„COVID-19 Snapshot Monitoring“ (COSMO): Ergebnisse der 6. Befragungswelle

Unter der Leitung von Prof. Dr. Cornelia Betsch, Heisenberg-Professorin für Gesundheitskommunikation an der Universität Erfurt, betreibt das Robert-Koch-Institut gemeinsam mit weiteren Kooperationspartnern derzeit ein „COVID-19 Snapshot Monitoring“ (COSMO). Das Konsortium ermittelt einmal pro Woche in einer Online-Live-Umfrage, wie Menschen subjektiv die Risiken des COVID-19-Virus wahrnehmen, welche Gegenmaßnahmen bekannt sind, welche davon bereits angewandt oder abgelehnt werden. Ziel dieses Projektes ist es, einen wiederholten Einblick in die „psychologische Lage“ der Bevölkerung zu erhalten. Dies soll es erleichtern, Kommunikationsmaßnahmen und die Berichterstattung so auszurichten, um der Bevölkerung korrektes, hilfreiches Wissen anzubieten und Falschinformationen und Aktionismus vorzubeugen.

Neue Befunde aus dem Monitoring wurden heute veröffentlicht. Sie zeigen, dass die Gewöhnung an die Krise einsetzt, das bedeutet:
• Die Risikowahrnehmung, Ängste und Sorgen gehen im Vergleich zu den Vorwochen leicht zurück, befinden sich aber immer noch auf einem relativ hohen Niveau.
• Die Sorge vor der Überlastung des Gesundheitssystems – eine zentrale Begründung der Maßnahmen – ging im Vergleich zur Vorwoche zurück.
• Die Befürchtung, dass die Gesellschaft egoistischer wird, nimmt ab.
• Die Maßnahmen sind immer noch gut akzeptiert, aber mehr Befragte als vergangene Woche nehmen die Maßnahmen als übertrieben wahr. Beispielsweise ging die Akzeptanz zu Maßnahmen der Schließung von Gemeinschaftseinrichtungen und zur Ausgangseinschränkung zurück.
• Trotz der relativ hohen Risikowahrnehmung treten “Ermüdungserscheinungen” im Zusammenhang mit der Akzeptanz der Maßnahmen auf.
• Ein Effekt der sinkenden Risikowahrnehmung auf das Befolgen der Maßnahmen zeigt sich nicht. Wissen ist hier der stärkste Einflussfaktor.
• Mobilitätsdaten des Robert-Koch-Instituts (RKI) aus Mobiltelefonen zeigen einen kleinen Anstieg in der Bewegungshäufikeit der Bevölkerung; diese gehen einher mit einer steigenden Wahrnehmung, dass die Maßnahmen übertrieben sind (kleiner Effekt). Absolut gesehen sind die Maßnahmen jedoch noch gut akzeptiert.
• Die rückläufigen Tendenzen in der Risikowahrnehmung und Sorge sind derzeit klein, jedoch deutet das Gesamtmuster auf eine einsetzende Gewöhnung und möglicherweise langfristig sinkende Bereitschaft hin, die Maßnahmen vollumfänglich und konsequent mitzutragen.

Die an der Studie beteiligten Forscherinnen und Forscher ziehen daraus folgende Schlüsse:
• Nachdem zu Beginn der Datenerfassung (Anfang März) die Risikowahrnehmung, Angst und Sorge stark gestiegen sind, dann auf einem Plateau stabil geblieben ist, sinkt sie derzeit wieder leicht.
• Die ergriffenen Maßnahmen werden gut akzeptiert, die Zustimmung für restriktivere Maßnahmen sinkt jedoch leicht.
• Das Vertrauen in Behörden und das Gesundheitssystem ist weiter hoch, das RKI genießt nach wie vor absolut höchstes Vertrauen.
• Immer noch gibt es eine Kluft zwischen Wissen und Handeln. Nach wie vor bleiben kranke Menschen selten Zuhause, bei COVID-19 Symptomen wird häufig keine Selbst-Quarantäne aufgesucht. Der Zusammenhang zwischen Wissen und Verhalten ist bei den Vorschriften größer als bei den freiwilligen Schutzmaßnahmen, aber besonders bei der Einschränkung nicht notwendiger Kontakte und Wege zu gering.
• Wirtschaftliche und gesellschaftsbezogene Sorgen sind derzeit größer als gesundheitliche Sorgen um Angehörige. Auch die Sorge um eine Überlastung im Gesundheitssystem geht zurück.
• Etwas mehr als die Hälfte der Befragten würde eine freiwillige, datenschutzkonforme Tracing-App nutzen. Daraus folgenden Maßnahmen zur Eindämmung der Infektionsketten in Deutschland (häusliche Quarantäne von Kontaktpersonen) sind bevölkerungsweit sehr gut akzeptiert.

