Michael Karger

Sterbehilfe und kirchliches Begräbnis?

Im Frühjahr 2018 erregte der 104-jährige australische Botaniker David Goodall Aufsehen in Europa, als er seinen Wunsch zu sterben und seine Reise in die Schweiz, um dort sein Recht auf einen assistierten Suizid wahrzunehmen, in die mediale Öffentlichkeit brachte. Der Wissenschaftler steht exemplarisch für eine immer älter werdende Gesellschaft, in der der medizinische Fortschritt der vergangenen 60 Jahre nicht nur eine längere Gesundheit, schnellere Genesung und bessere Krankheitsprävention mit sich bringt. Auch eine verlängerte Lebensdauer, mitunter begleitet von Schmerzen, körperlichem oder mentalem Abbau, und ein hinausgezögerter Tod sind Teil dieser Entwicklung. Immer häufiger werden alte Menschen wie Goodall oder schwer kranke Menschen im wahrsten Sinne des Wortes lebensmüde. Sie erfahren Angst vor einem krankheitsbedingten Dahin-Siechen, vor Kontrollverlust oder auch der „sozialen Abschiebung“ in Pflegeeinrichtungen wie Krankenhäusern oder Altersheimen. Die Forderung nach Selbstbestimmung am Lebensende wird deshalb lauter. Während die „Aktive Sterbehilfe“ (engl. euthanasia), also das Töten auf Verlangen, in Europa aktuell nur in Belgien, Luxemburg und den Niederlanden legal ist, ist die ein oder andere Abstufung der Sterbehilfe – der „(Ärztlich) Assistierte Suizid“ (Beihilfe zur Selbsttötung), die „Indirekte Sterbehilfe“ (nichtintendierte Lebensverkürzung durch palliative Maßnahmen) und die „Passive Sterbehilfe“ (das bewusste Sterbenlassen) – auch in vielen anderen europäischen Ländern erlaubt. In Deutschland zum Beispiel sind alle drei zuletzt genannten Sterbehilfearten unter bestimmten Bedingungen legal. Ganz unterschiedliche gesellschaftliche Bereiche müssen sich deshalb immer stärker mit dem Thema auseinandersetzen – auch die Katholische Kirche. Ist die Entscheidung für eine Form der Sterbehilfe in jedem Fall ein „Sündenfall“, der mit der Verwehrung eines kirchlichen Begräbnisses einhergeht? Diese kirchenrechtliche Frage müssen sich Seelsorger und Bischöfe heute stellen. Und diese Frage stellte sich auch der Theologe und Kirchenrechtler Michael Karger in seiner Doktorarbeit, die er an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt ablegte.

