„Stillfreundliche Apotheke“: Workshop am Max-Weber-Kolleg bringt italienische Initiative nach Erfurt

Wie verhalten sich die Religionen zum Thema Muttermilch und Stillen? Können auch Götter als stillende Mütter oder sogar stillende Väter beschrieben werden? Inwieweit ist das Stillen eine weibliche Aktivität, und wo bestimmen männliche religiöse Autoritäten das mütterliche Stillverhalten? Wo wird die Muttermilch zur Metapher und zum Symbol? Diesen und anderen Fragen ging jetzt der internationale Workshop „Breastfeeding(s) and Religions“ am Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt nach.

Die Veranstaltung wurde von Giulia Pedrucci und Olivera Koprivica organisiert, die Teilnehmer kamen aus Deutschland, Italien, Großbritannien, der Schweiz, Indien, Österreich, Israel, den USA und Kanada und diskutierten über diese Fragen in religiösen Texten, in religiöser Kunst und in den verschiedensten historischen und modernen kulturellen Kontexten. Aber auch aktuelle Fragestellungen kamen dabei immer wieder zur Sprache. So wurde darüber diskutiert, ob und wie sich das Stillverhalten moderner Frauen an religiösen Autoritäten und Traditionen orientiert und inwieweit moderne Zwecke und Bedürfnisse das Stillverhalten beeinflussen. Während die italienischen Kollegen davon berichteten, dass Papst Franziskus sogar die Erlaubnis gegeben hat, während der katholischen Messe Kinder bei Bedarf zu stillen, waren sich die Beteiligten einig, dass das Stillen von Säuglingen nicht mehr in allen Ländern und Kulturen eine Selbstverständlichkeit ist. So würden in manchen islamisch geprägten Ländern nur noch zwei Prozent aller Säuglinge von ihren Müttern gestillt, in den restlichen Familien werde auf künstlich hergestellte Säuglingsnahrung zurückgegriffen.

Ein unmittelbares Resultat des Workshops war die Zertifizierung einer Erfurter Apotheke als „stillfreundliche Apotheke“. Die dort tätigen Apothekerinnen hatten dafür eine Schulung absolviert, und darüber nachgedacht, wie sie Mütter bei der Entscheidung für das Stillen ihrer Säuglinge unterstützen können. Die italienische Initiative „Melograno“, die sich gegen Werbung für künstliche Babynahrung und sich für Mütter einsetzt, die sich für das Stillen entscheiden, hat die Zertifizierung vorgenommen. Die Initiative ist vor allem in Italien, Frankreich und Portugal aktiv. Die Erfurter Apotheke ist die erste deutsche Apotheke, die zertifiziert wurde.

Der Workshop wurde im Rahmen des MWK-FELLOWS COFUND International Fellowship Programme organisiert, einem durch das Forschungsrahmenprogramm der Europäischen Union („Horizon 2020“) ko-finanzierten Projekt am Max-Weber-Kolleg. Dieses ermöglicht zwölfmonatige Forschungsaufenthalte von jährlich bis zu zehn internationalen Gastwissenschaftlern. Neben der Förderung der Forschungsarbeiten der Gastwissenschaftler und der Internationalisierung der Universität Erfurt hat das Projekt auch die Förderung von Kooperationen zwischen der Universität Erfurt und nicht-akademischen Projektpartnern zum Ziel. Durch diese soll der Austausch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft gestärkt werden.