„Dem Vergessen entrissen“: Wissenschaftler der Universität Erfurt entdeckt mehr als 30 frühe Drucke

Da stand Frank-Joachim Stewing also. In einem Keller im niedersächsischen Duderstadt. Mit dem Geruch von altem Papier in der Nase und 800 historischen Büchern vor Augen. Welchen Schatz der Historiker da vor sich hatte, verriet ihm sein Sachverstand recht schnell. Dass es ein Sensationsfund werden würde, zeigte ihm schließlich die Analyse der Werke: Unter dem Buchkonvolut im Archivkeller der Duderstädter Propstei entdeckte Stewing 37 unbekannte frühe Drucke, sogenannte Inkunabeln, aus dem 15. Jahrhundert. Der wissenschaftliche Mitarbeiter an der Professur für Kirchengeschichte der Universität Erfurt beschäftigt sich intensiv mit der Geschichte der alten Erfurter Universität und arbeitet gerade an einer großen Monografie über deren Juristische Fakultät von 1392 bis 1521. Ganz besonders Quellen, die bisher von der Forschung übersehen worden sind, nimmt er dafür in den Blick. Eher zufällig stieß er dabei auf eine Urkunde, die den Buch-Nachlass des Juristen und mehrmaligen Dekans der Juristischen Fakultät der Uni Erfurt, Johannes Steinberg (gestorben 1500), regeln sollte. Ein Dokument, das seinen Forscherdrang erst recht weckte und nun weitere alte Werke vor dem Vergessen bewahrte …

„Diese Urkunde enthält das älteste vollständige Bücherverzeichnis eines Erfurter Juristen“, schwärmt Stewing. „Der Duderstädter Johannes Steinberg legt darin fest, was nach seinem Tod mit seiner Büchersammlung passieren soll. Er wollte nämlich, dass sie in den Besitz seiner Familie in Duderstadt übergeht. Seine Nachlassverwalter fügten seinem letzten Willen eine detaillierte Liste mit Werken bei.“ Steinberg war Professor für römisches Recht an der Erfurter Universität und im Sommersemester 1485 Hochschulrektor. Er war seinerzeit einer der wichtigsten Rechtsgelehrten in Erfurt, hatte enge Kontakte zur Reichsspitze und verfügte als Protonotar der Stadt Erfurt über großen Einfluss. Bereits während seines Studiums in Leipzig, Erfurt und Padua begann der Jurist, Bücher zu sammeln. Es muss für ihn spannend gewesen sein, den Wandel von der Handschrift zum Druck mitzuerleben und dieser Übergang spiegelte sich auch in seiner Buchsammlung wider. 108 Bände trug er bis zu seinem Tod zusammen. Dass Steinberg seine Sammlung nicht der ehrwürdigen Universität selbst vermachte, scheint auf den ersten Blick ungewöhnlich. Doch es passe in die Zeit, bestätigt Stewing. „Steinberg wollte die Bücher als Ganzes seinen Nachfahren hinterlassen, damit ihnen schon früh der Zugang zu anspruchsvoller Literatur gewährt wird, nicht erst, wenn sie später beispielsweise in Erfurt ein Universitätsstudium aufnahmen. Nicht in seinem Sinne war es jedoch, dass die Bücher weiterverkauft werden. Das hätte die Familie aber gern getan.“ Die Stadt Duderstadt sorgte dafür, dass die Sammlung zusammengehalten und 1511 als Depositum neben der Bibliothek der Duderstädter Pfarrkirche St. Cyriacus aufgestellt wurde. „Pfarreien entwickelten sich im Laufe des 15. Jahrhunderts zunehmend zu geistlichen und geistigen Zentren mit eigenen Bibliotheken“, weiß der Geschichtswissenschaftler. Dass der Stadt also offensichtlich viel daran lag, Steinbergs Bücher in die hiesige Kirchenbibliothek aufzunehmen, nennt der Wissenschaftler einen „richtungsweisenden kommunalpolitischen Schritt“, dass sich die darüber ausgestellte Urkunde erhalten hat, eine „Gunst der Überlieferung“. Und diese Gunst brachte ihn schließlich auf die Spur der vergessenen Werke, die er nun in Duderstadt fand. Mit Steinbergs Werkliste ausgerüstet, machte er sich auf die Suche nach den überlieferten Büchern. Wenn sie einst als Gesamtheit in eine Bibliothek übergingen, könnten heute zumindest noch Reste vor Ort auffindbar sein. Dafür bestand zumindest Hoffnung. Recherchen im Duderstädter Stadtarchiv und in der Zweigstelle des Bistumsarchivs führten jedoch zunächst ins Leere. Stewing war frustriert, wollte schon fast aufgeben. Doch eine Station hatte er noch vor sich: die Duderstädter Propstei. Dort drückte Propst Bernd Galluschke ihm den Schlüssel für den Keller der Probstei in die Hand. „Wir haben da etwas“, waren seine Worte dazu. Ganz unerwartet stand Stewing also vor jenem Bücherschatz, der sein Forscherherz höherschlagen ließ. Kurz darauf rückte er mit seinen Forscherwerkzeugen erneut im Keller der Propstei an und machte sich ausgerüstet mit Laptop, Lesegerät für Wasserzeichen, mit Zugang zu Handschrift- und Druckkatalogen, mit Berufserfahrung, lesegewohnten Augen und viel Geduld an die Arbeit – mit Erfolg. „Ich muss zugeben, ich bin schon etwas verwöhnt, was das Finden von unbekannten und vergessenen Bänden angeht. Doch gleich so viele Werke mit einem Mal zu entdecken, das war auch für mich ein außergewöhnliches Erlebnis.“ Denn selbst als sich herausstellte, dass von Steinbergs Buchliste letztlich nur noch ein Werk unter diesen Wiederentdeckungen war, ist sich der Forscher sofort bewusst: Diese Bücher öffnen ein „Fenster zu einer längst vergessenen Welt“, zu einem Stück Stadtgeschichte Duderstadts, vor allem aber zur Geschichte des frühen Druckes – einer bahnbrechenden Zeit, die ein neues Medienzeitalter einläutete. Es sind theologische, juristische und allgemeingesellschaftliche Werke aus dem 15. Jahrhundert, die zum Teil nur noch in Bruchstücken überliefert sind. Von einer übersetzten Bibel, die weit vor Luthers Übersetzung gedruckt wurde, einem Butterbrief, der es gegen Geld erlaubte, zur Fastenzeit Milchprodukte zu sich zu nehmen, bis hin zum scheinbar einzigen noch erhaltenen Duderstädter Sammlungsobjekt Steinbergs – einer Handschrift mit einem Kommentar des Juristen Bartolus de Saxoferrato: Alle Wiederentdeckungen bilden eine neue bedeutende Quelle für die heutige Wissenschaft und geben einen Einblick in eine Bücherwelt, in der sich auch Johannes Steinberg seinerzeit bewegte.

