Prof. Dr. Sandra Tänzer

„Es ist ein zutiefst befriedigendes Gefühl, in einem solchen Projekt tätig zu sein“

Mit ihrem Projekt QUALITEACH bewirbt sich die Universität Erfurt auch in der 2. Förderphase um Mittel aus der von Bund und Ländern geförderten Qualitätsoffensive Lehrerbildung. Die Einreichung des Förderantrags war nun Anlass, eine Bilanz der ersten Förderphase zu ziehen, in der auch die Hochschullernwerkstatt an der Universität Erfurt finanziell unterstützt wird. Wir sprachen mit Prof. Dr. Sandra Tänzer, der Leiterin der Lernwerkstatt, über erste Ergebnisse und das Engagement der Hochschullehrenden für eine innovative Lernkultur…

Frau Tänzer, wie hat sich die Hochschullernwerkstatt in der ersten Förderphase entwickelt?
Wir sind sehr zufrieden mit dem, was wir bisher erreicht haben, um Lernwerkstattarbeit an der Universität Erfurt curricular und hochschulpädagogisch zu verankern und in ihrer Wirkung für Professionalisierungsprozesse zu evaluieren. Wir konnten vielfältige formale und informelle Lehr-Lern-Settings implementieren, indem beispielsweise die regelmäßig stattfindenden Seminare um Angebote aus den Bereichen Mathematikdidaktik, Sachunterrichtsdidaktik sowie Förderpädagogik erweitert wurden. Ein universitätsübergreifendes Lernwerkstattseminar, in dem Lehramtsstudierende der Universität Siegen mit Erfurter Studierenden an gemeinsamen Fragestellungen kollektiv und kollaborativ arbeiten, hat sich ebenfalls fest etabliert. Die informellen Lernformate, wie die im Rahmen der „Open Lernwerkstatt“ von Studierenden für Studierende organisierten Angebote haben zugenommen und werden gut besucht. Bei hochschulöffentlichen Veranstaltungen wie der Langen Nacht der Wissenschaften oder innerhalb der Studieneinführungstage sind wir fester Bestandteil des Programms. Kurz: Wir sind mit der Implementierung sehr weit vorangekommen, was sich nicht zuletzt in den steigenden Besucherzahlen sowie in den Klickzahlen bei Facebook und Instagram widerspiegelt.

In der Wirkungsanalyse haben wir dank formativer Evaluationen systematische Befunde darüber gewonnen, wie Studierende Lernwerkstattlernen im Vergleich zu Veranstaltungen außerhalb der Lernwerkstatt wahrnehmen – dass Studierende beispielsweise die Formate des Werkstattlernens als eine Differenzerfahrung, als einen Bruch zu gewohnten Seminarstrukturen bzw. Konventionen zu der bislang an der Universität Erfurt erlebten Lehr-Lern-Kultur wahrnehmen. Dies führt teilweise zu großer Verunsicherung und zu Konflikten, die sie versuchen, u. a. durch Strategien des Netzwerkens, des Präsentierens bzw. Zeigens dessen, was sie machen zu bewältigen.

Was die summative Evaluation betrifft und damit die Frage der Messung konkreter Kompetenzzuwächse, stehen wir noch vor Herausforderungen, die die Feldforschung insgesamt betreffen: Wie können wir ein methodisch kontrolliertes Design realisieren – insbesondere auch vor dem Hintergrund, dass Dozentinnen und Dozenten, die sich einmal auf Werkstattlehren und -lernen einlassen, sich und ihre traditionellen Seminare verändern, sodass es zunehmend schwierig wird geeignete Kontrollgruppen bereitzustellen?

Unsere summative Evaluation beschränkt sich bislang auf eine Fachdidaktik (Deutsch) und auf ein werkstattbezogenes Lehr-Lern-Format (Problem-Based-Learning). Hier zeigt sich eine Veränderung: Wer einmal in der Werkstatt gelehrt hat, verändert auch sein gesamtes Lehrhandeln, so unsere bislang noch nicht empirisch überprüfte Erfahrung.

