Theologie „durch das Vorzimmer der Philosophie“

Bereits seit April ist Prof. Dr. Eberhard Tiefensee, Professor für Philosophie an der Katholisch-Theologischen Fakultät, von seinen Lehraufgaben entbunden. Mit seiner Abschiedsvorlesung am kommenden Freitag verabschiedet ihn die Universität Erfurt nun offiziell in den Ruhestand. WortMelder hat mit ihm gesprochen – über verworfene Karrierepläne, eine Hochschule im ständigen Wandel und die Besonderheiten der Theologie in den neuen Bundesländern.

Prof. Tiefensee, nach mehr als 20 Jahren als Professor an der Universität Erfurt bzw. dem ehemaligen Philosophisch-Theologischen Studium erwartet Sie nun der Ruhestand. Haben Sie schon Pläne, was Sie mit der gewonnenen Zeit anstellen werden?
Ich gehöre als katholischer Priester ins Bistum Dresden-Meißen und werde also wieder dorthin zurückkehren, konkret nach Leipzig. Es gibt Anfragen, ob ich mich nicht vor Ort in der katholischen Akademiker-Arbeit engagieren könnte.

Was viele vielleicht nicht wissen: Sie sind ausgebildeter Chemielaborant. Kurz nach der Ausbildung mit Abitur folgte das Studium der Philosophie und Theologie in Erfurt. Wie kam es dazu, dass sie aus den Naturwissenschaften den Weg in die Theologie gefunden haben?
Ursprünglich wollte ich in die Pharmazie oder Biochemie, außerdem war die Berufsausbildung für mich die einzige Möglichkeit in der damaligen DDR, zu einem Abitur zu kommen, da mir als engagiertem Katholiken der Weg über die sogenannte „Erweiterte Oberschule“ (EOS) verwehrt wurde. Ich habe zwischen naturwissenschaftlichem Denken und meinem Glauben bestenfalls eine Spannung, aber nie einen Widerspruch gesehen. So war ich beispielsweise Teilnehmer an der Mathematik-Olympiade auf DDR-Ebene. Aber dann erwachte doch ein stärkeres Interesse an geisteswissenschaftlichen Fragen und ich verspürte auch eine Berufung zum katholischen Priester. Das war letztlich ausschlaggebend für meinen Weg in die Theologie.

1973 nahmen Sie das Studium am Philosophisch-Theologischen Studium Erfurt auf. Es folgten ein Lizentiats- und Promotionsstudium in Erfurt sowie die Habilitation in Bonn und Tübingen. 1997 übernahmen Sie schließlich die Professur für Philosophie am damaligen Philosophisch-Theologischen Studium. 2002 begleiten Sie als Rektor dessen Integration in die Universität Erfurt. Kurzum: Sie haben viel mit der heutigen Katholisch-Theologischen Fakultät erlebt. Mehr als einmal mussten sich die Fakultät und ihre Angehörigen den veränderten Rahmenbedingungen ihrer Zeit anpassen. Wie denken Sie, haben diese Erfahrungen das Leben und die Forschung an der Fakultät beeinflusst?
Ich kam nach dem Studium 1973–77 und dem Promotionsstudium 1982–86 als Professor das dritte Mal nach Erfurt und erlebte schon damals eine gewandelte Hochschule, die nicht wie vor 1989 fast nur Priester ausbildete, sondern nun eine ganze Palette von theologischen Studiengängen für Frauen und Männer anbot. Das weitete sich noch einmal bei der Integration in die Universität, wodurch wir die einzige Universitätsfakultät dieser Art in den neuen Bundesländern wurden – mit sechs gleichrangigen evangelischen Fakultäten gegenüber. Mit einigen kooperieren wir inzwischen. In Halle, Dresden und geplant in Berlin gibt es lediglich katholische Institute, aber keine Vollfakultät. Außerdem kamen wir in der Universität in Kontakt mit anderen Fachbereichen, der an einer separaten Hochschule in dieser Art und Intensität nicht möglich gewesen wäre. Es gab und gibt sicher Ressentiments gegenüber Theologie in der Universität, überwiegend sind wir jedoch mit offenen Armen empfangen worden. Das war 2002/03 eine sehr intensive Erfahrung. Ich wurde zum Beispiel als Rektor und später Dekan mitten in dieser Integrationsphase als Vizepräsident ins Universitätspräsidium gewählt, das war eine ungewöhnliche Ämterkombination.

