„Wir wollen Stellung beziehen – zu Themen der Zeit, zu denen die Wissenschaft gehört werden sollte“

Ein Großteil der experimentellen Laborforschung an der Universität Erfurt verteilte sich bislang auf drei Labore – auf das Herrmann-Ebbinghaus-Labor, das ELab der Staatswissenschaftlichen Fakultät und das Labor der Nachwuchsforschergruppe Kleinkindforschung in Thüringen. Vor dem Hintergrund des fakultätsübergreifend gestiegenen Bedarfs an Laborkapazität, vor allem in den Bereichen Gesundheitskommunikation, Bildungsforschung und Linguistik, geht die Uni Erfurt nun einen konsequenten Schritt in Richtung Zukunft: Zum 1. Juli öffnet das Erfurt Laboratory for Empirical Research – kurz: ErfurtLab – seine Türen. Darin werden die bestehenden Labore in einem zentralen zusammengeführt, ausgebaut und institutionell verankert. „WortMelder“ sprach darüber mit Prof. Dr. Tilmann Betsch, dem Direktor des neuen ErfurtLab, und seiner Stellvertreterin Prof. Dr. Constanze Rossman…

Was ist das Besondere, das Innovative, am ErfurtLab?
Ein solches fakultätsübergreifendes Labor ist an bundesdeutschen Universitäten, was die räumliche Größe und fachliche Diversität betrifft, sicherlich eine Ausnahme. Interdisziplinarität, verantwortliche Teilhabe, Transparenz und Wissenstransfer werden die Arbeit am ErfurtLab kennzeichnen. Interdisziplinarität, vielbeschworen und doch oft nicht mehr als eine Absichtserklärung, wird von uns längst praktiziert. Schon in den vergangenen Jahren realisierten die beteiligten Kollegen in wechselnden Konstellationen gemeinsame Forschungsprojekte – über Fächergrenzen hinweg. Dies setzt natürlich einen sehr verantwortlichen und kooperativen Umgang mit den Ressourcen voraus. Aber auch der verantwortungsvolle Umgang mit Probanden, personenbezogenen Daten und die Einhaltung ethischer Standards sind für uns zentral. Und in ganz besonderem Maße verpflichten wir uns zu wissenschaftlicher Transparenz. Open Science ist hier Programm. Gemeinsam werden das Direktorium, die Laborverwaltung und die Mitglieder darauf hinarbeiten, die gesamte Forschung im Labor an den Prinzipien von Open Science auszurichten. Denn Wissenstransfer ist uns ein weiteres wichtiges Anliegen. Angesichts eines zunehmenden „science bashings“ halten wir es für geboten, dass wir uns aktiv in den gesellschaftlichen Diskurs einmischen – gerade auch in den neuen Medien. Hier wollen wir uns für evidenzbasiertes Entscheiden und Handeln stark machen.

Wer arbeitet künftig im ErfurtLab und welche Forschungsfragen werden hier bearbeitet?
Die Gründungsgruppe besteht aus zehn Kolleginnen und Kollegen, die drei Fakultäten angehören – der Philosophischen, der Staatswissenschaftlichen und der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät. Unsere Forschungsprojekte bedienen sich empirischer Verfahren – also z.B. Experimenten, Befragungen, Beobachtungstudien – in den Feldern

  • Kognitive Psychologie: Gedächtnis, Lernen, Sprache, Entstehung von Überzeugungen, Urteilen und Entscheiden;
  • Kommunikationsforschung zur Rezeption und Wirkung medial vermittelter Botschaften, vor allem im Brennpunktbereich Gesundheit und Gesellschaft;
  • Kommunikationsforschung zur Rezeption und Wirkung medial vermittelter Botschaften, vor allem im Brennpunktbereich Gesundheit und Gesellschaft;
  • Behavioral economics, adaptives Verhalten in sozialen Kontexten und Entwicklung von Entscheidungskompetenz;
  • erziehungswissenschaftliche Forschung im schulischen und außerschulischen Kontext.

