Prof. Dr. Laura Lieber

Welcome to Erfurt, Laura Lieber!

Die Universität Erfurt begrüßt im Sommersemester Prof. Dr. Laura Lieber, die als Fellow am Research Centre „Dynamik ritueller Praktiken im Judentum in pluralistischen Kontexten von der Antike bis zur Gegenwart“ am Max-Weber-Kolleg forschen wird. Sie ist „Professor of Late Ancient Judaism“ am Department of Religious Studies der Duke University (USA) und zudem in den Fakultäten der Duke Divinity School, Classical Studies und Germanic Languages and Literatures tätig. „WortMelder“ hat im Vorfeld mit ihr über ihre Forschung gesprochen…

Frau Prof. Lieber, einmal ganz einfach gesagt: Wie würden Sie einem Kind ihr jetziges Forschungsprojekt erklären?
Ich erforsche poetische Texte (meist Gedichte), die Menschen vor vielen Jahrhunderten in Kirchen und Synagogen gelesen und gesungen haben. Meistens geht es dabei um Texte aus dem Gebiet des heutigen Israels. Ich möchte erkennen, wie diese Texte biblische Geschichten neu erzählen und warum sie für die Menschen, die zum Gottesdienst gekommen sind, interessant und auch unterhaltsam waren. Ich benutze meine Vorstellungskraft, um in der Zeit zu reisen.

Und wie würden Sie das einem Erwachsenen erklären?
Meine Erklärung würde nicht anders aussehen als die oben, aber ich würde hinzufügen, dass ich diese Gedichte auch ästhetisch schön finde. Sie geben mir einen Eindruck davon, wie es gewesen sein muss, ein „normaler“ Jude oder Christ oder Samaritaner in dieser Zeitperiode gewesen zu sein, nämlich dem dritten bis siebenten Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Diese Jahrhunderte werden in der Forschung kaum bedacht, obwohl doch damals so viel Wichtiges passierte. Wie sahen damals die Gottesdienste in den Kirchen oder Synagogen aus? Ich denke, Kantoren und Prediger waren ausgebildete Profis, die wussten, was man tun musste, um den Gottesdienst als intellektuelle Herausforderung aber auch als unterhaltsamen Veranstaltung zu gestalten. Ich finde es besonders interessant, dass es damals viel Gemeinsames zwischen diesen Gruppen gegeben hat, von denen wir denken, dass sie sich ständig bekämpften. Und es begeistert mich, wie viel Energie und Kreativität man damals in Synagogen und Kirchen erfahren haben muss.

Wie sind Sie auf diese Arbeit bzw. diese Forschung gekommen, wie haben Sie sich vorbereitet?

Als ich aufgewachsen bin und zur Synagoge ging, hat es mich immer gestört, dass die Gebetbücher in englischer Übersetzung oft mit einem kleinen Sternchen versehen waren. Dieses Sternchen bedeutete, dass die englische Übersetzung das hebräische Original vereinfacht hat oder angeglichen oder verändert. Damals konnte ich selbst kein Hebräisch lesen, wollte aber wissen, was im Originaltext so schwierig war, dass die Übersetzung uns davor schützen musste. Und so habe ich mich entschieden, zu lernen: Ich lernte die Sprache der Liturgie, Hebräisch und Armenisch, und wie sich die Liturgie über die Jahrtausende entwickelt hat. Als Kind war die Liturgie ein Mysterium für mich. Woher kamen diese Texte? Wieso wussten die Erwachsenen, wann man sich verbeugen musste oder stehen oder setzen? Wer hat die Entscheidungen über diese Dinge gefällt und wann wurde das entschieden? Ich hatte viele Fragen als Kind. Fragen, die ich heute noch stelle und die mich auch heute noch faszinieren.

In wenigen Bleistiftstrichen: Skizzieren Sie einmal das jüdische Ritual, dass sie am meisten fasziniert!
(Laura Lieber zeichnet eine Reihe von Fragezeichen auf und sagt …)
Meine Zeichnung zeigt, dass ich visuelle Dinge sehr schätze, sie aber leider nicht gut darstellen kann. Ich kann mir vorstellen, was ich zeichnen möchte: zum Beispiel, welchen Blickwinkel ein Mensch hatte, der in einer frühen Synagoge stand und nach von geschaut hat, als der Gottesdienst ablief. Aber als Forscher wissen wir nur wenig darüber. Was hat dieser Mensch wirklich gesehen? Wie sah die Synagoge wirklich aus? Und selbst wenn ich es wüsste, ich könnte es wahrscheinlich nicht zeichnerisch darstellen. Deshalb sind die Fragezeichen die ehrlichste Antwort, die ich geben kann.