Dabei stellte sich Michael Karger als Student die Disziplin des kirchlichen Rechts erst einmal ganz trocken und langweilig vor. Der Besuch einer kirchenrechtlichen Vorlesung bei seiner späteren Doktormutter Myriam Wijlens, Professorin für Kirchenrecht an der Universität Erfurt, die ihm die damit verbundenen praxisbezogenen Frage- und Problemstellungen vor Augen führte, änderte seine Meinung jedoch ganz schnell. Plötzlich ging es nicht einfach darum, Gesetzestexte zu wälzen und theoretische Konstrukte zu bearbeiten, sondern anhand der zugrundeliegenden Theologie gesellschaftsrelevante Themen aufzuarbeiten. Und Sterbehilfe war und ist so ein Thema. „Mir war es einerseits wichtig, mich in meiner Forschung mit einem Aspekt zu beschäftigen, der zu der sehr praxisbezogenen Kirchenrechtsauffassung von Prof. Wijlens passt. Andererseits fand ich die Thematik einfach spannend. Es interessiert mich, wie die Menschen ihr Recht auf Seelsorge, ihr Recht auf den Empfang der Sakramente und auf das kirchliche Begräbnis einfordern können“, erläutert der Wissenschaftler. Um seinem Forschungsgegenstand auf den Grund zu gehen, musste sich Karger ihm aus ganz unterschiedlichen Perspektiven nähern: Er schaute sich die Rechtslage in verschiedenen Ländern an, sprach mit Moraltheologen und Juristen, mit Ärzten, Seelsorgern und Hospizmitarbeitern. Dabei ließ er sich fachlich beraten, bekam aber auch Eindrücke von der Arbeit der Menschen, die regelmäßig mit der Thematik konfrontiert werden. Erfahrungsberichte und pastorale Handreichungen über die Sterbehilfe gaben dem Wissenschaftler zusätzliche Einblicke in die Sachlage. Um all diese Perspektiven und Informationen dann in seine Arbeit einfließen zu lassen, galt es jedoch zunächst erst einmal, die kirchlichen Rechtsnormen vor dem theologischen Hintergrund zu untersuchen. Wer hat überhaupt ein Recht auf diese Sakramentalie und worin gründet dieses Recht? Was ist theologisch betrachtet ein kirchliches Begräbnis und welche Wirkung entfaltet es? „Es bedeutet, dass die Kirchengemeinde sich mit dem Verstorbenen solidarisieren und ihn Gott anempfehlen möchte“, sagt der Forscher. „Es stellt sich jedoch die Frage: Kann sich die Kirche mit jemandem solidarisieren, für ihn das kirchliche Begräbnis und die entsprechende Liturgie feiern, ihn Gott anempfehlen, für ihn Fürbitte halten und ihn in der Mitte der Gläubigen und Verstorbenen aufnehmen, wenn er um Euthanasie gebeten hat?“ Bei der Beantwortung der Frage ließ sich Karger auch von der kirchlichen Position gegenüber Suizidanten inspirieren, die sich gerade durch die Rezeption humanwissenschaftlicher Forschungsergebnisse über die Entscheidungsfreiheit bei Suizid in den 1950/60er-Jahren grundlegend änderte. Einige Aspekte der Entscheidungssituation können nämlich, so Karger, auch auf die Entscheidungsprozesse von schwerkranken Menschen für eine Form der Sterbehilfe angewendet werden, da sie als Option wahrgenommen werden, das eigene Leben zu beenden. Auf diese Weise wird der Wunsch nach einem würdigen und „guten Tod“ (=eu thanathos), über den schon in der griechisch-römischen Antike diskutiert wurde und der gerade zu Zeiten von Kriegen, in denen verwundete Soldaten um Erlösung flehten, virulent wurde, für die Katholische Kirche nicht nur zu einer medizinethischen, sondern auch zu einer pastoralen Herausforderung. „Zu der erforderlichen Klärung des Sachverhalts durch den Seelsorger kommt erschwerend hinzu, dass sich die Kirche der begrifflichen Einteilung in verschiedene Sterbehilfe-Arten und der teilweise staatlich-legitimierten Rechtsprechung nicht angeschlossen hat. Für sie stand immer fest, dass die bewusste Herbeiführung des Todes, also der gewollte Tod, sei es durch eine Handlung oder durch Unterlassung, die ihrer Natur nach zum Tode führt, moralisch unerlaubt ist, d.h. eine schwere Sünde darstellt. Nach dieser Auffassung wäre also auch ein kirchliches Begräbnis nicht möglich.“ Aber es gibt eine Differenzierung hinsichtlich der ethischen Verpflichtung zur Anwendung von therapeutischen Mitteln: So sprach Papst Pius XII. (1876–1958) erstmals von ordentlichen und außerordentlichen Mitteln. Als ordentliche therapeutische Mittel bezeichnete er die lebenserhaltenden Maßnahmen, bei denen der „Kosten-Nutzen-Faktor“ in einem positiven Verhältnis steht. Der Abbruch oder eine Unterlassung dieser sei unethisch. Dagegen sind die Belastungen bei den außerordentlichen Mitteln viel höher als ihr Erfolg, und somit können diese abgebrochen werden, ohne in den Konflikt mit dem Glauben zu treten. „Hinzu kommt das Kriterium des freien Willens, das gegeben sein muss, um eine Sünde überhaupt begehen zu können“, fügt Michael Karger hinzu. „Entscheidet ein schwer kranker Mensch, der sich wünscht zu sterben, also wirklich mit freiem Willen?“ Dieser Aspekt ist für Karger zentral in seinen Überlegungen, lässt er doch für einen Seelsorger und den Gläubigen einen Spielraum, trotz Inanspruchnahme von Sterbehilfe, ein kirchliches Begräbnis zu gewähren bzw. zu empfangen.

Deshalb kommt Michael Karger nach Betrachten aller Kriterien seines Forschungsthemas für sich schließlich zu einem Schluss: Er plädiert dafür, in Handreichungen und Orientierungshilfen zum Umgang mit Sterbehilfe von Katholiken die Bedeutung der Einzelfallbetrachtung zu stärken. Aufgrund der Komplexität des konkreten Sachverhalts könne keine generelle Antwort auf die Frage nach einem kirchlichen Begräbnis gegeben werden. Stattdessen könnte in entsprechenden Richtlinien den Seelsorgern Kriterien vorgegeben werden, wie sie zu einer fundierten Entscheidung kommen, die alle Aspekte der einzelnen Situation würdigt. „Bisher lässt zwar das deutsche Gesetz keine Aktive Sterbehilfe zu. Aber der Spielraum für die anderen Sterbehilfe-Arten ist gegeben, außerdem ist die Katholische Kirche ohnehin ein Global Player. Während sich die Moraltheologen und Dogmatiker mit der Theorie beschäftigen, werden die Seelsorger auch hierzulande immer häufiger mit den direkten praktischen Fragen im Kontext von Sterbehilfe konfrontiert. Sie sollen dann nicht aus Angst davor, sich rechtfertigen zu müssen oder bei aufkommenden Zweifeln über das rechtmäßige Handeln, sofort das kirchliche Begräbnis verwehren. Sie müssen zunächst den Einzelfall prüfen. Deshalb ist es mir wichtig, sie zu sensibilisieren und ihnen zu helfen, im Rahmen von Liturgie, Theologie und Moral, sowie Kirchenrecht und Pastoral verantwortungsbewusst mit der Problematik umzugehen.“ Karger selbst gibt zwar keine solchen Richtlinien, wohl aber Kriterien für die Entscheidung der Seelsorger vor. Und für ihn steht fest: Sollte die Fragestellung doch einmal zum Thema der kirchlichen Autorität werden, ist er bereit, mit seinem Wissen und seinen Forschungsergebnissen an der Erarbeitung von Orientierungshilfen mitzuwirken.

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