Wie finanziert sich die Einrichtung und wie ist sie strukturell aufgebaut?
Die einzelnen Forschungsarbeiten werden hauptsächlich durch Drittmittel, z.B. von der Deutschen Forschungsgemeinschaft oder dem Bundesministerium für Bildung und Forschung, finanziert, das Labor hingegen aus zentralen Mitteln – beispielsweise für Personal, Geräte und natürlich den laufenden Betrieb. Dafür stehen uns nun die Räume, die zuvor dem ELab und dem Hermann-Ebbinghaus-Labor im Lehrgebäude 2 und der Kleinkindforschung im Lehrgebäude 1 zugeordnet waren, zur Verfügung. Das bedeutet: Wir können auf einer Fläche von rund 400 Quadratmetern in 15 Räumen Experimente durchgeführt. Darüber hinaus verfügt das Labor über schalldichte Kabinen, Technologien zur Blickregistrierung und zur Messung physiologischer Daten und über kinderecht ausgestattete Beobachtungsräume, z.T. mit Einwegspiegeln und Videoanlage. Mobile Untersuchungseinheiten erlauben zudem computergestützte Untersuchungen in Schulen und Kindertageseinrichtungen. Für die Durchführung von Rezeptionsstudien, Gruppendiskussionen und Telefoninterviews soll das Labor künftig noch weiter ausgebaut werden.

Welche Ziele hat sich das ErfurtLab für die nächsten fünf Jahre gesetzt?
Primäres Ziel ist die Unterstützung empirischer Grundlagenforschung und anwendungsorientierter Projekte zu den Bestimmungsgründen von Verhalten in ihrer kontextuellen Einbettung, wie z.B. in den Bereichen Bildung, Kommunikation, Wirtschaft, Gesundheit und Gesellschaft. Zur Unterstützung werden wir ein Konzept zum Forschungsdatenmanagement und zur Beförderung der Open Science Initiative an der Universität Erfurt auf den Weg bringen, insbesondere mit Blick auf die Präregistrierung von Forschungsvorhaben und die Veröffentlichung der im ErfurtLab erhobenen Daten. Wir beabsichtigen darüber hinaus, einen Drittmittelantrag zur Großgeräteausstattung (z.B. mobile Blickregistrierungstechnologie, Virtual Reality, weitere Apparaturen für peripher-physiologische Messung) bei der DFG zu stellen, um die technische Ausstattung des Labors zu modernisieren und auszubauen. Weit oben auf unserer Agenda steht zudem die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Wir werden auf die Nachwuchskollegs zugehen, die über unsere Mitglieder vertreten sind. In enger Koordination mit dem Vizepräsidenten für Forschung wollen wir Möglichkeiten ausloten, wie ein strukturiertes Doktorandenprogramm mit methodischen Weiterbildungsangeboten entwickelt werden kann. Eine Research School unter dem Dach des ErfurtLab hätte sicherlich eine Reihe von Vorteilen, sowohl was die Unterstützung bei empirischen Vorhaben als auch die postgraduale Weiterbildung betrifft. Und natürlich wollen wir nach außen laut werden. Ein attraktiver Web-Auftritt ist dafür sicherlich wichtig. Zudem wollen wir Twitter, Instagram und Co. nutzen, um die Sichtbarkeit der Forschungsergebnisse unserer Mitglieder zu erhöhen. Und wir wollen Stellung beziehen – zu Themen der Zeit, zu denen die Wissenschaft gehört werden sollte.

Welches werden die ersten Aufgaben für das Team sein und wo sehen Sie besondere Herausforderungen?
Der eigentliche Betrieb unter professioneller Verwaltung wird erst 2020 an den Start gehen können. Bis die Leitungs- und Verwaltungsstellen besetzt werden, heißt es für uns: Improvisieren. Das ist durchaus eine Herausforderung, weil der Nutzerkreis im ErfurtLab wächst, vor allem im Zuge von Neuberufungen. Aber mit der Hilfe aller Mitglieder werden wir das stemmen und alles Nötige tun, damit empirische Forschung an unserer Universität erfolgreich durchgeführt werden kann und nach innen wie außen noch sichtbarer wird.