Annick De Houwer

Ohne Deutsch-Kenntnisse keine Einschulung – Wahlkampf-Polemik oder notwendige Maßnahme, Frau Prof. De Houwer?

Der CDU-Politiker Carsten Linnemann hat jüngst gefordert, dass Kinder, die noch kein Deutsch können, nicht an Grundschulen aufgenommen werden sollen bzw. deren Einschulung zurückgestellt werden sollte und er plädiert für eine Vorschulpflicht. Anlass seiner Aussage sind u.a. Sprachtests in Duisburg, bei denen mehr als 16 Prozent der künftigen Erstklässler kein Deutsch konnten, und die vermeintliche Angst der Deutschen vor der Ausprägung von „Parallelgesellschaften“. Eben diese Sorge vor Parallelgesellschaften führen jedoch auch seine Kritiker an, darunter Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien (CDU), Katja Kipping (Die Linke) oder Marja-Liisa Völlers (SPD), die eine Regelbeschulung fordern. Wir haben bei Annick De Houwer, Professorin für Spracherwerb und Mehrsprachigkeit an der Universität Erfurt, nachgefragt: „Sind Kinder in der Lage, die fehlenden Sprachkenntnisse schnell genug aufzuholen und welche Rahmenbedingungen müssen geschaffen werden, damit das gelingen kann?“

„Kinder, die beim Schuleintritt noch kein Deutsch sprechen, haben aus meiner Sicht keine fehlenden Sprachkenntnisse, die ‚aufgeholt‘ werden müssten. Sie sprechen schlichtweg eine andere Sprache als die Schulsprache (oder sogar zwei). Es ‚fehlt‘ den Kindern nichts – es ist nur so, dass die Gesellschaft die Schule so gestaltet hat, dass erwartet wird, dass Kinder im Alter von sechs Jahren die Schulsprache schon ziemlich gut sprechen können. Kinder, die zufälligerweise noch nicht die Möglichkeit hatten, die Schulsprache im persönlichen Umfeld oder in einer Vorschule zu erlernen, haben es indes schwer in der Grundschule. Ohne besondere Fördermaßnahmen und ohne eine aktive mehrsprachigkeitsoffene Bildungseinstellung der Lehrkräfte ist es schwer für die Kinder, in der Grundschule gut und schnell genug Deutsch zu lernen, um voll am Bildungsangebot teilnehmen zu können.

Der regelmäßige Besuch einer guten vorschulischen Einrichtung könnte jedoch diesen Kindern – und ebenso vielen anderen – dabei helfen, die Schulsprache (besser) zu erlernen. Eine qualitätsvolle vorschulische Bildung zeigt dabei eine klare Offenheit und Akzeptanz gegenüber allen Sprachen und Dialekten, die die Kinder von zuhause mitbringen. Dabei nutzt sie ein alltagsintegriertes und sprachförderliches Interaktionsverhalten. Die Rahmenbedingungen für eine solche Vorschule müssten natürlich auch gegeben sein, das heißt: Die Kindergruppen sollten klein, die Lehrkräfte das ganze Schuljahr über dieselben sein, und sie sollten gut bezahlt werden. Denn sie leisten eine sehr wichtige Arbeit für die Gesellschaft. Das soll sie honorieren. Ich spreche hier bewusst von ‚Lehrkräften‘, denn ich meine, dass mindestens ein Vorschuljahr im regulieren Bildungssystem aufgenommen werden sollte. In ganz Europa ist das möglich – warum nicht auch in Deutschland? Hierüber sollten Politiker und Experten aus dem Bereichen frühe Bildung und mehrsprachige Entwicklung miteinander sprechen. Die Angelegenheit ist fundamental wichtig für unsere ganze Gesellschaft – und nicht weniger für unsere Kinder, die sich alle in der Schule gut aufgehoben fühlen sollten, damit sie gut lernen können.“