„COVID-19 Snapshot Monitoring“ (COSMO): Ergebnisse der 7. Befragungswelle

Unter der Leitung von Prof. Dr. Cornelia Betsch, Heisenberg-Professorin für Gesundheitskommunikation an der Universität Erfurt, betreibt das Robert-Koch-Institut gemeinsam mit weiteren Kooperationspartnern derzeit ein „COVID-19 Snapshot Monitoring“ (COSMO). Das Konsortium ermittelt einmal pro Woche in einer Online-Live-Umfrage, wie Menschen subjektiv die Risiken des COVID-19-Virus wahrnehmen, welche Gegenmaßnahmen bekannt sind, welche davon bereits angewandt oder abgelehnt werden. Ziel dieses Projektes ist es, einen wiederholten Einblick in die „psychologische Lage“ der Bevölkerung zu erhalten. Dies soll es erleichtern, Kommunikationsmaßnahmen und die Berichterstattung so auszurichten, um der Bevölkerung korrektes, hilfreiches Wissen anzubieten und Falschinformationen und Aktionismus vorzubeugen.

Neue Befunde aus dem Monitoring wurden heute veröffentlicht. Sie zeigen, dass die Gewöhnung an die Krise einsetzt:

Sorgen
Die Sorgen um die Wirtschaftskraft bleiben unter den Befragten stabil hoch. Alle anderen Sorgen gehen tendenziell zurück, vor allem die Sorge um die Überlastung des Gesundheitssystems oder dass die Gesellschaft egoistischer wird.
Die Befürchtung, dass die Corona-Pandemie die soziale Ungleichheit verstärkt, bleibt nach wie vor bestehen. Es empfiehlt sich deshalb Folgendes:
• Maßnahmen zur wirtschaftlichen Unterstützung sollten weiter erarbeitet und kommuniziert werden.
• Sollte die Überlastung des Gesundheitssystems immer noch eine realistische Gefahr sein, sollte diese klar und mit einfach verständlichen Beispielen kommuniziert werden.

Wissen und Verhalten
Die Bevölkerung ist gut über COVID-19 und entsprechende Schutzmaßnahmen informiert. Auch die geltenden Vorschriften zur physischen Distanzierung sind gut bekannt, werden aber teilweise nur unzureichend oder mit Ausnahmen umgesetzt. 78 Prozent der Befragten verzichten häufig oder immer auf private Treffen mit anderen Personen (aus anderen Haushalten); 82 Prozent meiden häufig oder immer öffentliche Orte; 84 Prozent sind häufig oder immer in der Öffentlichkeit nur mit max. einer anderen Person unterwegs.
Vor diesem Hintergrund sollten die Maßnahmen alltagsrelevant und nicht abstrakt formuliert werden: z.B. wie kann die Kontaktregel von mind. 1,50 Meter beim Einkaufen eingehalten werden. Was muss ich tun, wenn eine Schule geschlossen wird, etc. Dabei können einfache Daumenregeln hilfreich sein, wie z.B. wie viel ist eigentlich 1,50 Meter: so viel, dass man lauter sprechen muss als normalerweise.

Vertrauen
Das Robert-Koch-Institut (RKI) genießt das höchste Vertrauen, Tendenz leicht sinkend. Bis auf Krankenhäuser und Ärzte haben alle Institutionen im Vergleich zur Vorwoche etwas an Vertrauen verloren; es liegt aber immer noch auf hohem Niveau (um 5 von 7 Punkten). Das Vertrauen in die Behörden ist ein wichtiger Einflussfaktor für die Akzeptanz vieler Maßnahmen (z.B. auch Akzeptanz einer Tracing-App, einer möglichen Impfung gegen COVID-19, der Beibehaltung der Maßnahmen etc.) und daher besonders schützenswert. Die Forscherinnen und Forscher empfehlen deshalb weiterhin eine transparente Kommunikation, die die gemeinsam erzielten Erfolge betont.

Sogenannte Exit-Strategien
57 % der Befragten haben sich noch vor der Ansprache der Bundeskanzlerin am Mittwochabend dafür ausgesprochen, die aktuellen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie auch nach dem 19. April nicht zu lockern. Zielgruppenspezifische und regionale Lösungen sind dabei weniger akzeptiert als Regeln, die für alle gelten. Deshalb empfiehlt es sich, wenn zielgruppenspezifische und regionale Lösungen ergriffen werden sollten, sie in gesonderter Weise zu kommunizieren.

