„Es tut sich etwas bezüglich der Aufarbeitung des Kolonialismus in Erfurt“

„Es tut sich etwas bezüglich der Aufarbeitung des Kolonialismus in Erfurt“, freut sich Dr. Urs Lindner, Juniorfellow am Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt. Gemeinsam mit weiteren Dozenten und Studierenden hat er im vergangenen Wintersemester ein Seminar im Studium Fundamentale organisiert, aus dem ein dekolonialer Stadtrundgang und die Ausstellung „Kolonialismus in Erfurt, 1503 bis heute“ hervorgegangen sind.

In Reaktion auf die Ausstellung, die bereits im Haus Dacheröden und im Landtag zu sehen war, gab es Ende Mai ein erstes Treffen mit der Erfurter Stadtverwaltung, vertreten durch den Kulturdezernenten, die amtierende Kulturdirektorin sowie die amtierende Direktorin der Geschichtsmusen und die Leiterin des Stadtarchivs. „Das Treffen war sehr konstruktiv“, berichtet Urs Lindner. „Der Kulturdezernent Tobias Knoblich hat deutlich gemacht, dass sich die Stadt den ‚Eckpunkten zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten‘ verpflichtet fühlt, die Bund, Länder und kommunale Spitzenverbände im März 2019 verabschiedet haben. Die ‚Eckpunkte‘ enthalten in Hinblick auf die Rückführung von kolonialem Raubgut einige recht weitreichende Handlungsempfehlungen – Standards, an denen sich die Stadt in Zukunft wird messen lassen müssen.“

Im Nachgang des Treffens fand Mitte Juni eine gemeinsame Besichtigung der Erfurter „Südseesammlung“ statt. „Dabei hat sich gezeigt, dass die Sammlung in mancherlei Hinsicht gut erforscht ist, aber eben nicht im Hinblick auf einige aus kolonialismuskritischer Perspektive zentrale Aspekte“, betont Urs Lindner. „Im Anschluss an die Besichtigung hat die amtierende Kulturdirektorin Sarah Laubenstein unter anderem zugesagt, dass eine Inventarisierung der in der Sammlung befindlichen menschlichen Überreste erfolgen wird. Wir hoffen, dass dies bald geschieht, und dass die Stadt dann auch die nächsten Schritte geht.“

Der ethisch angemessene Umgang mit kolonialem Sammlungsgut ist auch am Mittwoch, 10. Juli, um 19 Uhr im Haus Dacheröden noch einmal Thema. Dr. Noa K. Ha, Nachwuchsgruppenleiterin am Institut für Integrationsstudien der TU-Dresden, hält dort einen Vortrag unter dem Titel „Kolonialer Rassismus: Die Produktion und Aneignung der ‚Anderen‘ in den Städten Europas“. Organisiert wird die Veranstaltung von der Initiative Decolonize Erfurt in Kooperation mit der Rosa Luxemburg Stiftung Thüringen sowie dem Lokalen Aktionsplan gegen Rechtsextremismus der Stadt Erfurt. Tags zuvor, am 9. Juli, findet der mittlerweile siebente dekoloniale Stadtrundgang statt, diesmal in Kooperation mit der Bauhaus Universität Weimar und zum zweiten Mal in englischer Sprache. Der Rundgang, dessen Schwerpunkt koloniale Bilder, Stereotype und Aneignungen sind, beginnt um 16 Uhr am Willy-Brandt-Platz und endet gegen 18.30 Uhr am Stadtgarten. Bereits am Freitag, 5. Juli, ist ein deutsch-togolesisches Theaterprojekt mit seinem Stück „Traces“ in Erfurt zu Gast. Beginn der Open Air Veranstaltung ist um 20 Uhr im „Frau Korte“, Magdeburger Alle 179. Einlass ab 19.30 Uhr.

Wer neugierig geworden ist, findet unter https://decolonizeerfurt.wordpress.com weitere Informationen zur Aufarbeitung des Kolonialismus in Erfurt. Wer mit den Organisator*innen direkt in Kontakt treten oder einen thematischen Stadtrundgang buchen will, kann dies über decolonize.erfurt@gmail.com tun.