Arbeitswelten der Zukunft, Soziale Ungleichheit

Arbeitswelten der Zukunft #13: Prof. Dr. Marcel Helbig – Im Fahrstuhl nach unten. Ein pessimistischer Blick auf die Arbeitswelten der Zukunft

Das neue Wissenschaftsjahr des Bundesministeriums für Bildung und Forschung widmet sich 2018 dem Thema „Arbeitswelten der Zukunft“. Es soll „erkunden, welche Chancen sich eröffnen und vor welchen Herausforderungen wir stehen“. Forschung, Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur suchen gemeinsam nach Antworten auf Fragen zu den Arbeitsplätzen von übermorgen. Auch die Universität Erfurt beteiligt sich mit einer Beitragsreihe wieder am Themenjahr des BMBF und geht dabei aus geisteswissenschaftlicher Sicht der Frage auf den Grund, wie sich zukünftige Arbeitswelten gestalten werden. Welche Ängste bringen Digitalisierung und Robotik mit sich? Wie haben sich Berufe gewandelt, beispielsweise der Lehrerberuf, die Arbeit in Bibliotheken und Archiven oder die Tätigkeit des Forschers selbst? Was ist Arbeit überhaupt, etwa lediglich die Erwerbstätigkeit oder nicht doch alles, was uns im Leben prägt, von familiären und freundschaftlichen Beziehungen bis hin zur Muße? Welche Rolle spielen zukünftig Internationalisierung, Ehrenamt, ständige Leistungssteigerung und Work-Life-Balance? Und wie müssen sich Unternehmen verändern, um zukunftsfähig zu bleiben? Diese und weitere Fragen sollen in der Textreihe „Arbeitswelten der Zukunft – Beiträge der Universität Erfurt zum Wissenschaftsjahr 2018“ diskutiert werden.

Marcel Helbig ist Professor für Bildung und Soziale Ungleichheit an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Erfurt. Im letzten Teil unserer Beitragsreihe wirft er hinsichtlich der wachsenden Ungleichheiten – insbesondere in den Städten – einen pessimistischen Blick auf die Arbeitswelten der Zukunft…

Wie Prof. Dr. Kemmerling in seinem Beitrag angemerkt hat, ist davon auszugehen, dass es in Zukunft zu einem deutlichen Rückgang des Arbeitsvolumens kommen könnte. Im Zuge von Automatisierung, Digitalisierung, Industrie 4.0 wird es wohl dazu kommen, dass viele Jobs, die wir heute noch kennen, vernichtet werden. Wie massiv der Rückgang alter Jobs sein wird, ist schwer abzuschätzen. Ebenso schwer ist abzuschätzen, wie viele neue Jobs durch die angesprochenen Prozesse entstehen werden. Ich persönlich kann z.B. nicht nachvollziehen, wie manche „Zukunftsforscher“ zu der Prognose kommen, dass wir in einigen Jahrzehnten keine Lehrer mehr brauchen, weil es die digitale Welt schon irgendwie hinbekommt, unsere Kinder zu bilden. Utopie und Angstmacherei? Wahrscheinlich! Naheliegend ist jedoch, dass Berufe wie Übersetzer aussterben, je besser Übersetzungsprogramme werden. In Gefahr werden Stellen im Einzelhandel kommen – Stichwort Onlinehandel und digitales Bezahlen. Im Bereich der Stadtreinigung könnten selbstfahrende Roboter die Arbeit übernehmen. Auf der anderen Seite gibt es aber auch stark wachsende Bereiche, etwa im Bereich der Logistik. Insgesamt wird es aber wohl eher zu einer deutlichen Abnahme von Arbeit und bezahlten Arbeitsstellen kommen. Ebenso spricht vieles dafür, dass es bei denjenigen, die noch einer Erwerbsarbeit nachgehen, eher zu einer Verschärfung von Ungleichheiten kommt, denn zu einer Verringerung.

