Tom Blanton

Welcome, willkommen: Dr. Thomas R. Blanton ist neuer Fellow am Max-Weber-Kolleg

Thomas R. Blanton IV ist Neutestamentler und forscht und lehrt an der Lutheran School Of Theology in Chicago. In seiner Forschung beschäftigt er sich mit dem Frühen Christentum im Zusammenhang mit den Diskursen und Praktiken des Frühen Judentums und der griechisch-römischen Kulturen. Als Fellow des Research Centres „Dynamik ritueller Praktiken im Judentum in pluralistischen Kontexten von der Antike bis zur Gegenwart“ des Max-Weber-Kollegs ist er gerade für sechs Monate zu Gast an der Universität Erfurt. Eine Kurzvorstellung…

Einfach gesagt: Wie würden Sie einem Kind Ihr jetziges Forschungsprojekt erklären?
Ich lese Geschichten, die von Menschen geschrieben wurden, die Abraham – einen alten jüdischen Wanderer – sehr mochten und die versuchten, ihn nachzuahmen.

Und jetzt für die „Großen“…
Mein Projekt untersucht, wie sich frühe jüdische Autoren auf Geschichten über Abraham berufen, um bestimmte Beschneidungspraktiken und Rituale zu rechtfertigen. Im Buch der Jubiläen aus dem zweiten Jahrhundert vor unserer Zeit zitiert beispielsweise ein jüdischer Autor Abraham als einen Befürworter der Beschneidungspraxis, und zwar zu einer Zeit, als die Entfernung der Vorhaut eigentlich mit den griechischen Idealen des männlichen Körpers im Konflikt stand, der nur völlig intakt als perfekt angesehen wurde. Umgekehrt nutzte der Apostel Paulus Abraham im ersten Jahrhundert nach unserer Zeit als Vorbild für die Rechtfertigung der Nicht-Beteiligung am Beschneidungsritual der “Greco-Romans” – eine griechisch-römische Gruppe, die sich der frühen jüdisch-christlichen Bewegung anschloss, aus der sich das Christentum entwickelte. Die Figur Abrahams wurde also immer wieder benutzt, um zeitgenössische Rituale im Spiegel antiker Traditionen zu rechtfertigen, während sie gleichzeitig großen Spielraum ließ bezüglich der Art und Weise von Praktiken, die in ihrem Namen befürwortet wurden.

Kurz und knackig: Ihr Forscheralltag in drei Worten?
Sencha, Maté, Assam

Mal in die Zukunft gesponnen: Welche Fragestellungen könnten die Ritualforschung in zehn Jahren beschäftigen?
In zehn Jahren werde ich mich fragen, warum sich all unsere Ritualprognosen als erfolglos herausstellten.

Vom Angelurlaub bis zur Zahnseide: Was ist Ihr persönlich „heiligstes“ Ritual?
Ein paarmal die Woche Sport hält mich mehr oder weniger gesund.

Welcher jüdische Gelehrte hat Sie im Leben geprägt und warum?
Ich würde es weniger Prägung nennen, aber die Briefe von Paulus von Tarsus, einem wandernden jüdischen Evangelisten, sind für mich nun schon seit mehr als zwei Jahrzehnten eine Quelle der Faszination. Paulus agierte in Räumen kultureller Komplexität und vermittelte zwischen griechischer, römischer und jüdischer Tradition – und das zum Teil mit außergewöhnlichen Ergebnissen.
Er war manchmal überheblich und hatte eine ausgesprochen hohe Meinung von sich selbst. Ich bezweifle, dass er ein Typ war, mit dem ich mich auf einen Drink im Pub treffen würde. Aber trotz seiner Makel sticht eines hervor: In seinen Briefen gibt es kaum einen schwachen Moment.

Ein abschließendes Wort: Ohne Rituale wäre die Welt…
…paradoxerweise beides, ein sozial weniger kohäsiver und gleichzeitig ein sozial weniger fragmentierter Ort: Auch wenn Rituale von Zeit zu Zeit Mitglieder einer bestimmten Gruppe vereinen, dienen sie auch dazu, verschiedene Gruppen voneinander zu unterscheiden und möglicherweise Distanz zwischen ihnen zu schaffen.

 

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