„Der Begriff des ‚Westens‘ hat sich verwässert“

Es wird viel geredet – vom „Westen“. Aber was ist dieser „Westen“ eigentlich genau, wofür steht er? An der Universität Erfurt beschäftigen sich Wissenschaftler im Rahmen der interdisziplinären Forschungsgruppe „Was ist westlich am Westen?“ mit solchen Fragen. Und auch die Summer School „Muslims in the West“, die der Islamwissenschaftler Prof. Dr. Jamal Malik jährlich in Erfurt veranstaltet und bei der Studierende verschiedener Nationalitäten und Studienrichtungen in den Dialog mit dem Islam treten, bringt sich in diesen Diskurs ein. Ein Gespräch mit Professor Malik über Erfahrungen und Erkenntnisse…

Prof. Malik, was meint das Wort „West“ im Titel Ihrer Summer School „Muslims in the West“? Geht es dabei um Politik, Kultur oder um Geografie?
„West“ ist hier natürlich genauso essentialistisch gefasst, wie „the muslims“. Uns geht es zunächst darum, diese Essentialismen aufzudröseln, zu dekonstruieren und zu rekonstruieren. Was ist überhaupt ein Muslim? An unserer Summer School nehmen sehr verschieden geprägte Muslime teil – aus Mehrheitsregionen aber auch aus Minderheitsregionen. Und die stellen sich untereinander automatisch die Frage: „Wer bist du? Was ist deine Auffassung vom Islam, usw.“ Ähnlich verhält es sich mit dem Westen. Wo hört der Westen auf, wo fängt er an? Sind Bosnien und Südosteuropa in diesem Kontext wichtig? Es gibt schließlich eine ganz große muslimische Konzentration in Südosteuropa. Das wird meist nicht gesehen, wenn man über den Westen redet. „Muslime im Westen“ ist ja sozusagen ein Topos. Man assoziiert damit in erster Linie Migranten, Arbeitsmigranten und sieht dabei oft nicht, dass es heute im Westen auch eine 15 bis 20 Millionen starke muslimische Minderheit gibt, eine Minderheit, die inzwischen alteingesessen ist, die schon mehrere hundert Jahre hier lebt, weshalb man auch von einem bosnischen oder albanischen Islam redet. Also es ist ganz klar: Der Begriff des „Westens“ ist wässrig und wird auch weiter verwässert. Einerseits hat er einen kulturellen Aspekt, aber natürlich auch einen geografischen und vor allem einen politischen. Es steckt vieles in diesem Begriff. Um ihm auf die Spur zu kommen, muss man sich die Verquickungen von „Westen“ und „Nicht-Westen“ auch genauer anschauen. Wir wissen, dass es da extrem starke Verbindungen gibt.

Hat sich Ihr persönlicher Umgang und der der Teilnehmer mit dem Begriff „Westen“ im Lauf der zahlreichen Summer Schools verändert?
Für mich hat sich der Begriff weiter verwässert. Einmal durch die politische aber auch die demografische Situation. Wir haben im Projekt stets mehr „Nicht-Westler“, die andere Traditionen mitbringen und dann diesen Westen sozusagen aufwühlen. Und deshalb hat sich in der Tat auch meine Perspektive auf den Westen geändert, den ich doch am Anfang, sozusagen etwas blauäugig, als sich hermetisch abgrenzend gesehen habe – was er auch immer noch gern tut. Mittlerweile ist eine steigende religiöse Pluralität in Europa zu sehen. Einige wollen dieser positiv begegnen, andere schotten sich ab, wie z.B. die AfD. In beiden Fällen verwässert der Begriff des Westens.

Spielen die Ereignisse um 9/11 noch eine Rolle in der Summer School?
9/11 war unter anderem der Anlass für das Entstehen der Summer School und spielt natürlich noch immer eine große Rolle. Denn die vielen Securitization-Maßnahmen gegenüber Muslimen werden inzwischen bis in die Universitäten hineingetragen, indem man mit viel Geld verschiedene Institutionen aufbaut. Die Zentren für islamische Theologien mögen Teile dieser Maßnahmen widerspiegeln.

Der Antisemitismus in der ersten Hälfe des 20. Jahrhunderts hat die Juden oft dazu gezwungen, sich überhaupt als Juden wahrzunehmen, weil sie eben als solche verfolgt wurden. Gibt es nach 9/11 eine ähnliche Tendenz bei Muslimen?
Es gibt natürlich dieses „Othering“, diese „Veränderungsprozesse“. Diese Exotisierungen nehmen viele Muslime auch an und exotisieren sich selbst – mit Schleier und Bart. Der Islam ist zum Feindbild geworden. Dies hat es in der Form vor 10 oder 20 Jahren noch nicht gegeben. So viele Schleier gibt es noch nicht einmal in den muslimischen Mehrheitsregionen. Das Zur-eigenen- Biografie-Machen dieser Fremdbilder ist eine Reaktion darauf.