Daraus ergeben sich seitens der Forscherinnen und Forscher folgende Empfehlungen:
• Insbesondere vor dem Osterwochenende sollte dringend auf das Einhalten der Regeln hingewirkt werden. Die leicht sinkende Risikowahrnehmung, geringere Akzeptanz der Maßnahmen und steigende Mobilität weisen auf einen einsetzenden Ermüdungseffekt hin – auch wenn die Effekte derzeit klein sind.
• Die WHO empfiehlt, viel zu testen, Kontaktketten zu identifizieren, Erkrankte zu isolieren und Kontaktpersonen in häusliche Quarantäne zu schicken. Die Befragung ergab eine mittlere Akzeptanz einer Tracing-App, die potenziell Infizierte schnell informiert. Verstärktem Testen und häuslicher Quarantäne von Personen, die mit Infizierten Kontakt hatten, wird stark zugestimmt.
• Große Teile der Bevölkerung sind bereit, Masken in der Öffentlichkeit zu tragen. Hierbei müssen die Grenzen des Schutzes von Masken in der Kommunikation herausgestellt werden.
• Zielgruppenspezifische oder regionale Lösungen, die Regeln für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen aufheben, sind derzeit nicht sehr gut akzeptiert, vor allem von den davon betroffenen Bevölkerungsgruppen. Sollten zielgruppenspezifischen Lockerungen der Maßnahmen geplant werden, sollten frühzeitig umfassende kommunikative Maßnahmen ergriffen werden.
• Hinweise und einfach zugängliche Angebote zur psychologischen Krisenbewältigung über Kanäle, die vor allem von jungen Menschen genutzt werden, sind dringend geboten. Diese sind v.a. öffentlich-rechtliches Fernsehen, Webseiten der Gesundheitsbehörden und soziale Medien sowie Suchmaschinen. Angebote sollten also besonders gut in Suchmaschinen zu finden sein, z.B. durch Werbeanzeigen. Telefonische Beratungsangebote könnten geeignet sein, um insbesondere Menschen, die mit dem Corona-Virus infiziert sind und somit in der Regel in Quarantäne sein dürften, zu unterstützen.
• Risikokommunikation: Die Maßnahmen sollten alltagsrelevant und nicht abstrakt formuliert werden: z.B. wie kann die Kontaktregel von mind. 1,50 Meter beim Einkaufen eingehalten werden. Was muss ich tun, wenn eine Schule geschlossen wird, etc. Dabei können einfache Daumenregeln hilfreich sein, wie z.B. wie viel ist eigentlich 1,50 Meter: so viel, dass man lauter sprechen muss als normalerweise.
• Vereinzelt geben Personen an, dass sie Maßnahmen ergreifen (z.B. öffentliche Orte meiden), diese aber keine vorgeschriebenen Maßnahmen sind. Diese Unterschiede könnten darauf hinweisen, dass noch klarer gemacht werden muss, welches die zentralen Verhaltensregeln sind. Einheitliche Regelungen und Sanktionen können dabei helfen.
• Langfristig sollte daran gearbeitet werden, die Kluft zwischen Wissen und Handeln zu verringern. Dazu kann es hilfreich sein, eine breitere Kommunikation anzustrengen, die über die reine Information hinausgeht. Der Hinweis auf die neuen Routinen, die eine Pandemie bewältigen helfen, könnte kommunikativ ausgestaltet werden.

Weitere Informationen / Kontakt:
Prof. Dr. Cornelia Betsch
cornelia.betsch@uni-erfurt.de