Was heißt das etwa für das Zusammenleben in unseren Städten? Hierfür müssen wir gar nicht in die Zukunft schauen. Wir haben mindestens schon zweimal erlebt, wie der Wegfall ganzer Wirtschaftszweige dazu führte, dass viele Erwerbsfähige nicht mehr gebraucht wurden. Das erste Mal in den Industriestädten Westdeutschlands, als im Laufe der 1980-Jahre die alten Industrien von Kohle, Stahl oder Schiffbau verschwanden und viele Arbeiter in den Schächten, Hütten und Werften keine Arbeit mehr fanden. Die Wohnungen der Arbeiter verteilten sich jedoch nicht räumlich homogen über die westdeutschen Städte. Sogenannte Arbeiterviertel traf der Wegfall der genannten Industrien am stärksten und die Arbeitslosenquoten stiegen in einigen Wohnvierteln sukzessive an. Vor allem zugewanderte, oftmals schlecht qualifizierte Gastarbeiter, traf der Wegfall der alten Arbeitsplätze am stärksten. Es sind vor allem sie, aber auch eher schlecht qualifizierte Arbeiter ohne Migrationshintergrund, die in den ehemaligen Arbeitervierteln verblieben. Besser Qualifizierte fanden eher den Weg zurück in Arbeit und verließen für die neuen Arbeitsstellen die Arbeiterviertel. Es begann für viele der ehemaligen Arbeiterviertel eine Reise mit dem „Fahrstuhl nach unten“ (Häußermann und Siebel 2004: 160) zu einem Armutsviertel. In der Folge sanken oftmals die Mieten in diesen Vierteln und es kam und kommt zu einem selektiven Zuzug von sozial benachteiligten Personen in diese Viertel. Durch den Wegfall der kommunalen Einnahmen der alten Industrien verloren gerade jene Städte, die davon am meisten betroffen waren, ihre Handlungsfähigkeit, diesen Prozessen etwas entgegen zu setzen. Und so ist es auch kein Zufall, dass sich gerade zu dem Zeitpunkt, als die Ungleichheiten in den Städten anstiegen (durch den Wegfall von Arbeitsplätzen), die öffentliche Hand aus wohnungsbaupolitischen Gegenmaßnahmen herauszog. Es begann die Erosion des sozialen Wohnungsbaus und dabei vor allem dessen Rückzug aus den „besseren“ Wohnlagen. Das Ideal einer sozial gemischten Stadt wurde vielleicht nicht begraben, sicherlich aber die Werkzeuge, um dieses Ideal umzusetzen.

Diese Prozesse begannen vor 40 Jahren und wirken noch heute fort. Sie haben dazu geführt, dass es z.B. in Kiel, Bremen, Lübeck, Dortmund, Essen, Oberhausen oder Saarbrücken nicht wenige Viertel gibt, in denen die Hälfte aller Kinder arm ist bzw. von staatlichen Transferleistungen (nach SGB II) lebt (Helbig und Jähnen 2018: 53). Auf der anderen Seite gibt es gerade in diesen Städten ebenso Viertel, in denen fast kein Kind in Armut aufwächst.*

