Prof. Dr. Solveig Richter

„Die zarten Pflänzchen des Friedens sind bedroht.“

Das vom DAAD und vom Auswärtigen Amt finanzierte Deutsch-Kolumbianische Friedensinstitut CAPAZ wurde 2016 gegründet und hat sich zum Ziel gesetzt, mit Bildungsangeboten und Forschungsprojekten den kolumbianischen Friedensprozess zu begleiten. Als Vernetzungsplattform für Wissenschaftler und Universitäten der beiden Länder soll es dabei Austausch- und Kooperationsmöglichkeiten zwischen verschiedenen Akteuren der Friedensbemühungen eröffnen. Nun wurde auch die Universität Erfurt als assoziiertes Mitglied in CAPAZ aufgenommen. Vertreten wird sie dabei durch die Willy Brandt School of Public Policy. Koordiniert wird die Mitgliedschaft von Solveig Richter, Juniorprofessorin für International Conflict Management an der Brandt School der Uni Erfurt, und dem Lateinamerika-Experten Prof. Dr. Achim Kemmerling. Ein Interview mit Frau Prof. Richter über den fragilen Frieden in Kolumbien und die Arbeit in CAPAZ:

Frau Prof. Richter, welche Vorteile bringt die Mitgliedschaft im CAPAZ für die Universität Erfurt bzw. für die Brandt School?
Wichtige Schwerpunkte hier an der Brandt School bilden sowohl die Konfliktforschung als auch die Entwicklung des globalen Südens. Und ich selbst forsche bereits seit einem Jahr intensiv zum Friedensprozess in Kolumbien. CAPAZ bietet uns nun genau das passende Netzwerk von Kooperationspartnern auf diesem Forschungsgebiet. Das eröffnet uns einerseits neue Möglichkeiten, gemeinsame Forschungsprojekte zu realisieren, und andererseits verleiht es der Forschung, die wir bereits betreiben, eine bessere Sichtbarkeit in Kolumbien, aber auch in Deutschland. Zudem macht es uns zu einem attraktiven Standort für kolumbianische Studierende, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Ich denke da beispielweise an die Ko-Betreuung von Masterarbeiten, an Doktoranden- und Fachworkshops und an Veranstaltungen wie deutsch-kolumbianische Summer Schools.

Was viele gar nicht wissen ist, dass Deutschland und Kolumbien eine recht enge Verbindung haben, was sich ja auch in Forschung und Lehre der Brandt School sowie nun in der CAPAZ- Mitgliedschaft widerspiegelt…
Tatsächlich ist Kolumbien ein wichtiger Partner für die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik, die Bundesregierung ist zweitgrößter Geldgeber Kolumbiens hinsichtlich der Entwicklungshilfe und der Unterstützung des Friedensprozesses. Auch für die kolumbianische Bevölkerung ist Deutschland ein attraktives Pflaster und die Brandt School ist für viele ein sehr spannender Studien- und Lehrort. Wir haben seit Jahren immer wieder Studierende aus Kolumbien, gerade auch im Bereich der Konfliktforschung. Unsere Absolventen arbeiten heute in völlig verschiedenen Sektoren in Kolumbien, sind Wissenschaftler, arbeiten beim Militär, der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) oder bei der Agentur für Reintegration. Und mit den Studierenden, die aktuell bei uns sind, stehe ich natürlich im ständigen Austausch. Insgesamt gibt es auf beiden Seiten große Synergieeffekte.

Der Grund dafür, dass es überhaupt ein deutsch-kolumbianisches Friedensinstitut geben muss, ist ja der seit 50 Jahren anhaltende Konflikt in Kolumbien. Können Sie uns noch einmal genau in Erinnerung bringen, worum es dabei eigentlich geht?
Der Konflikt in Kolumbien ist ein sehr langer, tief verwurzelter Konflikt, der soziale, politische und ökonomische Dimensionen aufweist. Man muss wissen, dass es viele Ungleichheiten in Kolumbien gibt und dass das Land mit seinen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen, von den Afro-Kolumbianern bis hin zur indigenen und ruralen Bevölkerung sehr divers ist. Viele Regionen sind extrem arm. Bei der politischen Dimension, die auch zur Gründung der linken Guerilla-Gruppen in den 1960er-Jahren geführt hat, geht es deshalb um eine gerechtere Landverteilung und um politische Mitbestimmung. Die Guerilla-Gruppen verfolgen dabei eine sehr marxistische Ideologie. Durch die Ausprägung von paramilitärischen, rechten Gruppen auf der anderen Seite hat sich das im Laufe der Jahre sehr stark zu einem Gewaltkonflikt ausgedehnt. Hinzu kommt der ökonomische Konflikt – kriminell motivierte Gewalt im Zusammenhang mit der gesamten Drogenökonomie. Durch das Friedensabkommen mit einer der größten Rebellengruppen FARC, die der ehemalige Präsident und Friedensnobelpreisträger Juan Manuel Santos angestoßen hat, hat man seit 2016 den politischen Konflikt ein Stück weit eingehegt. Nun geht es darum, die verschiedenen Punkte aus dem Friedensabkommen umzusetzen. Dazu gehören Landverteilung, Drogensubstitutionsprogramme, Vergangenheitsbewältigung etc. Es ist ein sehr breites Spektrum an kleineren Teilprozessen…

…die vergangene Woche einen herben Rückschlag erfahren mussten.
Ja, das schwere Attentat in Bogotá am Donnerstag, das der Guerilla-Gruppe ELN zugesprochen wird, hat vor Augen geführt, dass der Friedensprozess immer nur ein Teilfriedensprozess war. Es gibt noch keinen Friedensschluss mit der ELN, der letzten verbleibenden, kleineren Guerilla-Gruppe. Diese hatte zwar nie diese große militärische Schlagkraft wie die FARC, aber die Friedensverhandlungen mit ihr waren seit der Regierungsübernahme des neuen Präsidenten Ivan Duque auf Eis gelegt. Nun ist zu befürchten, dass der militärische Konflikt als Folge des Anschlages noch einmal völlig neu entfacht.

