Prof. Dr. Tillmann Betsch

Nachgefragt: „Warum ‚hamstern‘ wir eigentlich, Herr Prof. Betsch?“

Wer dieser Tage seine Besorgungen im Supermarkt erledigt, steht immer öfter vor leeren Regalen: Tiefkühlwaren und Konserven, Nudeln, Zucker, Mehl und ja, auch das Toilettenpapier sind immer häufiger vergriffen. Sogenannte „Hamster-“ oder „Raffkäufe“  sind daran schuld, dass uns ein Mangel suggeriert wird, der wirtschaftlich gar nicht gegeben ist. Doch warum „hamstern“ Menschen eigentlich? Und wie kann dieses Verhalten, das doch eigentlich vor Versorgungsengpässen in der Bevölkerung schützen soll, eben diese erst herbeiführen? Das hat „WortMelder“ bei Prof. Dr. Tillmann Betsch, Verhaltensforscher an der Universität Erfurt und Direktor des Erfurt Laboratory for Empirical Research, nachgefragt:

„Hamster sind nicht dumm. Sie sorgen vor. Für schlechte Zeiten. Dafür legen sie Vorräte an. Das taten sie schon lange bevor der homo sapiens auf den Plan trat.*

Schriftliche Zeugnisse über menschliche Vorratshaltung finden sich bereits im Alten Testament. Josef deutete die Träume des Pharaos als Gottes Weisung, in sieben fetten Jahren Getreidevorräte für kommende sieben magere einzulagern. Auch heute raten Regierungen ihren Bürgerinnen und Bürgern zur Vorratshaltung. Die schwedische Regierung, zum Beispiel, verfasste eine Handreichung, in der genau aufgelistet ist, was man im Haus haben sollte, um für Krisen oder für eine Invasion durch den großen Nachbarn im Osten gewappnet zu sein.**

‚Lege Vorräte für schlechte Zeiten an.‘ Diese Verhaltensregel ist älter als wir alle und tief in unserem kulturellen Bewusstsein verankert. Meine Eltern, die noch den Zweiten Weltkrieg erlebt haben, befolgten sie beflissen. In meiner Kindheitserinnerung gab es den Gewölbekeller, später die Gefriertruhen, wahre Ungetüme, immer prall gefüllt, so dass eine Kompanie hätte versorgt werden können.

Insofern ist es nicht überraschend, dass auch in der Corona-Krise Menschen Vorräte anlegen. Der Verweis auf eine Regel oder Norm erklärt aber noch nicht hinreichend das Verhalten meines Nachbarn: Montagfrüh fuhr er seinen Kombi vor die Haustür. Buchstäblich der gesamte Laderaum war vollgestopft mit Großpackungen Toilettenpapier und Taschentüchern. Der Ertrag eines gezielten Raffkaufes. – ‚Raffkauf‘ nicht ‚Hamsterkauf‘. Letzterer würde die Hamster diskriminieren. Denn Hamster sind nicht raffgierig. Sie legen nur Vorräte für die Winterzeit an, in der sie keine Nahrung finden können. Ihre Vorratshaltung ist recht gut kalibriert. Denn die Beschaffung kostet Zeit und Energie und birgt zudem das Risiko, dass ein Hamster seinen Feinden, wie Greifvögeln oder Wieseln, zum Opfer fällt. Deshalb bevorraten Hamster mit Augenmaß, was funktioniert, weil die Dauer der Winterzeit im statistischen Mittel recht verlässlich ist. Darauf hat sich die Art über Generationen hinweg eingestellt. Die Sommermonate bieten zudem meist reichlichen Überfluss an Nahrung, sodass die Konkurrenz unter den Hamstern bei der Vorratsbeschaffung keine große Rolle spielt.