Genau diese Welt möchte Frank-Joachim Stewing nun – bereits ein Jahr nach seinem Fund – auch der Öffentlichkeit nahebringen. Gemeinsam mit Sandra Kästner, Leiterin des Duderstädter Heimatmuseums, erarbeitete er die Ausstellung „Dem Vergessen entrissen! Spätmittelalterliche Bücherschätze aus Duderstädter Sammlungen. Von Butterbriefen, Aderlass und Seelenheil“. Darin werden erstmals die wiederentdeckten Schätze aus dem Archiv der Probstei ausgestellt und von weiteren zeitgenössischen Werken umrahmt. „Wir möchten zeigen, wie die Bücherwelt in der Zeit um die Erfindung des Buchsdrucks allgemein und die Steinbergs im Speziellen aussah. Was wurde gelesen, was gelehrt? Was war gesellschaftlich relevant?“, umreißt Stewing den Ausstellungsansatz. Unter Mitwirkung der Universitätsbibliothek Erfurt, dem Duderstädter Stadtarchiv, dem Bistumsarchiv und der Kunstgutsammlung des Bistums Erfurt haben die beiden Experten eine Ausstellung konzipiert, die die wertvollen Bestände dem Publikum als einzigartige Zeugnisse kultureller Veränderungen und intellektueller Auseinandersetzung präsentiert.

Stewing kann nun zufrieden den Staffelstab weitergeben. Nach dem Fund, einer ausführlichen Bestandsaufnahme und dem Bilden eines Netzwerks zur Realisierung der Ausstellung und des dazugehörigen Begleitbands ist seine Arbeit in Duderstadt vorerst getan. Nun muss die Sammlung in einem Forschungsprojekt weiter erschlossen werden. Der Grundstein dafür ist mit der Arbeit des Erfurter Historikers gelegt.

Abbildungen:

oben: Bibelübersetzung mit Holzschnitten. Hier: Illustration zum ersten
Buch der Makkabäer (Mcc 6,1–4) mit Darstellung der vergeblichen Belagerung von Elymais durch
den König Antiochus IV. Epiphanes aus der Dynastie der Seleukiden.

unten: Freiberger Butterbrief von 1492, die Bulle ›Ex suspecto servitutis officio‹ (Rom, 14. Juni 1492) von Papst Innozenz VIII., mit der sich darunter anschließenden Ablassverkündigung.

Weitere Informationen:

Ausstellung:
„Dem Vergessen entrissen! Spätmittelalterliche Bücherschätze aus Duderstädter Sammlungen. Von Butterbriefen, Aderlass und Seelenheil“
Heimatmuseum Duderstadt | Bei der Oberkirche 3 | 37115 Duderstadt
22. Juni 2018 bis 23. September 2018 | Freitag–Sonntag, 11–16 Uhr oder nach Vereinbarung

Begleitband:
„Dem Vergessen entrissen! Spätmittelalterliche Bücherschätze aus Duderstädter Sammlungen. Von Butterbriefen, Aderlass und Seelenheil“. Herausgegeben im Auftrag der Propstei St. Cyriakus Duderstadt, der Stadt Duderstadt und des Heimatvereins Goldene Mark e.V. von Sandra Kästner, Frank-Joachim Stewing, Monika Suchan und Monika Tontsch. Auswahl und Texte Frank-Joachim Stewing. Redaktion Sandra Kästner. Duderstadt: Mecke Druck und Verlag, 2018 (66 Seiten, zahlreiche Abb., ISBN 978-3-86944-184-9)
(zu beziehen via Heimatmuseum Duderstadt, über den Buchhandel bzw. über den Buchshop von Mecke Druck und Verlag)