Prof. Dr. Josef Römelt

Längst überfällig oder ein Angriff auf die Freiheit des Individuums?

In Deutschland hoffen mehr als 10.000 schwer kranke Menschen auf die Transplantation eines Organs. Für sie ist die Transplantation die einzige Möglichkeit, um zu überleben oder ihre Lebensqualität erheblich zu verbessern. Dies ist jedoch nur möglich, wenn Menschen bereit sind, ihre Organe nach dem Tod zu spenden. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn tritt aktuell dafür ein, die Gewinnung von Organspenden neu zu organisieren und macht sich u.a. für eine sogenannte Widerspruchslösung stark. Er fordert eine Regelung, nach der Menschen automatisch Organspender sind, wenn sie sich nicht explizit dagegen ausgesprochen haben. Ein längst überfälliger Schritt oder ein Angriff auf die Freiheit des Individuums? „WortMelder“ hat bei Josef Römelt, Professor für Moraltheologie und Ethik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt, nachgefragt…

„Ich bin sehr zurückhaltend im Blick auf die Widerspruchsregelung. Sie unterläuft die freie Entscheidung der Menschen und rechnet einfach mit ihrer fehlenden Kraft zur Auseinandersetzung. Ethisch gesehen liegt darin die große Schwäche dieser Regelung. Die Auseinandersetzung mit dem Tod, das Nachdenken über die Gesten der Liebe im Sterben und darüber hinaus (das Testament als Sorge für die Hinterbliebenen, die Bereitschaft zur Organspende, die medizinische Körperspende als Beitrag zur Förderung von Heilkunst und Wissenschaft usw.) sind ein wichtiger Teil wirklich reifer Auseinandersetzung mit dem Ende des Lebens. Und diese Auseinandersetzung ist immer ein wichtiger Bestandteil der Kulturen gewesen. Ja, wenn man es genau nimmt, sind die Grabanlagen, die man aus sehr frühen Zeiten der Menschheit nachweisen kann, erste Spuren von kulturellem Leben, Dokumentation bewusster menschlicher Reflexion und Gestaltungskraft. Dass in den modernen Gesellschaften der Tod verdrängt wird, ist Ausdruck einer Schwäche. Und die Widerspruchsregelung rechnet mit dieser Verdrängungshaltung. Dass wir die Organspende nicht als modernste Form der Nächstenliebe begreifen, ist ein Skandal. Denn es lässt Menschen mit schwersten gesundheitlichen Belastungen ohne Hilfe. Die Widerspruchsregelung bei der Organspende scheint hier eine größere Effizienz zu versprechen. Aber ich frage mich, ob sie nicht ‚in the long run‘ das Misstrauen gegenüber dieser bewundernswerten Möglichkeit unsere Medizin verstärken wird. Dass die Spendebereitschaft nach den Skandalen in der Transplantationsmedizin so stark zurückgegangen ist, bezeugt dieses hintergründig fehlende Vertrauen. Wir dürfen es nicht noch verstärken, sondern müssen mit allen Mitteln für die Freiheit von Liebe zu und Solidarität mit denen werben, die ein Organ brauchen.“