Das zweite Mal, dass es in Deutschland zum Wegbrechen ganzer Wirtschaftszweige kam, betraf Ostdeutschland nach der Wende. Es vollzog sich eine ähnliche Entwicklung wie in den alten Industriestädten im Westen, allerdings mit einer viel stärkeren Dynamik. Das Beispiel Halle: Halle-Neustadt, einst für 90.000 Einwohner gebaut, um den Arbeitskräftebedarf der Chemiewerke Leuna und Buna zu stillen (zeitweise bis zu 50.000 Arbeiter), verlor mit der „Rationalisierung“ der Werke (heute nur noch rund 10.000 Arbeiter) die Hälfte der Bevölkerung. Dabei stieg zunächst die Arbeitslosigkeit an und viele Personen gingen weg, um Arbeit zu finden. Jene die blieben, fanden häufig keine Arbeit mehr. Die Mieten sanken und vor allem sozioökonomisch Schwache strömten zu. Halle-Neustadt, als zweitgrößtes Plattenbaugebiet der ehemaligen DDR, ist in seiner Dimension ein besonders extremes Beispiel. Wir finden jedoch ähnliche Prozesse in vielen ostdeutschen Städten. Direkt nach der Wende begann vermehrt eine Abwanderung nach Westdeutschland, um Arbeit zu finden. Dies betraf noch alle Stadtteile der ostdeutschen Städte in ähnlicher Weise. Die Suburbanisierung, das heißt der staatlich stark geförderte Eigenheimbau in den Vororten der Städte, führte jedoch ab 1995 zu einer vermehrten Abwanderung sozial besser gestellter Personen (zumeist mit Kindern) aus den Plattenbaugebieten. Mit der flächendeckenden Sanierung der Altbausubstanz in den ostdeutschen (Innen-)Städten verstärkte sich der sozial selektive Wegzug aus den Plattenbaugebieten noch. Wie in den Arbeitervierteln Westdeutschlands begann sich der Fahrstuhl in den Plattenbaugebieten nach unten zu bewegen. Die ostdeutschen Städte, die nachvollziehbarer Weise mehr damit zu tun hatten, leergezogene Plattenbaublöcke zurückzubauen bzw. abzureißen als für eine ausgewogene soziale Mischung zu sorgen, hatten dieser Entwicklung wenig entgegenzusetzen. Die Dynamik, in der sich die soziale Entmischung in den ostdeutschen Städten vollzog, ist deutlich prononcierter als einst in den westdeutschen Städten (Helbig und Jähnen 2018). Genau wie in den eben erwähnten westdeutschen Städten existieren heute vor allem in den ostdeutschen Plattenbaugebieten Viertel, in denen mehr als die Hälfte aller Kinder arm bzw. von Transferleistungen abhängig ist.

Obwohl es in den vergangenen Jahren wieder zu einem Anstieg der Bevölkerung in allen größeren Städten Ostdeutschlands kam und obwohl wir seit einigen Jahren in einem wirtschaftlichen Aufschwung leben, die Anzahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten von einem Rekord zum nächsten eilt und die Arbeitslosenquote von Jahr zu Jahr sinkt, so ist die soziale Ungleichverteilung der Armen vor allem in Ostdeutschland in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen.

Was passiert, wenn sich die wirtschaftliche Lage eintrübt, mehr Personen arbeitslos werden und diese mit ihren Familien im Hartz-IV-System über die Kosten der Unterkunft in die Armenviertel kanalisiert werden? Was passiert, wenn es – wie eingangs skizziert – zum Wegfall ganzer Wirtschaftszweige kommt? Die Antwort steckt auch in der Vergangenheit. Viele Städte in Deutschland (vor allem in Nord und Ost) haben erfahren, was es bedeutet, wenn Wirtschaftszweige wegbrechen, die Arbeitslosigkeit ansteigt und sich ganze Viertel im Fahrstuhl nach unten befinden. Wenn die Zukunftsprognosen zur Entwicklung des Arbeitsvolumens zutreffen und vor allem schlechter qualifizierte Personen jene sein werden, die von Arbeitslosigkeit betroffen sind, dann wird sich zeigen, ob wir aus der Vergangenheit gelernt haben, den Fahrstuhl zu steuern.

* Dies unterscheidet diese Städte auch von Gelsenkirchen, Bremerhaven oder Offenbach, in denen fast das gesamte Stadtgebiet von Armut gekennzeichnet ist und – um in dem Bild zu bleiben – sich flächendeckend im Fahrstuhl nach unten befanden.

Literatur
Häußermann, Hartmut & Walter Siebel (2004): Stadtsoziologie. Eine Einführung. Frankfurt a. M./New York: Campus.
Marcel Helbig und Stefanie Jähnen (2018) Wie brüchig ist die soziale Architektur unserer Städte? Trends und Analysen der Segregation in 74 deutschen Städten. WZB Discussion Paper P2018-001. Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Berlin.

Weitere in der Reihe erschienene Beiträge: