Dr. Thomas R. Blanton

„Welcome back, Thomas Blanton!“

Dr. Thomas R. Blanton ist in diesem Semester bereits zum zweiten Mal Fellow an das Research Centre „Dynamik ritueller Praktiken im Judentum in pluralistischen Kontexten von der Antike bis zur Gegenwart“ am Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt. Der Neutestamentler arbeitet zur Rezeption der Abraham-Figur in pluralistischen Kontexten und zu antiken Ritualen, die mit Fortpflanzungsorganen zu tun haben, sowie zu den antiken Darstellungen, auf denen diese zu sehen sind. „WortMelder“ hat mit ihm gesprochen…

Willkommen zurück, Dr. Blanton, was genau ist der Grund für Ihren erneuten Aufenthalt in Erfurt?
Bei meinem ersten Fellowship-Aufenthalt am Max-Weber-Kolleg habe ich die intensive Arbeits- und Diskussionsatmosphäre hier sehr genossen. Ich war in der Lage, an meinem eigenen wissenschaftlichen Projekt zu arbeiten und dieses gleichzeitig mit anderen Wissenschaftlern zu diskutieren. Internationalität und Interdisziplinarität zeichnen das Max-Weber-Kolleg aus. Ich habe nie einen Ort erlebt, an dem das intensiver betrieben wurde. Durch die Kontakte, die ich hier geknüpft habe, durch meine Teilnahme an Workshops und Konferenzen, habe ich mein akademisches Netzwerk ausweiten können und auch persönlich einige neue Freunde gewonnen. Deshalb bin ich sehr froh, nun noch einmal hierher kommen zu können.

Ihr aktuelles Forschungsprojekt, wie würden Sie es einem Kind erklären?
Seit vielen Jahrhunderten werden Geschichten über einen Mann namens Abraham erzählt und einige von ihnen sind in der Bibel niedergeschrieben. Jeder Geschichtenerzähler entwirft eine etwas andere Geschichte zu Abraham. Manchmal werden neue Details hinzugefügt, manchmal werden andere gestrichen oder an einer anderen Stelle neu verwendet. Alle diese Veränderungen machen die Abraham-Figur zu einer Art Chamäleon, dessen Farben sich verändern, je nachdem, wo es sich befindet.

Und noch einmal für Erwachsene …
In meinem Projekt untersuche ich die Abraham-Figur aus exegetischer, rezeptionsgeschichtlicher und klassischer Perspektive, beziehe aber auch die Ritualwissenschaft mit ein. Ich interessiere mich dafür, wie Abraham benutzt wird, um die Performanz oder Nichtperformanz von bestimmten Ritualen zu legitimieren, so zum Beispiel das Ritual der Beschneidung. Es ist interessant, dass das alttestamentliche Genesisbuch Abraham als den ersten Juden porträtiert, der sich beschneiden lässt. Nur etwas später, in den Paulinischen Briefen, wird Abraham allerdings als der Prototyp all derer beschrieben, die von Gott aufgrund ihres Glaubens angenommen sind und nicht, weil sie sich haben beschneiden lassen. Das zeigt, wie elastisch und dynamisch die Traditionen zu Abraham sind.

Warum, denken Sie, ist dieses Thema für die Wissenschaft und vielleicht sogar für die Gesellschaft interessant?
Gerade dieses Thema weist darauf hin, dass sich religiöse und kulturelle Traditionen oft widersprechen. Hochverehrte Personen können für gegensätzliche Dinge stehen und auf unterschiedliche Weise die Verbindung zur Vergangenheit schlagen. Gleichzeitig wird das Muster, das vom antiken Beispiel gegeben wird, nie genau wiederholt. Immer wieder gibt es Veränderungen, Innovationen, Uminterpretationen. Auf der einen Seite will man also die alten Traditionen fortführen, auf der anderen Seite wird aber immer wieder deutlich, wie die Impulse zur Veränderung in den religiösen Traditionen schon enthalten sind und eigentlich gegen den menschlichen Willen zur Erhaltung des Gegebenen agieren. Die Narrative, die ich untersuche, wollen beides: Auf der einen Seite repräsentieren sie alte Traditionen, auf der anderen Seite entwickeln sie neue Aspekte, die diese alten Traditionen verändern und ihrem modernen Kontext anpassen.

Planen Sie auch Veranstaltungen zu diesem Thema in Erfurt?
Claudia Bergmann, die Koordinatorin des Research Centre, und ich organisieren im Oktober in Erfurt einen Workshop zur Abraham-Figur als rituelles Modell. Bei einem ähnlichen Workshop im vergangenen Jahr haben wir schon einige Forscher für dieses Thema interessieren, aber bei Weitem nicht alle Fragen beantworten oder auch nur ansprechen können. Deshalb wird es nun einen zweiten Workshop geben, außerdem eine Publikation, die sich an ein weites akademisches Publikum richten soll.

Darüber hinaus werde ich mich mit einigen Kollegen aus der Schweiz treffen, die ich bei meinem letzten Aufenthalt in Erfurt kennengelernt habe: Sandra Jaeggi und Philippe Guillaume. Mit ihnen hat sich inzwischen eine enge Zusammenarbeit entwickelt. Wir planen, eine Online-Datenbank zu entwickeln, die antike Kunstwerke, die Fortpflanzungsorgane darstellen, katalogisiert, beschreibt und interpretiert. Dieses Projekt hat sich aus meinem Interesse an Abraham und der Frage der Beschneidung entwickelt. Leider ist es bisher so, dass alle Themen, bei denen es um Sexualität und Genitalien geht, auch in der Wissenschaft tabu waren. In der Antike war es offensichtlich ganz anders, dort waren nackte Figuren regelmäßig als Statuen, auf Vasen, in Mosaiken und Fresken usw. abgebildet. Die Datenbank soll relevante Kunstwerke und antike Funde sowohl für die Öffentlichkeit als auch für die Wissenschaft verfügbar machen.

Abgesehen von diesen beiden Projekten erhoffe ich mir, dass ich wieder von der fruchtbaren Umgebung am Max-Weber-Kolleg und von der kollegialen Zusammenarbeit dort profitieren kann. Wahrscheinlich weiß ich heute noch gar nicht wirklich, was sich da entwickeln wird!