Sie erwähnten, dass Sie bereits seit einiger Zeit zu diesem Friedensprozess forschen. Wie bewerten Sie persönlich dieses Attentat im Kontext Ihrer Untersuchungen?
Ich denke, es kommt jetzt vor allem darauf an, wie die Regierung von Präsident Duque reagieren wird. Die Gemengelage ist fragil, die Anspannung im Land hoch. Ich sehe dabei vor allem drei Aspekte, die zu beachten sind:

Einmal war es das schlimmste Attentat in Kolumbien seit über 15 Jahren – und dann auch noch in der Hauptstadt. Das war für viele Menschen, die sich dort sicher gefühlt und an den Friedensprozess geglaubt haben, eine sehr erschütternde Erfahrung. Es hat zwar immer wieder Attacken der ELN gegeben, aber lange nicht mehr in diesem Ausmaß. Viele Menschen befürchten, dass die Zeit von Attentaten und Gewalt wieder zurückkommt. Das ist für den Friedensprozess in jeder Hinsicht ein Rückschritt. Auch weil in den letzten Monaten sehr viele soziale Führer starben und sterben, sogenannte „líderes sociales“, die sich gerade auf lokaler Ebene für die Menschenrechte einsetzen, für die Umsetzung des Friedensprozesses, für alternative Entwicklungen, für die Drogensubstitution, für die Rechte der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen. Es findet auf lokaler Ebene eine massive Bedrohung dieser zivilgesellschaftlichen Akteure statt.

Zweitens könnte der Konflikt mit der ELN dazu führen, dass die Regierung Duque ihre Sicherungsagenda wieder verstärkt auf die militärische Bekämpfung der Rebellengruppe richtet und weniger auf den Schutz der Bevölkerung in allen Regionen. Es ist also zu befürchten, dass ein erneutes Aufflammen der militärischen Auseinandersetzung mit den Guerilla-Gruppen Kapazitäten von der Umsetzung des Friedensprozesses abziehen wird. Solch eine sogenannte „Versicherheitlichung“ würde zusätzlich enorm die zarten Pflänzchen des Friedens bedrohen, die Kosten dafür würde wieder die Land- und Zivilbevölkerung tragen.

Und drittens ist auch die internationale Dimension nicht zu unterschätzen. Die ELN ist eine linksgerichtete Guerilla-Gruppe und hat natürlich Unterstützung in Venezuela. Eine militärische Auseinandersetzung mit der ELN könnte auch sehr schnell eine zwischenstaatliche Dimension annehmen.

Wie verändert solch ein Ereignis die Projekte des CAPAZ und die Forschung?
CAPAZ ist gerade in Kolumbien sehr aktiv und hat sich als zentraler Akteur mit den unterschiedlichsten Veranstaltungen zum Friedensprozess etabliert. Durch die vielen Projektpartner im Land fungiert es wie ein verlängerter Arm der Wissenschaft zur kolumbianischen Zivilbevölkerung. Ich bin mir sicher, dass es jetzt wieder Kontakte zu den Menschen, kritische Diskussionen und eine aktive Begleitung geben wird. Wenn so etwas Schlimmes passiert, dann geht das direkt in den Diskurs der Projekte ein, die beispielsweise den Friedensprozess mit der ELN behandeln. Ich selbst leite etwa eine Untersuchung zur Reintegration der FARC-Rebellen, und da berichten meine lokalen Partner bereits davon, dass es hier große Ängste gibt, der Reintegrationsprozess könnte zum Stillstand kommen.

Was ist Ihre Prognose für den Friedensprozess?
Jeder Tote in einem Konflikt ist einer zu viel. Das Attentat hat deutlich gemacht, wie fragil der ganze Friedensprozess noch ist. Die Konfliktforschung hat – leider – gezeigt, dass es gerade in den ersten Jahren nach einem Friedensschluss wieder zu einem Aufflammen von Bürgerkriegen kommt. Aber ich bleibe hoffnungsvoll, denn sehr viele Menschen aus der Regierung, aus der Zivilgesellschaft, aus der Wissenschaft wollen den Friedensprozess weiter aktiv fortführen. In diesem Zusammenhang möchte ich mich auch noch einmal an alle wenden, die Interesse an dem Thema haben oder auch selbst Ideen für Projekte oder Veranstaltungen einbringen möchten. Wir als Brandt School verstehen uns hier in Erfurt und Umgebung als Plattform, die die Forschung zu Kolumbien und zum Friedensprozess fördern möchte. Das ist kein geschlossener Kreis. Alle Akteure, die sich aus wissenschaftlicher Sicht am Friedensprozess in Kolumbien beteiligen möchten, können sich bei mir melden.

Weitere Informationen/Kontakt:
Jun.-Prof. Dr. Solveig Richter
Tel.: +49 361/737-4660
E-Mail: solveig.richter@uni-erfurt.de
www.brandtschool.de/home

Mehr lesen zum Thema:
www.page.instituto-capaz.org
https://aktuell.uni-erfurt.de/2018/07/06/nachgefragt-richter-duque