„Nach einigen Startschwierigkeiten sind wir sehr gut vorangekommen“

Mit ihrem Projekt QUALITEACH bewirbt sich die Universität Erfurt auch in der 2. Förderphase um Mittel aus der von Bund und Ländern geförderten Qualitätsoffensive Lehrerbildung. Die Einreichung des Förderantrags war nun Anlass, eine Bilanz der ersten Förderphase zu ziehen, in der auch das Teilprojekt „Methodentraining für effektives Unterrichten“ an der finanziell unterstützt wird. Wir sprachen mit Prof. Dr. Manfred Lüders, Prof. Dr. Gerd Mannhaupt und Prof. Dr. Verena Weidner über erste Ergebnisse der Kooperation zwischen Allgemeiner Didaktik und Fachdidaktiken, aber auch die Hürden, die es zu überwinden galt…

Wie ist das QUALITEACH-Teilprojekt „Methodentraining für effektives Unterrichten“ angelaufen?
Prof. Lüders: Nach einigen Startschwierigkeiten sind wir sehr gut vorangekommen. Anfänglich machte sich der unterschiedliche Sprachgebrauch in der Fachdidaktik Deutsch, der Fachdidaktik Musik und der Allgemeinen Didaktik bemerkbar. Wir konnten jedoch einen gemeinsamen Nenner finden und seither ist es gelungen, im Kernbereich des Projekts erhebliche Fortschritte zu erzielen. Das betrifft die Entwicklung von Trainingsbausteinen für die Gesprächsführung in einem problemlösenden Deutsch- bzw. Musikunterricht. Wir nennen das auch „indirekte Instruktion“ oder „diskursiver Unterricht“. Aus fachdidaktischer Perspektive war es zunächst wichtig, Unterrichtsanforderungen zu identifizieren, die sich für eine diskursive Bearbeitung in der Kommunikation mit Schülern eignen. Nachdem das gelungen war, konnten wir dazu übergehen einzelne Gesprächstechniken zu erproben und Trainingsbausteine zur Vermittlung dieser Techniken zu entwickeln. Um einige Beispiele zu nennen: Es gibt Techniken wie das „Sammeln von Schülerantworten“, die „Moderation“, das „Sondieren“, den „Widerspruch“ oder das „induktive“ bzw. „deduktive“ Vorgehen. All diese Techniken dienen der kognitiven Aktivierung in einem diskursiven Prozess des gemeinsamen Problembearbeitens bzw. Problemlösens.

Prof. Mannhaupt: Das Teilprojekt hat sich eines Problems angenommen, dass sowohl in der allgemeinen Didaktik als auch den Fachdidaktiken stark vernachlässigt wurde: Wie lässt sich ein anspruchsvolles Unterrichtsgespräch in einem problemorientierten Unterricht sprachlich und kommunikativ gestalten? Und wie kann diese sprachliche Gestaltung von Studierenden angeeignet werden? Wie müssen dafür hochschuldidaktisch passende Settings aussehen? Die Herausforderung bestand darin, dass sich Vertreter dreier Disziplinen darüber verständigen mussten, was denn eigentlich „problemorientierter“ oder „problemhaltiger“ Unterricht ist. Und zwar im Literaturunterricht der Grundschule und Musikunterricht der Grund- und Regelschule. Nach dieser aufwendigen Klärung konnten wir prototypische Unterrichtssituationen entwickeln und auf Video aufnehmen, an denen das angemessene oder eben nicht so angemessene kommunikative Vorgehen entdeckt, beschrieben und analysiert wurde. Video-Ausschnitte vom Unterricht und die dazugehörigen Transkripte wurden erstellt und stellten die Grundlage für Trainingsbausteine dar. Die hochschuldidaktisch praktische Umsetzung erfolgte dann in Prototypen für Kurztrainings in fachdidaktischen MEd-Lehrveranstaltungen und anschließend in einem Training, das ein ganzes Seminar umfasst. Wir sind aktuell damit beschäftigt, die Möglichkeiten der empirischen Begleitung zu entwickeln, um die Trainings formal und summativ evaluieren und auf dieser Grundlage optimieren zu können. Damit sind wir auf einem sehr guten Weg, für zwei Fachdidaktiken kommunikative Trainings inklusive aller Materialien und einer umfassenden Dokumentation bereitzustellen, die auch von anderen Lehrenden eingesetzt werden können.