Kurz und knackig: Ihr Forscher-Alltag in drei Worten?
Kaffee! Kaffee! Kaffee!

Ein Blick in die Zukunft: Welche Fragestellung könnte die Ritualforschung in zehn Jahren beschäftigen?
Am meisten interessiert mich persönlich im Moment, wie man die Liturgie in der Spätantike körperlich erlebte. Diese Forschungsrichtung zu Raum und Ort ergänzt die konventionelle literarische Analyse, in der ich ausgebildet wurde, mit archäologischen Studien und einem Blick auf das „Material“, mit dem Rituale zu tun haben. Mir geht es um Performanz und Sozialgeschichte, um die kulturellen Kontexte, in denen Liturgien entstanden und übermittelt wurden. Ich beschäftige mich mit Akustik, der Blickrichtung und anderen Aspekten der Performanz im Gottesdienst. Vielleicht hilft uns die Technologie, Räume digital zu rekonstruieren, sodass wir uns besser in die Performanz-Aspekte hineindenken können. Ich weiß nicht, ob das tatsächlich die Zukunft in der Ritualforschung sein wird, aber ich werde mich genau in diese Richtung bewegen.

Ich vermute auch, dass es die Schnittstelle von Forscherinnen und Forschern der Religionswissenschaft, der (Kunst-)Geschichte und der Theaterwissenschaften sein wird, wo interessante neue Theorien erprobt werden. Zu oft arbeiten wir noch in unseren eigenen Elfenbeintürmen, mit unserem eigenen Spezialwissen. Interdisziplinärer Arbeit aber wird uns dabei helfen, das tiefe Wissen von Individuen zu kombinieren und die großen Fragen anzugehen, die viele von uns stellen.

Vom Angelurlaub bis zur Zahnseide: Was ist Ihr persönliches „heiligstes“ Ritual?
Das Bett zu machen. Alles kann ordentlich sein, aber wenn das Bett nicht gemacht ist, sieht das Zimmer unordentlich aus. Ich muss Ordnung schaffen, bevor ich arbeiten kann. Und ganz allgemein gesagt: Ich bin jemand der viele Rituale hat.

Welche jüdischen Gelehrten oder Künstler haben sie im Leben geprägt und warum?
Sicherlich meine Mutter, die Mathematikerin ist, und mein Vater, der als theoretischer Physiker arbeitete. Beide sind Naturwissenschaftler, die die Geisteswissenschaften schätzten, und die mir einen tiefen intellektuellen Hintergrund im Judentum vermittelt haben. Sie haben das geschafft, obwohl wir in einer sehr kleinen jüdischen Gemeinschaft lebten. Es hat mich immer interessiert, wie verschiedene Gemeinschaften Fragen von Identität und ritueller Praxis beantwortet haben. Und das reflektiert sicher meine Kindheit, die ich in einem ländlich-traditionellen christlichen Kontext verbrachte, allerdings als Kind von Juden, die aus der Großstadt, aus New York, stammten. Ich war weder das eine noch das andere. Meine persönliche Wertschätzung für Rituale kommt sicherlich von meiner Mutter, während mein Vater Rituale und Traditionen immer etwas kritisch gesehen hat. Ich hatte Glück, dass ich in einem Haus aufgewachsen bin, in dem es viele Bücher und viele Fragen gab, Wissenschaft und Belletristik, Sprachen und Diskussionen. Ich hatte nie das Gefühl, dass man eine Frage nicht stellen darf.

Ein abschließendes Wort: ohne Rituale wäre die Welt…
Gäbe es keine Rituale, würde die Welt welche erfinden!

Übrigens: Laura Lieber wird am 17. Mai um 9 Uhr im Rahmen eines Workshops in der Kleinen Synagoge einen Vortrag zu “Sabbath in the Garden of Eden: Two Samaritan Hymns for Sukkot“ halten. Am 3. Juni spricht sie am Max-Weber-Kolleg in einem Gastvortrag über „The Performance of Liturgical Poetry in Late Antiquity“.