Was leisten diese Ergebnisse für die Weiterentwicklung der Lehrerbildung in Erfurt?
Im Zuge der Implementation etablier(t)en sich vielfältige Lehr-Lernformate von Werkstattarbeit in verschiedenen Studienfächern der Lehramtsausbildung. Sie zeugen vom Engagement der Lehrenden für eine innovative Lernkultur und tragen dazu bei, dass eigenaktives und selbstbestimmtes Lernen in der Didaktik der Lehrerbildung über weitere Studienfächer hinweg ausgebaut und theoretisch-konzeptionell weiterentwickelt wird. Hinzu kommt die Vernetzung der Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Fachbereichen und Fachgebieten der Lehrerbildung untereinander. Auch in der Hochschule sind Personen, die angehende Lehrkräfte ausbilden, letztlich Einzelkämpfer, doch mit dem Projekt und der „AG Lernwerkstatt“ wurden Strukturen im Sinne einer „Community of Practice“ geschaffen, um die eigenen Erfahrungen auszutauschen, Konflikte kollegial zu beraten, Beispiele guter Lehre zu besprechen und weiterzuentwickeln. Das ist etwas sehr Wertvolles im hochschulpädagogischen Raum.

Was hat Sie im Prozess der Umsetzung am meisten überrascht?
Die Offenheit der Kolleginnen und Kollegen, die Tatsache, dass dieses Projekt wirklich etwas Essentielles an der Universität Erfurt verändert: Einstellungen, Werthaltungen, Praxen des Lehrens und Lernens. Es ist ein zutiefst befriedigendes Gefühl, in einem solchen Projekt tätig zu sein.

Was ist für die weitere Entwicklung geplant?
Um die Hochschullernwerkstatt als Innovation zu implementieren und Lernkultur in der Didaktik der Lehrerbildung in Richtung jenes normativen Konzepts von Werkstattlernen zu verbessern, reicht es nicht aus, dass innovative Lehr-Lernformate – wie jene vielfältigen Lehrformate in der Hochschullernwerkstatt – schlicht vorhanden und in Vorlesungsverzeichnissen ausgewiesen sind. Der Hochschuldidaktiker Johannes Wildt macht immer wieder darauf aufmerksam, dass, soll Innovation nicht allein Organisationsreform bleiben, Prozesse hochschuldidaktischer Weiterbildung unumgänglich sind. Und hier schließen wir in der Weiterentwicklung an. Um die Qualität formaler Lerngelegenheiten in der Erfurter Hochschullernwerkstatt mit Blick auf die Anforderungen deren pädagogische Konzepts – d. h. erfahrungsorientiertes Lernens im Sinne von Dewey, situiertes Lernen sowie die Sensibilisierung für die Materialität und Ästhetik von Bildungsprozessen zu gewährleisten, planen wir hochschuldidaktische Weiterbildungsformate sowie ergänzende Formen der Evaluation, um diese Vielfalt von Lehr-Lern-Formaten empirisch zu validieren. Wir greifen dabei auf den Ansatz des Design-Based-Research zurück, indem die beteiligten Hochschullehrenden als Reflective Practitioners hochschuldidaktische Kompetenzen im Hinblick auf ein Lehren und Lernen in einer Hochschullernwerkstatt reflektieren und aktiv handelnd weiterentwickeln.

 

Hintergrund Hochschullernwerkstatt
Die Lernwerkstatt der Universität Erfurt will als Ort der Kooperation zwischen den Phasen der Lehrerbildung – Studium, Referendariat und Fortbildung – vermitteln. Studierende sollen die Möglichkeit erhalten, vor dem Hintergrund einer forschenden Haltung kreative Lösungen auf eigene Problemstellungen und Fragen des Lehrens und Lernens zu entwickeln. Das Team der Lernwerkstatt unterstützt die Studendierenden beispielsweise bei der Erstellung eigener Lehr-Lern-Materialien, bei der Bewältigung unterschiedlichster Probleme des Studierendenalltags, aber auch in der Durchführung von Projekten, in denen sich Schüler, Lehrkräfte, Studdierende und Wissenschaftler begegnen und gemeinsam Ideen umsetzen. Mit diesem Ansatz soll es gelingen, Studium und Beruf miteinander zu verzahnen und Studierende noch effektiver auf ein Lebenslanges Lernen vorzubereiten.