervorgerufen. Während das klassische Beispiel in der Wirtschaftsgeschichte die Weberinnen und Weber sind, die Anfang des 19. Jahrhunderts ihre Arbeit an Strickmaschinen verloren, kennen wir alle Beispiele, die zeitgemäßer sind: z.B. Kodak – aus dem Geschäft wegen des Aufkommens der Digitalfotografie oder elektronischer Zahlungssysteme, die Mautstellenbetreiber überflüssig machen. Die Liste ließe sich lange fortsetzen.

Die Fortschritte in der Digitalisierung und Automatisierung haben die Geschwindigkeit des technologischen Wandels erhöht. Physische und virtuelle Automatisierung, die auf künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen aufbauen, machen zunehmend Arbeitsplätze überflüssig, die bisher als sicher galten. Dies betrifft ein breites Spektrum ungelernter und routinemäßig ausgeübter Tätigkeiten in der Fertigung, Logistik und im Finanzwesen in Volkswirtschaften mit hohem Einkommen sowie in Landwirtschaft, Fertigung und Einzelhandel in Volkswirtschaften mit niedrigem und mittlerem Einkommen. Die aktuelle COVID-19-Pandemie wird diese Veränderungen beschleunigen und intensivieren. Da die Lockdown-Politik zu Entlassungen geführt und eine globale Rezession eingeleitet hat, hat die Pandemie die globale Massenarbeitslosigkeit plötzlich real werden lassen. Gleichzeitig stagniert zwar die Geschäftstätigkeit, nicht aber die Automatisierungsbemühungen der Unternehmen. Laut dem jüngsten Global Capital Confidence Barometer des EY haben 36 Prozent der Führungskräfte weltweit bereits im März Schritte zur Beschleunigung der Automatisierung unternommen. Weitere 41 Prozent zielten darauf ab, die Geschwindigkeit ihrer Automatisierung neu zu bewerten. Werden diese Bemühungen letztendlich dazu führen, dass die kürzlich verlorenen Arbeitsplätze auch nach der Pandemie und für immer verdrängt werden?

Dafür muss man zunächst schauen, wie automatisierbar die am stärksten von der COVID-19-Krise betroffenen Berufe sind. Und dabei zeigt sich eine umgekehrte Beziehung zwischen dem Potenzial eines Berufs, von zu Hause aus ausgeübt zu werden, und seinem Potenzial, automatisiert und verdrängt zu werden. Rechtsanwälte oder Computeringenieure gehören zu den Berufen, die offenbar weder leicht zu automatisieren sind noch auf physische Interaktion angewiesen sind. Beide Arten von Dienstleistungen können virtuell und von zu Hause aus erbracht werden. Andererseits sind Logistik, Konstruktion und Produktion oft routinemäßige Aufgaben, die eine physische Interaktion mit Waren und Kunden erfordern. Andere Beispiele sind genau diese Art von Arbeitsplätzen, die unsere Gesellschaft derzeit am meisten lobt: Gesundheitswesen, Einzelhandel und Wartungsdienste. So erfordern auch Berufe, die von der Automatisierung bedroht sind, in der Regel eine persönliche Interaktion. Dies lässt vermuten, dass das Automatisierungsrisiko nach der COVID-19-Krise noch größer werden wird. Die Furcht vor physischem Kontakt drängt Unternehmen, Servicezentren und Verbraucher dazu, über Technologie nachzudenken: Online-Käufe, Online-Kurse, automatisierte Lieferung und Dienstleistungen. Beschäftigte im Gesundheitswesen und im Einzelhandel könnten aufgrund der derzeitigen öffentlichen Aufmerksamkeit kurzfristig verschont bleiben, aber andere, kürzlich verdrängte Arbeitsplätze kehren möglicherweise nicht mehr zurück, wenn die Krise vorüber ist. Je länger die Sperren bestehen, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Gesellschaft die Automatisierung in ein Leben einbezieht, das dann als ’normal‘ angesehen wird.

Es ist zu befürchten, das die kommenden Jahre eine Welle der Ungleichheit mit sich bringen, für die alle Volkswirtschaften Lösungen finden müssen. Die Angst vor der Automatisierung ist in den Köpfen der Wähler bereits weit verbreitet, und es gibt einige Hinweise darauf, dass die politischen Entscheidungsträger darauf reagieren. Je früher die Zivilgesellschaft beginnt, über eine wünschenswerte Zukunft der Arbeit zu diskutieren, und je früher die Regierungen beginnen, mit neuen politischen Optionen zu experimentieren, desto besser wird die Wirtschaft in der Lage sein, ihr Schicksal zu beeinflussen. Dazu gehört die Fähigkeit, auf eine Wirtschaft hinzuwirken, in der die Automatisierung mehr Arbeitsplätze schafft als sie ersetzt. Unternehmertum, lebenslanges Lernen und die radikale Überarbeitung des Bildungswesens sind in dieser Hinsicht politische Schlüsselbereiche. Gleichzeitig müssen die Regierungen ihre Kapazitäten erweitern, um größere Arbeitsplatzverschiebungen aufzufangen, sollten diese dennoch eintreten. Dies würde eine Verbesserung der öffentlichen Finanzen sowie eine Universalisierung der sozialen Sicherheit erfordern, um informelle und neue Beschäftigungsformen einzubeziehen. Es könnte uns sogar vor die Herausforderung stellen, unseren eigentlichen Begriff von Arbeit zu überdenken und zu überlegen, wie wir wertvolle Tätigkeiten definieren.“