Dr. Isabella Schwaderer

Nachgefragt: „Warum ist Pilgern auch bei nicht-gläubigen Menschen so im Trend, Frau Dr. Schwaderer?“

Sommer, Sonne, Sonnenschein – und ganz nebenbei die Erleuchtung? Pilgerreisen sind heute nicht mehr nur streng gläubigen Menschen vorbehalten. Im Gegenteil: Der Pilgertourismus erlebt einen wahren Boom. Während 2008 noch circa 125.000 Personen durch das Pilgerbüro in Santiago de Compostela entlang des Jakobsweges gekommen waren, waren es zehn Jahre später mit über 300.000 weit mehr als doppelt so viele – und das analog zu sinkenden Kirchenmitgliedzahlen. Besonders eng wird es auf Europas wohl berühmtestem Pilgerweg in den Sommermonaten und damit in der Urlaubszeit. Wird spirituelle Selbstfindung folglich zum kommerziellen Freizeitvergnügen? Und warum pilgern Menschen, die nicht bewusst auf der Suche nach Gott sind, überhaupt? Das wollte „WortMelder“ von Dr. Isabella Schwaderer, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Allgemeine Religionswissenschaft an der Universität Erfurt, wissen…

„Das Pilgern ist, wie menschliches Handeln überhaupt, eine vielschichtige Angelegenheit, und es ist schwierig, die vielfältigen Motivationen einzelner Pilger*innen in einer einzelnen zufriedenstellenden Erklärung zusammenzufassen.

Schon im Mittelalter gab es die unterschiedlichsten Gründe, sich auf eine der beliebten Pilgerrouten zu begeben, die Europa in alle Richtungen durchkreuzten. Vergebung für begangene Sünden zu finden und einer Bitte größeres Gewicht zu verleihen, dürften zu den häufigsten Beweggründen gehört haben. Dennoch schlossen diese andere nicht aus, etwa die Freude am Bereisen unbekannter Länder und pure Abenteuerlust, besonders wenn es um eine Pilgerfahrt ins Heilige Land ging. Und immer waren ökonomische Überlegungen bei den vielen Dienstleistern, die den reibungslosen Ablauf der Pilgerreise garantierten, im Spiel. Wie auch immer man es bewerten will, das Pilgern sorgte für eine große Mobilität in Europa, etablierte Handels- und Geschäftsbeziehungen zwischen Nordeuropa und dem Mittelmeerraum und war die Grundlage einer Art ‚Prototourismus‘ für diejenigen, die es sich leisten konnten.

Auch heute verbinden sich noch unterschiedliche Motive für eine Pilgerreise. Nicht selten entwickeln sie sich auch erst unterwegs. Wie zahlreiche Befragungen nahelegen, vermischen sich persönliche Erfahrungen von persönlichen Krisen oder Verlusten mit sozialen Dynamiken, und auch die Konfrontation mit Erlebnissen am Rande der psychischen und physischen Belastbarkeit werden letzten Endes als Impuls für die persönliche Entwicklung wahrgenommen. Die existenzielle Erfahrung der Grenzen, aber auch des Genusses der eigenen Leiblichkeit und der Natur, das Überwinden von Hindernissen und das bewusste Vermeiden von Bequemlichkeiten machen das Pilgern zu einem alternativen Raum für Selbst- und Fremdwahrnehmung und zu einer Gegenwelt zum Alltag der westlichen, modernen Lebenswelt. 

Wichtig ist der Unterbrechungscharakter des Pilgerns, das nicht selten den Übergang von einer Lebensphase in die nächste markiert – etwa zwischen Studium und Berufsleben, oder vor einer persönlichen Neuorientierung. Dadurch, dass sich Pilger aus praktischen Gründen auf ein Minimum an Ausstattung beschränken müssen, fallen unterwegs soziale Unterschiede wie Alter, Klassen- und Religionszugehörigkeit weg, wodurch in einer geschützten Atmosphäre Vertrauensbeziehungen erwachsen können, die im Alltag vielleicht nicht möglich wären. Man teilt bereitwillig Essen und Kleidung, menschliche Schwächen bleiben nicht verborgen und werden toleriert.

In der Tat berichten Pilger*innen von der befreienden und transformierenden Wirkung ihrer Reisen, die oft in Zeiten von Krisen und biografischen Umbrüchen unternommen werden, und der heilsamen, integrativen Wirkung tiefgehender Gespräche mit zuvor unbekannten Mitpilger*innen. So stellen und lösen sich die ‚großen Fragen‘ meist unterwegs, und nicht nur zu Beginn oder am eigentlichen Ziel der Pilgerreise.

Inwieweit das Pilgern heute der Gottsuche geschuldet ist oder vielmehr einer persönlichen Selbstfindung, ist schwer zu sagen. Jedenfalls scheint diese Praxis neue Möglichkeiten eines spirituellen Lebens jenseits von Disziplin und Autorität der Konfessionen zu eröffnen. Das Ergebnis dieser neuen religiösen Suche und damit auch die Richtung, die die Pilger*innen in Zukunft einschlagen werden, ist noch nicht abzusehen.“