Prof. Dr. Tilmann Betsch

Nachgefragt: „Warum ist der Glaube an Unsinn und an das Paranormale für viele Menschen so attraktiv, Herr Prof. Betsch?“

Eine offene und demokratische Gesellschaft braucht sachliche und verlässliche Informationen. Oft treffen Menschen jedoch auf der Basis fragwürdiger Behauptungen und Heilsversprechen wichtige Entscheidungen und setzen Vermögen, Beruf oder sogar ihre Gesundheit aufs Spiel. Klassische Verbraucherschutzorganisationen oder wissenschaftliche Einrichtungen sind meist nicht gerüstet, Fragen zu diesen Themenbereichen zu beantworten. Vor diesem Hintergrund hat es sich die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) zur Aufgabe gemacht, verlässliche, objektive und nachvollziehbare Informationen zu vermitteln, um vernünftige Entscheidungen zu ermöglichen. Vom 30. Mai bis 1. Juni 2019 lädt die GWUP zu ihrer Jahreskonferenz „SkepKon“ nach Augsburg ein. Das größte Event für Wissenschaft und kritisches Denken im deutschsprachigen Raum versammelt auch diesmal wieder Forscher, Kreative und Neugierige – darunter auch Tilmann Betsch, Professor für Sozial-, Organisations- und Wirtschaftspsychologe an der Universität Erfurt. Er erforscht unter anderem, welche Faktoren den Glauben an das Paranormale begünstigen. „WortMelder“ hat ihn gefragt: „Warum ist der Glaube an Unsinn und an das Paranormale für viele Menschen so attraktiv, Herr Prof. Betsch?“

„Der Glaube an das Paranormale gründet wie auch andere Glaubenshaltungen auf Geschichten. Der Mensch ist das einzige Säugetier, das ‚über etwas sprechen kann, das gar nicht existiert‘.* Fiktionale Geschichten bedienen fundamentale Bedürfnisse. Wir wollen die Welt verstehen. Wir möchten uns selbst verstehen und sinnhafte Antworten auf zentrale Fragen des Lebens bekommen. In Interviews mit Personen, die z.B. an Magie, Geister, Horoskope und esoterische Heilverfahren glauben, wurde deutlich, wie gut sich Paranormales eignet, um sinnstiftende Geschichten über das Selbst in der Welt zu erzählen. Diese Geschichten helfen, mit kritischen Lebensereignissen, wie Todesfällen, Burnout, Krankheit usw., umzugehen. Interessanterweise berichteten alle Teilnehmer unserer qualitativen Studie über solche Schlüsselerlebnisse, die sie dazu motivierten, sich verstärkt mit esoterischen und spirituellen Themen auseinanderzusetzen.

Kritische Lebensereignisse sind jedoch keine hinreichende Bedingung dafür, dass sich paranormale Überzeugungen verfestigen. In einer großangelegten quantitativen Studie mit rund 600 Teilnehmern fanden wir heraus, dass individuelle Unterschiede zwischen Menschen eine große Rolle spielen. Personen, die paranormale Überzeugungen hegen, betrachten die Welt eher in einer bedeutungsschaffenden Weise. Sie beschreiben sich in besonderem Maße als offen für neue Erfahrungen, als kreativ und emotional. Außerdem neigen sie zu sogenannten ontologischen Konfusionen, d.h., sie differenzieren kaum zwischen metaphorischen und wortwörtlichen Beschreibungen der Welt. Auf der anderen Seite mangelt es ihnen an der kognitiven Fähigkeit, dem relevanten Wissen und der Motivation, Annahmen in rigider, systematischer Form zu prüfen. Sie beschreiben sich selbst als eher spontan und weniger gewissenhaft.

Spannend sind in diesem Zusammenhang auch wieder die Ergebnisse aus den persönlichen Interviews: Die Befragten neigten zu einem Umgang mit ihren Glaubenshaltungen, den wir als ‚idiosynkratischen Empirismus‘ bezeichnen. Sie beschreiben sich selbst durchweg als kritische Menschen, die alles andere als leichtgläubig seien. Sie glaubten nur an das, was sie selbst erfahren haben. So erklärte beispielsweise eine der Befragten: ‚Ich lasse mich am liebsten von mir selbst und meinen Erfahrungen überzeugen.‘ Damit werden die eigenen Erfahrungen gegen Kritik von außen abgeschirmt. Für den idiosynkratischen Empiristen zählen Beobachtungen und Erfahrungen – aber nur, wenn sie selbst gemacht wurden. Systematische Erfahrungen anderer, z.B. die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung, werden bestenfalls dann relevant, wenn sie die eigene Haltung bestätigen.

Durch diesen Fokus auf das Selbst sind auch paranormale Geschichten immer wieder ein wohlfeiles Patchwork aus jenen Annahmen, die den Bedürfnissen der eigenen Person und ihren Lebenszielen entgegenkommen.“

*Yuval N. Harari (2013). Eine kurze Geschichte der Menschheit. München: Pantheon.