Judith Frishman

Welcome, willkommen: Judith Frishman ist neue Fellow am Max-Weber-Kolleg der Uni Erfurt

Judith Frishman ist Professorin für Jüdische Studien an der Universität Leiden. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit religiöser Aufklärung und der Emanzipation der europäischen Juden. Gerade ist sie als Fellow im Research Centre „Dynamik ritueller Praktiken im Judentum in pluralistischen Kontexten von der Antike bis zur Gegenwart“ am Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt zu Gast. Ihren hiesigen Forschungsaufenthalt möchte die Wissenschaftlerin nutzen, um eine Publikation über den deutschstämmigen Rabbiner und Freimaurer Samuel Hirsch fertigzustellen. Eine Kurzvorstellung…

Frau Professor Frishman, wie würden Sie einem Kind Ihr jetziges Forschungsprojekt erklären?
Ich untersuche, wie eine Minderheitengruppe für Gleichheit gekämpft hat und für das Recht, in die Gesellschaft einbezogen zu werden, auch wenn sie sich von der Mehrheit unterscheiden. Jüdische Rituale spielten in diesem Kampf eine wichtige Rolle.

Welche Stationen führten Sie zu Ihrer Forschung über Religion?
Ich bin in New York City aufgewachsen, wo Juden eine Minderheit waren und sind, aber eine große und lautstarke Minderheit, die nicht unter Diskriminierung litt. Ich habe nie die Notwendigkeit verspürt, mich oder meine Religion verteidigen zu müssen. Als ich Religionswissenschaft im Hauptfach studierte, haben mich dann andere Religionen so sehr fasziniert, dass ich sogar im Bereich Syrisches Christentum promovierte.

Was fasziniert Sie am meisten an jüdischen Ritualen?
Ich persönlich finde es wirklich wichtig, große Ereignisse mit Ritualen zu verbinden und mich fasziniert, wie Juden und Nicht-Juden gleichermaßen feiern, gedenken und neue Rituale entwickeln. Wahrscheinlich ist es der Wandel von Ritualen, der mich am meisten interessiert.

Kurz und knackig: Ihr Forscheralltag in drei Worten?
Großartig (wenn ich frei von allen administrativen Pflichten bin!) – faszinierend – frustrierend (Ich kann mich in den Kampf der Juden um Emanzipation hineinversetzen, ich fühle und leide mit meinen “Helden”.)

Mal in die Zukunft gesponnen: Welche Fragestellungen könnten die Ritualforschung in zehn Jahren beschäftigen?
Mit Blick auf die weltweiten gesellschaftlichen Entwicklungen heute befürchte ich, dass die Rituale von Minderheiten zukünftig ein Streitpunkt bleiben werden. Die Erforschung der Verbindung zwischen Ritualen und Inklusion/Exklusion sollte auf unserer Agenda weit oben stehen und die Ergebnisse nicht nur der akademischen Gemeinschaft vorbehalten sein.

Vom Angelurlaub bis zur Zahnseide: Was ist Ihr persönlich „heiligstes“ Ritual?
Das Anlegen meines Gebetstuches während des Gottesdienstes in der Synagoge.

VIP: Welcher jüdische Wissenschaftler oder Gelehrte hat Sie im Leben geprägt und warum?
In erster Linie war das mein Vater, der sich als Rabbi stark im jüdisch-christlichen Dialog engagiert hat und der immer gegen Rassismus gekämpft hat. Als Studentin an der Columbia University war es dann Professor Arthur Hertzberg (1921–2006), der seinen Kursteilnehmern beigebracht hat, kritisch zu sein, seine eigenen Ideen nicht in die Schriften anderer hineinzulesen und Ereignisse stets in ihrem historischen Kontext zu verorten. Und schließlich Elaine Pagels (und die wissenschaftlichen Mitarbeiter am Barnard College der Columbia University), die für mich das Vorbild einer erfolgreichen Frau ist.

Ein abschließendes Wort: Ohne Rituale wäre die Welt…
…ihrer ausdrucksstärksten und greifbarsten Art und Weise beraubt, den Lauf des Lebens zu begleiten und abzustecken.