Schulöffnungen
Ältere Kinder wieder in die Schulen zu schicken, ist bei den Befragten besser akzeptiert als jüngere Kinder in die Schulen schicken und Kitas zu öffnen. Schulen bis zu den Sommerferien geschlossen zu halten, wird jedoch eher abgelehnt, wenngleich die Entscheidung, dass Horte und Kleinkindbetreuung bis zu den Ferien geschlossen bleiben, eher akzeptiert würde. Rotationssysteme (in denen Kinder abwechselnd in kleineren Lerngruppen in der Schule und alleine Zuhause lernen) wären für 2 von 3 Eltern prinzipiell denkbar. Am stärksten wird eine Rotation zwischen Vor- und Nachmittag abgelehnt und von einem Fünftel der Eltern als für die Familien (eher) nicht machbar bewertet. Am seltensten wird die Rotation zwischen A- und B-Woche abgelehnt. Eltern jüngerer Kinder (6-10) stimmen (egal welcher) Rotationslösung eher weniger zu als Eltern älterer Kinder.
1 von 3 Eltern trauen ihren Grundschulkindern nicht zu, sich an Abstandsregeln zu halten. Selbst bei den 14- bis 18-jährigen Kindern trauen mehr als 10 Prozent der Eltern ihren Kindern die Einhaltung der Regeln nicht zu.
Die Wissenschaftler empfehlen deshalb die Unterstützung von Familien bei der Familienorganisation für den Fall, dass Rotationssysteme auch für Grundschüler eingeführt werden (z.B. Betreuung bei geschlossenem Hort).
Zudem seien Schulkonzepte zur Umsetzung der Abstands- und Hygieneregeln wichtig, auch für Schüler höherer Altersstufen.

Tragen von Masken
24 Prozent der Befragten tragen bereits häufig oder immer Masken in der Öffentlichkeit (Vorwoche Prozent); 52 Prozent denken, Stoffmaske-Tragen sollte verpflichtend sein (Vorwoche 45 Prozent). Am häufigsten werden bereits Stoffmasken getragen. Über die unterschiedliche Schutzwirkung wissen die meisten korrekt Bescheid. Eine Warnung vor Masken mit Ventil scheint jedoch geboten: Diese schützen nur den Träger, nicht aber andere. Dies ist nicht ausreichend bekannt.
Der Schutz anderer scheint bei der Wahl der Maske ein Kriterium zu sein. Trotz der RKI-Empfehlung, dass FFP2-Masken vorrangig dem Fachpersonal zur Verfügung stehen sollten, ist ein großer Teil der Bevölkerung bereit, diese Masken (eher) zu kaufen (45 Prozent ohne Ventil, 36 Prozent mit Ventil), wenn sie die Gelegenheit dazu hätten.
Empfehlungen: Die Beschränkungen des Schutzes durch Masken sollte weiter deutlich kommuniziert werden. Der fehlende Schutz anderer durch FFP2-Masken mit Ventil sollte ebenfalls verstärkt kommuniziert werden. Und: Sollten FFP2/3-Masken knapp werden, reicht eine Empfehlung, dass diese nur Fachpersonal vorenthalten sein sollten, möglicherweise nicht aus.

App zur Verfolgung von Transmissionsketten
Etwa 77 Prozent (+4 Prozent) der Befragten geben an, schon etwas von einer solchen App gehört zu haben.
53 Prozent (-3 Prozent) sind eher bereit oder bereit, sich eine datenschutzkonforme App zu installieren; 18 Prozent (+3 Prozent) würden sich eine solche App nach eigenen Angaben auf keinen Fall herunterladen. Wer hohes Vertrauen in die Behörden hat und den Ausbruch nicht als Medienhype wahrnimmt, würde sich eher eine Tracing-App herunterladen.
Die aus dem Kontakt-Tracing folgenden Maßnahmen zur Eindämmung der Infektionsketten (häusliche Quarantäne von Kontaktpersonen) sind bevölkerungsweit sehr gut akzeptiert. Die Bereitschaft zur Nutzung einer Tracing-App ist mittelmäßig ausgeprägt und im Verlauf der vergangenen Wochen leicht gesunken. Kommunikationsmaßnahmen sollten deshalb vor allem auf die große Gruppe der Unentschiedenen fokussieren. Die gut akzeptierten Aspekte – wie die häusliche Quarantäne und vermehrte Testen – könnten bei der Bewerbung der App verstärkt betont werden.

