Arbeitswelten der Zukunft, Wissenschaftsjahr

Arbeitswelten der Zukunft #10: Prof. Dr. Benedikt Kranemann – Die Zukunft der Berufe in der Wissenschaft

Das neue Wissenschaftsjahr des Bundesministeriums für Bildung und Forschung widmet sich 2018 dem Thema „Arbeitswelten der Zukunft“. Es soll „erkunden, welche Chancen sich eröffnen und vor welchen Herausforderungen wir stehen“. Forschung, Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur suchen gemeinsam nach Antworten auf Fragen zu den Arbeitsplätzen von übermorgen. Auch die Universität Erfurt beteiligt sich mit einer Beitragsreihe wieder am Themenjahr des BMBF und geht dabei aus geisteswissenschaftlicher Sicht der Frage auf den Grund, wie sich zukünftige Arbeitswelten gestalten werden. Welche Ängste bringen Digitalisierung und Robotik mit sich? Wie haben sich Berufe gewandelt, beispielsweise der Lehrerberuf, die Arbeit in Bibliotheken und Archiven oder die Tätigkeit des Forschers selbst? Was ist Arbeit überhaupt, etwa lediglich die Erwerbstätigkeit oder nicht doch alles, was uns im Leben prägt, von familiären und freundschaftlichen Beziehungen bis hin zur Muße? Welche Rolle spielen zukünftig Internationalisierung, Ehrenamt, ständige Leistungssteigerung und Work-Life-Balance? Und wie müssen sich Unternehmen verändern, um zukunftsfähig zu bleiben? Diese und weitere Fragen sollen in der Textreihe „Arbeitswelten der Zukunft – Beiträge der Universität Erfurt zum Wissenschaftsjahr 2018“ diskutiert werden.

Prof. Dr. Benedikt Kranemann ist Vizepräsident für Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs an der Universität Erfurt und Professor für Liturgiewissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät. In Teil zehn unserer Beitragsreihe geht er der Frage nach, ob Berufe in der Wissenschaft eine Zukunft haben und welche Faktoren dabei eine Rolle spielen werden.

Arbeitswelten der Zukunft sind ein Thema der Wissenschaften. Aber wie sich „Wissenschaft als Beruf“, so der Titel der berühmten Schrift Max Webers aus dem Jahr 1919, zukünftig entwickeln wird, ist zu selten Gegenstand der Debatte. Dabei hängt gerade von der Zukunft des Berufes der Wissenschaftlerin und des Wissenschaftlers viel für Gesellschaft, Kultur und Wirtschaft ab. Immer komplexere Lebensverhältnisse, die sich beschleunigende Globalisierung, in ihren Konsequenzen kaum abschätzbare ethische und ökonomische Fragen, vor denen die Menschheit steht, verlangen nach wissenschaftlicher Expertise. Wissenschaft ist ein Zukunftsfaktor, jede Investition in Perspektiven für wissenschaftliche Arbeit eine Zukunftsinvestition. Freie Wissenschaft ist eine Voraussetzung für eine freie, aber auch für eine prosperierende Gesellschaft. Aber wie wird sich, soweit sich das überhaupt abschätzen lässt, der Beruf des Wissenschaftlers oder der Wissenschaftlerin weiterentwickeln? Wie muss er sich sogar möglicherweise ändern, um den vielfältigen Herausforderungen, die an ihn gestellt werden, entsprechen zu können?

Die Berufe und Berufsfelder der Wissenschaft haben in den vergangenen Jahrzehnten rasante Entwicklungen durchlaufen. Einige Stichworte mögen genügen: für die Forschung beispielsweise der Zuwachs an Interdisziplinarität, Internationalität und vernetzter Forschung; die Bedeutung von Leistungsparametern, um erfolgreiche Forschung zu messen; die Omnipräsenz von Effizienz- und ökonomischen Kriterien; das mittlerweile zum Alltagsgeschäft gehörende Ringen um Drittmittel; für die Lehre insbesondere alle Umbrüche, die sich mit dem Bologna-Prozess verbinden. Veränderungen wissenschaftlicher Tätigkeiten in Forschung wie Lehre hat die Digitalisierung mit sich gebracht. Computer, Datenbanken, digitalisierte Quellen, die immensen Möglichkeiten des Internets für Recherche, Kooperation und Kommunikation haben die Welt der Wissenschaft und die damit verbundenen Berufe tiefgreifend beeinflusst. Es haben sich neue, attraktive Arbeitsmöglichkeiten für Forschung und Lehre entwickelt. Weil Daten, Quellen, Literatur immer schneller zur Verfügung stehen, kommt es auch zu einer Beschleunigung von Wissenschaft. Sie zeigt sich zum Beispiel in der Fülle der Publikationen, in der Kurzfristigkeit, mit der Gutachten erwartet werden, in der Dichte von Konferenzen und Tagungen.