Und was leisten diese Ergebnisse für die Erfurter Lehrerbildung an sich?
Prof. Lüders:
Der Vorteil für die Erfurter Lehrerbildung zeigt sich an mehreren Punkten: An erster Stelle steht das Studium selbst. Infolge der Kooperation der Fachdidaktik mit der Allgemeinen Didaktik machen die Studierenden plötzlich die Erfahrung eines kumulativen Wissens- und Fähigkeitserwerbs. Was wir in den Allgemeinen Didaktik, z. B. in der Lehrveranstaltung „Unterricht planen und gestalten“ behandeln, erweist sich auf einmal als bedeutsam für das fachdidaktische Studium und umgekehrt. Das war vorher natürlich auch schon so, kam aufgrund fachsprachlicher Differenzen und einer zu geringen wechselseitigen Abstimmung der Lehrveranstaltungen aber nicht wirklich zum Tragen. Sehr wichtig ist außerdem, dass die Studierenden durch die Teilnahme an den Trainingsveranstaltungen in die Lage versetzt werden, das erworbene Wissen anwendungsbezogen zu vertiefen. In den Trainingseinheiten werden Gelegenheiten für „situiertes Lernen“ gegeben. Dies geschieht einerseits, indem relevante Unterrichtssituationen in Rollenspielen simuliert werden, andererseits durch die Vorbereitung und auch Durchführung eigener Unterrichtsversuche in Praktika. Auf diese Weise wird der Transfer des erworbenen Wissens auf die spezifischen Anforderungen des Schulunterrichts gut vorbereitet.

Prof. Mannhaupt: Die entwickelten Trainings füllen eine Lücke in der Lehrerbildung nicht nur in Erfurt, sondern auch bundesweit. Während bereits Trainings für „direkte Instruktion“ vorliegen und auch im Studium eingesetzt werden, fehlen Ausbildungselemente für das Führen von anspruchsvollem Unterricht. Darüber hinaus fehlen sie für verschiedene Unterrichtsfächer. Die fachdidaktische Untersetzung und Integration ist hier ein sehr großer Vorteil. Insbesondere in der Zusammenarbeit mit den Studierenden ist uns aufgefallen, dass wir mit den analytischen Bestandteilen des Trainings Studierenden quasi Auseinandersetzung mit Unterricht auf einem mikroskopischen Niveau bereitstellen können. Kommunikative Sequenzen werden auf der wörtlichen Ebene „auseinandergenommen“ und wieder zusammengesetzt. So entdecken Studierende plötzlich, dass tatsächlich jedes einzelne Wort, jede einzelne Redewendung im Unterricht von hoher Bedeutung sein können. Und viel wichtiger ist: Auf dieser kommunikativ mikroskopischen Ebene können sie ihr Unterrichtsverhalten verbessern. Kommilitonen melden ihnen in Rollenspielen zurück oder sie erkennen es in den Videos der eigenen Sequenzen, dass die Verbesserungen auf der minimal sprachlichen Ebene zu anderen und meist angemesseneren Verläufen im Unterrichtsgespräch führen. Dieses mikroskopische Arbeiten an Unterricht ergänzt die allgemeindidaktischen Angebote z.B. über Klassenführung und die fachdidaktischen Angebote zur Planung von Unterricht, Auswahl von Lernmethoden und -settings um eine für die Studierenden sehr fruchtbare Ebene.

Prof. Weidner: Die im Methodentraining erstellten Unterrichtsvideos lassen sich zusammen mit Transkriptionen ausgewählter Unterrichtsgespräche in eine Reihe musikdidaktischer Lehrveranstaltungen integrieren. Besonders im Master of Education haben die Studierenden auf diese Weise die Möglichkeit, auch über explizite Trainingskontexte hinaus Bezüge zwischen schulpraktischen Erfahrungen und ihrer musikdidaktischen Reflexion herzustellen.

Was hat Sie im Prozess des Forschens am meisten überrascht?
Prof. Lüders: Als Vertreter der Allgemeinen Didaktik hat mich vor allem überrascht und auch beeindruckt, wie wichtig für die Entwicklung unserer Trainingsprogramme das fachdidaktische Wissen über Aufgabenschwierigkeiten, typische Schülerantworten sowie typische Schülerfehler ist. Ohne dieses Wissen wäre es nicht möglich, den Problemgehalt zu ermessen, der sich mit einem bestimmten Unterrichtsthema, einer bestimmten Fragestellung einer bestimmten Text- oder Musikauswahl für die Schüler einer Altersgruppe verbindet. Überrascht hat mich aber auch, wie vielseitig die in der Fachdidaktik Deutsch entwickelten Materialien für den Literaturunterricht in der Grundschule sind und wie sehr wir bei der Entwicklung von Trainingseinheiten davon profitieren, dass die Entwicklung dieser Materialien seit Jahren mit großem Erfolg betrieben wird.