Es ist Aufgabe der Theologie den „intellectus fidei“, das Verständnis des Glaubens, für die Öffentlichkeit zu erarbeiten. In Mitteldeutschland treffen wir nun aber auf eine weitgehend religiös indifferente Gesellschaft. Die Erforschung des Atheismus‘ sowie des religiösen Lebens in einer säkularen Gesellschaft hat indes auch den Großteil Ihrer eigenen wissenschaftlichen Arbeit geprägt. Wie würden Sie den wechselseitigen Nutzen zwischen Theologie und ostdeutscher Gesellschaft beurteilen? Oder böse gefragt: Was können denn die „Gottlosen“ im Osten von Theologinnen und Theologen lernen?
Das Alleinstellungsmerkmal unserer Fakultät ist die intensive Auseinandersetzung mit einer bis in die Tiefe säkularisierten Umgebung – alle anderen katholischen Fakultäten in Deutschland liegen in Gebieten mit christlicher Mehrheit. Diese, unsere Umgebung prägt die Studierenden und die Fragen, die sie mitbringen. Sie prägt folglich auch die Schwerpunkte der Lehre und Forschung an unserer Fakultät so stark, dass sich nach meiner Beobachtung die neu berufenen Mitglieder unseres Professoriums, die zumeist nicht aus den neuen Bundesländern kommen, relativ rasch auf diese neuen Horizonte einstellen müssen – und es auch können. Das gibt der Erfurter Theologie eine gewisse Bodenständigkeit, die es verbietet, sich in abstrakten Fragen und subtilen Differenzen zu verlieren, die im Gegenteil nah an den „existentiellen Kulturen“ bleibt, die wir hier vorfinden und verstehen lernen müssen. Was die sogenannten „Gottlosen“ hoffentlich von uns lernen: dass wir sie nicht als „gottlos“, sondern als Gottes „andere“ Menschen einschätzen und respektieren. Und was wir von ihnen erhoffen: Dass sie unsere aus der christlichen Tradition kommenden Impulse kritisch-konstruktiv aufnehmen und wir in den grundsätzlichen Fragen des Lebens, die uns gemeinsam bewegen, auch gemeinsam vorwärts kommen.

Gibt es eine Begebenheit oder eine kleine Anekdote aus Ihrer Zeit an der Universität Erfurt, an die Sie sich besonders gern erinnern?
Ich bekam mal von einer Studentin aus dem Auslandssemester einen Weihnachtsgruß. Sie bedankte sich dafür, dass ich sie zweimal hatte durch die Prüfung fallen lassen! Das habe sie, die sich bisher nie ernsthaft angestrengt und immer irgendwie durchgewunden hatte, aufgeweckt und in die Spur gebracht. Sie arbeitet inzwischen mit theologischem Magister-Abschluss in einem Bischöflichen Ordinariat. Und mich hat oft berührt, wie in den ersten Semestern Studierende, mit neuen Fragestellungen und kritischem Denken konfrontiert – auch durch Mitstudierende aus anderen Fächern –, allmählich theologisch aufwachten.

Die Professur für Philosophie an der Katholisch-Theologischen Fakultät ist derzeit noch vakant. Gibt es dennoch vielleicht den einen oder anderen Tipp, den sie Ihrem Nachfolger oder Ihrer Nachfolgerin mit auf den Weg geben wollen?
Mein Rat: Nicht nur in Texte schauen und Argumente mit Argumenten beantworten, sondern sich auch so intensiv wie möglich mit der Lebenserfahrung derer in Kirche und Gesellschaft auseinandersetzen, für die wir das ganze personen-, zeit- und nicht zuletzt kostenaufwändige Unternehmen Universität betreiben. Die Philosophie innerhalb der Theologie ist für diese Zwecke schlechthin unverzichtbar: Wer aus der Theologie heraus den Dialog mit den vorhin etwas despektierlich „gottlos“ Genannten sucht, wird notgedrungen immer durch das Vorzimmer der Philosophie laufen müssen.

Das Interview führte Desiree Haak.

Abschiedsvorlesung von Prof. Dr. Eberhard Tiefensee
„Atheistische Spiritualität – eine Anfrage“
Freitag, 29. Juni, ab 19 Uhr | Hörsaal Coelicum, Domstraße 10
Alle Interessierten sind herzlich eingeladen! Um Anmeldung bei Heike Bussemer (heike.bussemer@uni-erfurt.de) wird gebeten.