Impfungen
Im Monitoring wurde auch abgefragt, ob in den vergangenen sechs Wochen Impfungen für die Teilnehmer geplant waren (Eltern wurden zusätzlich nach Impfungen für das jüngste Kind gefragt). Von den 132 geplanten Erwachsenen-Impfungen wurden 30 Prozent durch die Corona-Situation vom Arzt oder Patienten abgesagt. 35 Prozent der 75 geplanten Kinderimpfungen wurden wegen der Corona-Situation abgesagt. Nur ca. die Hälfte wurde wie geplant durchgeführt. Die Wissenschaftler empfehlen deshalb, die Zahlen mit den Abrechnungszahlen zu vergleichen. Sollte sich diese Tendenz dort spiegeln, bestehe dringender Handlungsbedarf.
Ärzte sollten überdies so unterstützt werden, dass geplante Impfungen weiter durchgeführt werden, damit keine Impflücken entstehen. Hier sind Ärztekammern, Kassenärztliche Vereinigungen und anderen relevante Gruppen aufgerufen, Unterstützung zu bieten. Vor allem Eltern benötigen Unterstützung, damit die geplanten Impfungen nicht von ihnen abgesagt werden.

Hypothetische Impfung gegen das Coronavirus
Erstmals wurde im Monitoring auch die Bereitschaft abgefragt, sich gegen das neue Coronavirus impfen zu lassen, für den Fall, dass es einen effektiven und sicheren Impfstoff gäbe. 79 Prozent der Befragten beantworteten die Frage mit „Ja“ – unabhängig davon, ob die Impfung andere schützt oder nicht. Personen mit Risikofaktoren oder erhöhter Risikowahrnehmung, die allgemein Impfungen gegenüber aufgeschlossen sind, würden sich auch eher gegen das Coronavirus impfen lassen. Wer im Gesundheitswesen arbeitet, ist dagegen weniger impfbereit. Bis ein effektiver Impfstoff in der nötigen Menge vorhanden ist, sollten deshalb alternative Maßnahmen zur Verlangsamung der Ausbreitung kommunikativ forciert  und deren eingeschränkte Schutzwirkung verständlich kommuniziert werden.

Ostern und Religiosität
Die sozialen und religiösen Aspekte rund um das vergangene Osterfest wurden in der 7. Befragungswell ebenfalls abgefragt. Die Bedeutung von Ostern scheint sich im Wesentlichen durch das Zusammensein in der Familie zu definieren. Das Fehlen echter Sozialkontakte zu Ostern konnte aber durch die digitalen Kommunikationsmöglichkeiten wenigstens teilweise ausgeglichen werden. Personen mit hoher kirchlicher Verbundenheit nutzen auch eher digitale Ersatzangebote der Kirchen und nehmen den Beitrag der Kirche zur persönlichen Krisenbewältigung deutlicher wahr. Für die Kirchen erscheint es deshalb als eine wichtige Aufgabe, auch in dieser schwierigen Zeit zu Menschen, denen Glaube und Gemeinde am Herzen liegen, den Kontakt zu halten, auch mit digitalen Kommunikationsformen.

Familiärer Zusammenhalt
Hinsichtlich des Familienklimas haben sich positive Gefühle, Problemlösungsfähigkeiten sowie die Qualität der Kommunikation unter den Befragten auf einem hohen Niveau erhalten. Auch das Ausmaß von Meinungsverschiedenheiten in den Familien hat sich seit Welle 5 nicht verändert. Unterstützungsangebote sollten dennoch weiter aufrechterhalten bleiben.

Alkohol und Bewegung
Der selbstangegebene Alkoholkonsum der Umfrage-Teilnehmer ist in der aktuellen Situation vergleichbar zum selbst angegebenen Konsum im vergangenen Jahr. Auch die Bewegung ist – hier im Vergleich zu repräsentativen Daten aus den Vorjahren – auf einem vergleichbaren Niveau. Die Möglichkeiten zur Bewegung im Freien könnten dazu beigetragen haben, dass die Bewegung und der Alkoholkonsum auf vergleichbarem Niveau sind wie in Vorjahren; dies sollte nach Einchätzung der Wissenschaftler weiterhin erlaubt bleiben, sofern es das Infektionsgeschehen erlaubt.

Psychologische Krisenbewältigung
Die Bewältigungsfähigkeiten und -möglichkeiten (Coping) in Zusammenhang mit den aktuell eingeschränkten Kontaktmöglichkeiten sind seit Welle 4 relativ stabil und weiterhin gut ausgeprägt. Jedoch sind die Unterstützungsangebote aus dem persönlichen Umfeld zurückgegangen. Weniger Befragte empfinden ihre persönliche Situation momentan als belastend (im Vergleich zu vor zwei Wochen -12 Prozent), dennoch betrifft es immerhin noch 45 Prozent der junge Personen. Vor diesem Hintergrund seien Hinweise und einfach zugängliche Angebote zur psychologischen Krisenbewältigung über Kanäle, die vor allem von jungen Menschen genutzt werden, dringend geboten.

Weitere Informationen / Kontakt:
Prof. Dr. Cornelia Betsch
cornelia.betsch@uni-erfurt.de