Prof. Mannhaupt: Überrascht hat mich, obwohl ich es wissen sollte, dass mit sprachlichen Ausdrücken und Wörtern für mehrere Personen und eben auch Fachdisziplinen vollkommen unterschiedliche Bedeutungen verbunden sind. Dies stellte die erste große Herausforderung des Miteinanders im Teilprojekt dar. Und ebenso überrascht, aber auch mit Freude und Befriedigung hat mich erfüllt, dass der dann notwendige Prozess der gemeinsamen kollaborativen Klärung von Begriffen und Konzepten gestützt auf die Empirie aus der Unterrichtspraxis nicht nur erfolgreich bewältigt werden kann, sondern auch Wissen schafft. Im tatsächlichen Kern des Begriffes unserer Profession. In den Diskussionen zur Beschreibung und Analyse der Unterrichtssequenzen, des Vergleichens und Klärens gewinnen wir wissenschaftlich neue Einsichten. Und darüber hinaus entwickeln wir als Gemeinschaft von Hochschullehrenden hochschuldidaktisch gewinnbringende Zugänge für die Trainings.

Prof. Weidner: Auch ich war überrascht, wie groß die Spanne zwischen fachdidaktischen Konzepten und ihrer unterrichtlichen Umsetzung ausfällt. In der Musikdidaktik herrscht zwar über alle Phasen der Lehrerbildung hinweg Einigkeit darüber, dass schulischer Musikunterricht kein reiner Musizierunterricht ist. Phasen des Musikmachens mit der Stimme, auf Instrumenten oder im Tanz sind folglich sowohl im Sekundar- als auch im Primarschulbereich durch solche des Sprechens über Musik und die damit verbundenen Prozesse zu ergänzen. Zentrale Konzepte dafür sind unter anderem ‚Ästhetischer Streit‘ bzw. der Erwerb musikalisch-ästhetischer Diskursfähigkeit. Das gezielte Inszenieren solcher Unterrichtssituationen scheint in der Praxis aber keineswegs selbstverständlich zu sein. Für die Arbeit im Projekt hatte das zur Folge, dass wir einige Zeit und Energie in die Planung und Umsetzung anspruchsvoller musikunterrichtlicher Gespräche investieren mussten, um geeignetes Videomaterial für die Verwendung in Seminaren und Trainings erstellen zu können.

Und was ist nun für die zweite Förderphase geplant?
Prof. Lüders: Wir möchten eine weitere Fachdidaktik ins Boot holen. Wir haben bereits Gespräche mit der Fachdidaktik Mathematik geführt und es besteht ein großes Interesse, die bisher vorliegenden Trainingsprogramme so weiterzuentwickeln, dass sie sich auch für die Gestaltung eines diskursiven Mathematikunterrichts eignen. Wichtig ist aber auch, dass wir die Evaluation der Trainingsmaßnahmen vorantreiben. Bisher können wir aus Studierendenbefragungen mit großer Sicherheit sagen, dass die Trainingseinheiten für indirekte Instruktion in den Fächern Deutsch und Musik als eine große Bereicherung wahrgenommen werden. Aber natürlich möchten wir auch wissen, wie viel Durchschlagskraft die Programme haben, also ob sie tatsächlich das Unterrichthandeln im Praktikum und später auch im Referendariat beeinflussen. Dazu müssen wir eine längerfristige Forschungsperspektive einschlagen, bei der es darum gehen wird, die tatsächlich geführten Unterrichtsgespräche hinsichtlich ihrer methodischen Funktionen genauer in den Blick zu nehmen. Erst wenn wir wissen, was in der Praxis ankommt, können wir auch Rückschlüsse auf die Effektivität unserer Trainingsprogramme ziehen.

Prof. Mannhaupt: Wir habenn uns zum einen die Aufgabe gestellt, empirisch zu prüfen, ob die entwickelten Trainings die von uns beabsichtigten und erwarteten Wirkungen bei den Studierenden zeigen. Dies sollte nicht nur auf der Ebene der subjektiv eingeschätzten Kompetenzen erfolgen, sondern auch auf der Wissens- und Verhaltensebene. Unsere neuen Einsichten und Befunde wollen wir dann in der wissenschaftlichen Gemeinschaft vorstellen und diskutieren. Darüber hinaus werden wir für ein weiteres Unterrichtsfach – die Mathematik – den Prozess der Entwicklung und Auswahl problemorientierter Unterrichtssequenzen und der Entwicklung von Trainingsbausteinen übertragen, um so ein breiteres Angebot dieses aus unserer Sicht wichtigen hochschuldidaktischen Ansatzes sicherstellen zu können.

 

Hintergrund
Bei der Entwicklungsarbeit stützt sich das Projekt „Methodentraining für effektives Unterrichten“ auf US-amerikanische Programme zum „effective teaching“ fachdidaktische Forschungen zur Unterrichtskommunikation, als erfolgreich evaluierte Microteaching Programme sowie die mittlerweile in mehreren Variationen aufgelegten „Modelle und Materialien für den Literaturunterricht“ an Grundschulen, die von den Mitarbeiterinnen der Fachdidaktik Deutsch in den vergangenen Jahren kreiert worden sind.

Die Ergebnisse aus dem Teilprojekt „Methodentraining für effektives Unterrichten“ finden Sie unter www.uni-erfurt.de/qualiteach/teilprojekte/methodentraining/Ergebnisse.