Nachgefragt: „Was bedeutete das Jahr 1968 für Kirche und Theologie, Herr Holzbrecher?“

Das Jahr 1968 bewegt auch 50 Jahre später noch das Feuilleton und die gesellschaftlichen Debatten und – nicht zuletzt – jene „Altachtundsechziger“, die nach wie vor in Erinnerungen an die Aufbruchstimmung in jener „verrückten Zeit“ schwelgen. Aber fand diese Revolte eigentlich auch in Kirche und Theologie statt? Und, wenn ja, welche Bedeutung hat sie dort heute noch? „WortMelder“ hat darüber mit Sebastian Holzbrecher gesprochen. Zusammen mit Jörg Seiler, Benedikt Kranemann und Julia Knop hat er im Auftrag des Theologischen Forschungskollegs an der Universität Erfurt dazu gerade ein Buch herausgegeben. Sein Titel: „Revolte in der Kirche? Das Jahr 1968 und seine Folgen.“ Wir haben nachgefragt: „Was bedeutete das Jahr 1968 für Kirche und Theologie und wie wirkt es heute nach?“

„1968 ist eine Chiffre für ganz unterschiedliche soziale, politische und gesellschaftliche Aufbrüche, Ansprüche und Entwicklungen. Ob sie alle unter dem Begriff der ‚Revolte‘ zu subsumieren sind, dürfte zumindest fraglich sein. Fest steht aber, dass Kirche und Theologie von diesen vielfältigen Veränderungen nicht unbeeinflusst blieben und aus ihrem Selbstverständnis heraus auch nicht bleiben konnten. Innerkirchliche Auseinandersetzungen um Autorität und Gehorsam, größere Beteiligungsrechte von Laien und die Einübung von demokratischen Prozessen waren die Folge und führten zu manchen – auch heilsamen – Veränderungen in der Kirche. Auffällig ist allerdings, dass der Charakter der Aufbrüche von 1968 dies- und jenseits des ‚eisernen Vorhangs‘ durchaus unterschiedlich war. Dies wahrzunehmen bewahrt davor, 1968 allzu eindimensional auszulegen.

In der Theologie scheint ‚1968‘ für eine größere Sensibilität für Brüche und Polarisierungen zu stehen. Es hat auch dazu geführt, dass sich Theologie in bestimmte gesellschaftliche, kulturelle und politische Fragen deutlicher einbrachte. Welche Bedeutung 1968 für Kirche und Theologie heute – noch – hat, ist schwer zu umschreiben. Die vielfältigen Herausforderungen und Anfragen haben beiden nicht geschadet, sondern zu einer konstruktiven Auseinandersetzung damit gezwungen. Dies hat neue Perspektiven und Methoden wirksam werden lassen. Allerdings haben die kritischen Anfragen auch zu Polarisierungen geführt, die heute noch die Kirche prägen und sie zuweilen und liberale und traditionale Lager teilen.

Festzustellen bleibt aber, dass noch erheblicher Forschungsbedarf zum Thema Kirche, Theologie und 1968 besteht. Nicht nur die internationalen Vernetzungen und Interdependenzen sind oftmals unklar, auch die konkreten Auswirkungen und Veränderungen vor Ort, in Kirchgemeinden, theologischen Fakultäten und kirchlichen Institutionen stellen ein Desiderat der theologischen Forschung dar.“

Sebastian Holzbrecher, Julia Knop, Benedikt Kranemann, Jörg Seiler (Hrsg. im Auftrag des Theologischen Forschungskollegs der Universität Erfurt)
Revolte in der Kirche? Das Jahr 1968 und seine Folgen.
Freiburg/Br. [u.a.]: Herder 2018.
ISBN 978-3-451-38065-5
352 Seiten
35 EUR