Nachgefragt: „Wann wurde eigentlich Jesus wirklich geboren, Herr Prof. Brodersen?“

Mit dem Weihnachtsfest feiern wir die Geburt Jesu Christi. Dabei ist an der größten Geburtstagsfeier des Jahres allerhand fraglich: Standen Maria und Josef tatsächlich am 25. Dezember vor 2019 Jahren an der Krippe, in der ihr Neugeborenes lag? Ist Christus damit im „Jahr Null“ geboren? Und falls nicht: Wer legte dann das Datum fest? „WortMelder“ hat Kai Brodersen, Professor für Antike Kultur an der Universität Erfurt, gebeten, einmal Licht ins Dunkel zu bringen…

„Im 1. Jahrhundert v. Chr. war Judäa ein römischer Klientelstaat. Das Imperium Romanum hatte das Gebiet nicht – wie etwa das benachbarte Syrien – zur Provinz gemacht, sondern einen ‚Freund und Bundesgenossen‘ als König eingesetzt. Besonders die mehr als 30 Jahre währende Herrschaft des Herodes – der auch ‚Herodes der Große‘ genannt wurde – war prägend; Herodes etwa veranlasste den Bau des zweiten Tempels von Jerusalem, der trotz seiner Zerstörung im Jahr 70 n. Chr. für Juden auf aller Welt seither Erinnerungs- und Sehnsuchtsort ist. Im Frühjahr des Jahres 4 v. Chr. starb Herodes der Große. Als seinen Nachfolger setzten die Römer seinen Sohn Herodes Archelaos ein.

Herodes der Große wird auch im Neuen Testament genannt. Im Lukas-Evangelium (1,5) wird er als König erwähnt, unter dessen Herrschaft Elisabeth die Geburt ihres Sohnes Johannes (des Täufers) angekündigt wird. Im Matthäus-Evangelium (2,1) wird auch die Geburt Jesu in die Zeit des Herodes datiert: ‚Da Jesus geboren war zu Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem‘. Auch die nur hier, nicht aber in anderen Quellen, angegeben Geschichte vom ‚Kindermord in Bethlehem‘ wird mit Herodes verbunden. Folgt man also der Angabe im Matthäus-Evangelium, muss die Geburt Jesu zu Lebzeiten Herodes’ des Großen also allerspätestens im Frühjahr 4 v. Chr. datiert werden.

Herodes Archelaos, der Sohn und Nachfolger Herodes’ des Großen, nahm seine Herrschaft dann zunehmend in einer Weise war, dass ein Amtsenthebungsverfahren unausweichlich wurde: Im Jahr 6 n. Chr. verklagten ihn die vornehmsten Juden und Samariter bei Kaiser Augustus, der ihn in Rom nach einer Gerichtsverhandlung seines Amtes enthob und nach Gallien verbannte; Judäa wurde nun in eine römische Provinz umgewandelt. Statthalter der schon lange bestehenden römischen Nachbarprovinz Syrien, Publius Sulpicius Quirinius, war seinerzeit Publius Sulpicius Quirinius. Er erhielt wohl bald den Auftrag, auch für die neue Provinz Judäa die Eintragung von Grundbesitz in Steuerlisten durchzusetzen. Darauf nun bezieht sich der Beginn der Weihnachtsgeschichte im Lukas-Evangelium (2,1-2): ‚Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war.‘ Folgt man dieser Geschichte, kann die Geburt Jesu in Bethlehem allerfrühestens auf 6 n. Chr. datiert werden. 

Beide Daten liegen zwar mindestens ein Jahrzehnt auseinander, fallen aber beide in die lange Herrschaftszeit des Kaisers Augustus (27 v. Chr. bis 14 n. Chr.). Dessen Nachfolger wurde Kaiser Tiberius, und das Lukas-Evangelium selbst datiert die Tätigkeit des Täufers Johannes ‚im 15. Jahr der Herrschaft des Kaisers Tiberius, als Pontius Pilatus Statthalter in Judäa war und Herodes Landesfürst von Galiläa und sein Bruder Philippus Landesfürst von Ituräa und der Landschaft Trachonitis und Lysanias Landesfürst von Abilene‘ (3,1) – die vielen Angaben machen dabei anschaulich, wie kompliziert Datierungen sind, wenn es keine allgemein verbreitete, übergreifende Zeitrechnung gibt. Da man in der Antike bei solchen Zeitangaben inklusiv rechnet, also sowohl das erste als auch das letzte Jahr mitrechnet, ist das 15. Jahr der Herrschaft des Kaisers Tiberius das Jahr 28 n. Chr. Ebenfalls das Lukas-Evangelium gibt an: ‚Jesus war, als er auftrat, etwa 30 Jahre alt‘ (3,23), wozu eine Geburt frühestens 6 n. Chr. nicht so gut passt wie eine spätestens 4 v. Chr.

Christi Geburt ist also wohl ein paar Jahre v. Chr. zu datieren. Eine übergreifende Zeitrechnung freilich war, wie wir gesehen haben, seinerzeit noch nicht anerkannt. Am ehesten noch kannte man in der römischen Welt die Zählung ‚ab urbe condita‘, ’seit Gründung der Stadt‘ Rom im Jahr 753 v. Chr. (der Merkvers dazu ist ‚753 – Rom kroch aus dem Ei‘). Im 6. Jahrhundert n. Chr. versuchte dann ein Mönch, Dionysius Exiguus, die Geburt Christi mit astronomischen Überlegungen zu Großjahreszyklen zu datieren und kam zu einem Ergebnis, das man später so verstand, dass Jesus im 754. Jahr ‚ab urbe condita‘ geboren sei. Bei inklusiver Rechnung ist das 753. Jahr ‚ab urbe condita‘ 1 v. Chr.; da es kein Jahr ‚Null‘ gibt, ist das 754. Jahr also 1 n. Chr.

Die Festlegung des 25. Dezember als Weihnachtstag schließlich ist eine Tradition, die erst seit dem 4. Jahrhundert n. Chr. bezeugt ist. Vielleicht – sicher ist dies nicht – ging es darum, in der Zeit der Wintersonnenwende einen zuvor als Feiertag des römischen Sonnengottes begangenen Tag neu mit der Feier der im Alten Testament (Maleachi 3,20) angekündigten ‚Sonne der Gerechtigkeit‘ zu verbinden. Wenn wir also am 25. Dezember 2019 n. Chr. Weihnachten feiern, stehen wir in einer langen Tradition, die sich von den widersprüchlichen Angaben in den Evangelien und einer neuen Deutung der Wintersonnenwende in der Spätantike über die Umrechnung einer römischen Jahreszählung im Mittelalter bis zu einer Gleichsetzung der Geburt Jesu mit einer Zeitenwende erstreckt. In diesem Sinne: Frohe Weihnachten!“