Die Rolle von Männern und Frauen in der westlichen Gesellschaft hat sich in den vergangenen 30 Jahren stark gewandelt. Haben Sie den Eindruck, dass dies für muslimische Frauen, die in westlichen Gesellschaften leben, eine andere Herausforderung darstellt als für muslimische Männer?
Es sind andere Herausforderungen. Es gibt typische Rollenvorstellungen, die nur schwer aufzuweichen sind. Wenn die Rollen wirkungsmächtig sind und für Zusammenhalt und die eigene Identität wichtig sind, ist die Herausforderung größer. Frauen haben es weit schwerer, sich der Rollenerwartung zu entledigen. Das Aufweichen der Grenzen kann durch Kontakt stattfinden, weshalb es ein großes Anliegen ist, dass auch Erfurter Studierende an der Summer School teilnehmen. Aber ich habe eine sehr interessante Erfahrung gemacht und zwar im Rahmen eines Projektes, das parallel zu dieser Summer School lief und mit typischen, ursprünglich Theologie-Studierenden – männlich wie weiblich – stattfand. Der Unterschied war folgender: In der Sommerschule haben wir es mehr oder weniger mit jungen Muslimen zu tun, die aus säkularen Institutionen, also Universitäten, kommen und die vielleicht Islamic Studies oder ähnliches studiert haben. Sie beherrschen das Englische, sind weltgewandt, waren schon im Ausland usw. Also eine Klientel, mit der relativ leicht umzugehen ist. An dem anderen Projekt nahmen Menschen aus Theologie-Schulen teil, die bisweilen nichts anderes als die Wände ihrer Medresen gesehen hatten. Sie konnten nur wenig Englisch, waren eine stark hierarchische Ordnung gewohnt, waren kaum aufmüpfig, kritische Fragen wurden so gut wie gar nicht gestellt – im Gegensatz zu den Summer-School-Teilnehmern. Während die einen unverschleiert auftraten, waren die anderen tief verschleiert. Die einen waren glattrasiert, die anderen trugen lange Bärte. Und dies schürt Angstbilder, es spielt dabei keine Rolle, ob Mann oder Frau.

Die Schnittstellen mit dem Westen sind ja sehr individuell. Wie hat sich Ihre eigene Vorstellung davon entwickelt und welche Erkenntnisse bezüglich des „Westens“ haben Sie gewonnen?
Durch Entwicklungsgelder, aber auch durch nationalen Kulturexport, wie z. B. durch den DAAD oder Sommerschulen wie „Muslims in the West“, können nachhaltige Bilder erzeugt und Werte exportiert werden. Diese Bilder haben sich im Laufe der Zeit, die ich die Summer School organisiere, auch verbreitet und sind in die Herkunftsländer getragen worden. Denn die Teilnehmer erzählen in ihren Heimatländern von ihren Erlebnissen. Auf gewisse Weise hat das den gewünschten Multiplikatoren- Effekt. Dem steht bisweilen das eigene Selbstwertgefühl gegenüber, nach dem Motto, „Wir haben zwar Allah, aber irgendwie sind wir auf der Strecke geblieben und wir müssen jetzt zurück zu den Wurzeln – wir haben irgendwo Fehler gemacht und uns verlaufen … der richtige Islam wird im Westen gelebt. “ Die Frage nach Authentizität ist wichtig. Deshalb sind die zahlreichen „revivalist-movements“ auch so populär, die da sagen: „Ihr habt euch verlaufen! Zurück zu den Wurzeln!“ Der Westen hat eine gewisse Vorbildfunktion, nicht aber dessen moralische Verwerfungen.

Es gibt grundsätzlich die Möglichkeit, dem Diskurs über den Westen von innen heraus zuzuhören oder davon auszugehen, dass der Westen prinzipiell immer vom Rand her definiert wird. Stellte sich für Sie durch die Arbeit in der Summer School heraus, dass eine Betrachtung des Westens vom Rand aus deutlicher geworden ist?
Also es gibt, und das wissen wir ja spätestens seit Edward Said, immer wieder die berechtigte Frage, in wie weit der Westen sozusagen von dem Anderen lebt oder sich selbstvergewissert. In der Literatur und auch hier in der Gruppe von Studierenden ist diese Problematik aufgegriffen worden – nämlich in der Frage „Was macht ihr eigentlich ohne uns?“ , ähnlich dem deutschen Entwicklungsdienst, der nun eingesehen hat, dass es ohne den anderen nicht funktioniert. Man benötigt traditionale Akteure – „religions as partners“, also. Ob hier Homi Bhabha mitschwingt? Das Andere, sagen wir mal das Periphere, ist immer wichtig für das Eigene. Die Herausforderung ist, wie man mit dieser Einsicht umgeht.

Lesen Sie hier das gesamte Interview im Wortlaut.