Die Corona-Krise konfrontiert uns mit völlig anderen Rahmenbedingungen: Im Unterschied zu Jahreszeiten und deren Verlauf fehlt uns für den Umgang mit dem Coronavirus eine Datengrundgrundlage, die exakte Prognosen erlauben würden. Es lässt sich zurzeit nicht quantifizieren, wie lange die Pandemie dauern wird, welche Einschränkungen noch auf uns zukommen werden und was diese für die Produktion von Gütern bedeuten. Da unsicher ist, wie sich die Lage entwickeln wird, lässt sich auch die Vorratshaltung nicht nach belastbaren Kriterien planen. Die Forschung zeigt: Unter Unsicherheit neigen wir zu affektgesteuerten Entscheidungen. Gefühle und diffuse Ängste leiten dann stärker unser Handeln als eine kühle und sachliche Abwägung von Risiken.

Die Beschaffung von Vorräten ist aber selbst in der Corona-Krise relativ kostengünstig. Die meisten Menschen verfügen über das nötige Geld zum Einkauf und über Transportmittel, um die erworbenen Waren nach Hause bringen. Auch lauern Mörder uns eher selten in Supermärkten auf. In dieser Hinsicht haben wir es besser als die Hamster. Aber Konkurrenten, die Beutefeinde, sind überall. Sie drängen sich mit uns auf Parkplätzen und in den Märkten. Sie leeren die Regale und ein jeder muss sich sputen, um den anderen auszustechen. Ist dann ein Produkt mal ausverkauft, suggeriert dies einen Zustand des Mangels, der in Wahrheit gar nicht besteht. Unsicherheit, Affekte, geringe Beschaffungskosten und die lokale Suggestion des Mangels schaffen Bedingungen, die Raffkäufe befördern.

Aber warum rafft mein Nachbar ausgerechnet Hygieneartikel? Der Grund dafür war in seinem Falle einfach. Der Keller und die Kühltruhe seien schon voll mit Vorräten, erklärte er mir, ihm fehle halt nur noch Klopapier.

Unsicherheit bedeutet, wir können die Risiken nicht genau quantifizieren. Das heißt aber nicht, dass alle Ausgänge gleich wahrscheinlich sind. Corona ist gefährlich, ohne Frage. An der Viruserkrankung sind schon viele Menschen gestorben und es werden wohl leider noch viele weitere sterben. In der Regel enden die Krankheitsverläufe aber nicht tödlich und es gibt geeignete Maßnahmen, um das Risiko einer Ansteckung zu minimieren. Deshalb ist es sehr unwahrscheinlich, dass die Produktion der Güter des täglichen Bedarfs auf längere Sicht zum Erliegen kommen wird. Allein schon deshalb sind Raffkäufe unangebracht und haben nichts mit der vorausschauenden Vorratshaltung der Hamster zu tun.

Darüber hinaus richten Raffkäufe Schaden an. Wenn nur eine Person im Supermarkt das Mehlregal leerräumt, signalisiert sie allen anderen: Das Mehl wird knapp! Dies wiederum erhöht die Tendenz zu weiteren Raffkäufen, sobald das Mehl in den Regalen wieder aufgefüllt wird. Im ungünstigen Falle kann es dann zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung kommen. Obwohl anfangs eine Mangelversorgung gar nicht existierte, führt die fortgesetzte, aufgeblasene Nachfrage zu den befürchteten Engpässen.

Maßhalten ist gefragt. Bei unserem Konsumverhalten, wie auch bei der Regulierung des Abstandes zu unseren Mitmenschen. Auch da können wir etwas von den Hamstern lernen. Die sind nämlich Einzelgänger.“

* So macht es zumindest unser heimischer Feldhamster (cricetus cricetus), dessen Vorfahren schon seit mehr als zehn Millionen Jahren den eurasischen Raum bevölkern.

** https://www.dinsakerhet.se/siteassets/dinsakerhet.se/broschyren-om-krisen-eller-kriget-kommer/om-krisen-eller-kriget-kommer—engelska-2.pdf