Simon Paulus

Willkommen: PD Dr.-ing. habil. Simon Paulus ist neuer Fellow am Max-Weber-Kolleg

In Rudolstadt existierte vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zum Ende des 19. Jahrhunderts eine kleine jüdische Gemeinde. In ihrem kurzen, knapp 100-jährigen Bestehen konnte sie auf eine Infrastruktur zurückgreifen, die den Gemeindemitgliedern eine praktische Ausübung ihrer Religion ermöglichte: Es gab einen Betraum, eine Mikwe, einen jüdischen Friedhof. Der Auflösung der Gemeinde fielen schließlich nach und nach die meisten dieser baulichen Ritualorte zum Opfer. Was sich jedoch erhalten hat, ist eine Judaica-Sammlung, die heute auf der Heidecksburg bewahrt wird. Sie gibt Einblicke in die verschwundene infrastrukturelle Ausstattung der jüdischen Gemeinde von Rudolstadt – und ist damit der ideale Forschungsgegenstand für den Simon Paulus. Der Architektur- und Bauhistoriker von der Universität Stuttgart möchte die Judaica in ihrem rituellen Zusammenhang verorten und in ihren ursprünglichen räumlichen Kontext setzen. Als Erfurter „Judaist in Residence“ und Fellow am Research Centre „Dynamik ritueller Praktiken im Judentum in pluralistischen Kontexten von der Antike bis zur Gegenwart“ des Max-Weber-Kollegs der Universität Erfurt ist er für einen Forschungsaufenthalt gerade zu Gast in Erfurt. Dabei forscht er hier nicht nur zu seinem Projekt, sondern kuratiert auch eine Ausstellung in der Alten Synagoge Erfurt. Eine Kurzvorstellung…

Herr Dr. Simon, einmal ganz einfach gesagt: Wie würden Sie einem Kind Ihr jetziges Forschungsprojekt erklären?
Am besten vor Ort in Rudolstadt – mit einem Stadtrundgang und einem Museumsbesuch. Dort gib es im Museum des Schlosses Heidecksburg eine Sammlung von jüdischen Ritualgegenständen, die einmal vor langer Zeit in den Gottesdiensten der Gemeinde Verwendung fanden. Ich möchte wissen, wo in der Stadt damals diese Gottesdienste genau stattfanden, wie die Häuser und Räume aussahen und unter welchen Umständen und Voraussetzungen sie eingerichtet wurden. In den Häusern kann man möglicherweise noch Spuren davon finden und im Archiv alte Baupläne und Schriftstücke ausgraben. Die Räume und Gebäude und deren Lage in der Stadt kann man dann wiederum vergleichen mit ähnlichen Bauten aus der gleichen Zeit an anderen Orten, über die wir manchmal etwas mehr wissen.

In wenigen Bleistiftstrichen: Skizzieren Sie doch einmal das jüdische Ritual, dass Sie am meisten fasziniert!

Simon Paulus

 

Kurz und knackig: Ihr Forscheralltag in drei Worten?
betrachten, nachdenken, aufschreiben

Mal in die Zukunft gesponnen: Welche Fragestellungen könnten die Ritualforschung in zehn Jahren beschäftigen?
In zehn Jahren wird man vermutlich bereits aussagekräftige Ergebnisse zu Neuentwicklungen, Umbrüchen und Auswirkungen von Ritualen in der digitalen Gesellschaft erhalten können. Thema in der Ritualforschung könnten dann Fragen nach „Enträumlichung“ des Rituals durch die technischen Entwicklungen und der Entstehung virtueller ritueller Dynamiken, beispielsweise in den Sozialen Medien, sein.

Vom Angelurlaub bis zur Zahnseide: Was ist Ihr persönlich „heiligstes“ Ritual?
Stellvertretend für eine ganze Reihe: Die gemeinsame Umarmung mit Mitmusikern kurz vor einem Konzertauftritt.

VIP: Welche jüdischen Gelehrten oder Künstler haben Sie im Leben geprägt und warum?
Allen voran natürlich Woody Allen – vor allem mit seinen Short Stories ;-). Als Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten sei „The Metterling Lists“ (1969) empfohlen. Als wegweisend für meine Arbeit aber ist der Kunsthistoriker Richard Krautheimer zu nennen, mit dessen Werk ich mich im Rahmen meiner Dissertation zum mittelalterlichen Synagogenbau ausgiebig auseinandergesetzt habe, und nicht zuletzt darf meine „Doktormutter“ Aliza Cohen-Mushlin nicht unerwähnt bleiben, die mich überhaupt erst mit dem Themenkomplex und der Frage nach einer „jüdischen Architektur“ zusammengebracht hat.

Ein abschließendes Wort: Ohne Rituale wäre die Welt…
…nicht besser.

 

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