Neue Themen, Fragen, Methoden und durchaus auch Arbeitsformen haben auf das Selbstverständnis von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern Einfluss, von denen vielfältigere Kompetenzen als noch vor wenigen Jahrzehnten verlangt werden. Es gibt einen deutlichen zahlenmäßigen Zuwachs des akademischen „Mittelbaus“ und entsprechender Stellen, der für die Attraktivität von Berufen in den Wissenschaften spricht, aber beispielsweise auch eine Konsequenz vieler und immer größerer Drittmittelprojekte ist. Vergessen werden darf nicht, dass aufgrund hochschulpolitischer Entscheidungen neue Karrierewege entstanden sind, beispielsweise der des Juniorprofessors oder der Juniorprofessorin. Anfänglich heftig umstritten, hat sich dieser Weg zur Professur mittlerweile etabliert. Ohne Probleme gehen solche Innovationen im Berufsfeld nie vonstatten, wie die Diskussion um den Tenure Track zeigt. Letztlich war und ist mancherorts immer noch die Frage, welche Belastungen mit einer Juniorprofessur verbunden sind und wie attraktiv eine solche Professur ist.

Was wird sich in der Zukunft tun? Wissenschaft ist nicht von der Gesellschaft abgekoppelt, in der sie stattfindet. So wird sich die Arbeit in der Wissenschaft mit den kulturellen und sozialen Kontexten und den Fragen der Zeit weiterentwickeln. Die Digitalisierung wird weitergehen und wissenschaftliches Arbeiten und seine Arbeitstechniken, letztlich das Berufsfeld insgesamt permanent verändern. Die zunehmende Bedeutung von Open Access, bislang mehr Verheißung als schon wirklich überzeugende Praxis, ist nur ein Beispiel dafür, wie sich Publikationsformen, damit vermutlich Darstellungsformen, Leseverhalten, wissenschaftliche Debatten, Zugänglichkeit von Wissenschaften etc. zukünftig gestalten könnten. Genau kann niemand sagen, wie im Detail die Digitalisierung Berufe und vor allem Tätigkeiten der Wissenschaften betreffen wird.

Die Digitalisierung ist zugleich ein gutes Beispiel, welche neuen Fragen auf alle Wissenschaften zukommen. Nach einigen Prognosen könnten innerhalb der EU in manchen Regionen bis zu 40 % der Arbeitsplätze durch Digitalisierung verlorengehen. Und die neue EU-Datenschutzverordnung (DSGVO) macht auf Probleme infolge der Digitalisierung aufmerksam. Wissenschaften werden sich nicht nur immer mehr der Möglichkeiten der Digitalisierung bedienen, sondern sie auch kritisch begleiten und ihre Auswirkungen im Positiven wie im Negativen reflektieren müssen. Gerade den Wissenschaften kommt in einer Welt, die immer komplexer wird und für den Einzelnen kaum mehr durchschaubar ist, die Aufgabe zu, Entwicklungen, wie sie sich für die Gesellschaft wie für den Einzelnen beispielsweise mit der Digitalisierung ergeben, sachlich darzustellen, zu reflektieren und kritisch zu begleiten.

Man wird die Gesellschaft nicht vor den „Pluralitätszumutungen“ der Gegenwart, von denen jüngst DFG-Präsident Peter Strohschneider gesprochen hat, bewahren können. Populistischen Vereinfachungen, von welcher Seite auch immer sie vorgetragen werden, wird man etwas entgegensetzen müssen. Die Komplexität vieler sozialer, kultureller, ethischer Problemstellungen transparent und verständlich zu machen, ist eine gesellschaftliche Aufgabe von Wissenschaft und ihrer Berufe. Wissenschaft muss folglich unbequem sein, und dies in Zukunft noch viel stärker als bislang. Max Weber hat das in erwähntem Aufsatz für die Lehre durchbuchstabiert: „Wenn jemand ein brauchbarer Lehrer ist, dann ist es seine erste Aufgabe, seine Schüler unbequeme Tatsachen anerkennen zu lehren, solche […], die für seine Parteimeinung unbequem sind; und es gibt für jede Parteimeinung […] solche äußerst unbequeme Tatsachen.“ Wissenschaft als Gesprächspartner der Gesellschaft muss eine vergleichbare Rolle einnehmen, wenn sie für die Gesellschaft von Nutzen sein soll.

Die Pluralität der Lebensverhältnisse und ihre Herausforderungen, auch beispielsweise die damit verbundene Komplexität der Informationsfülle und die Diversität der Problemstellungen verlangen immer weiter nach Interdisziplinarität und vernetzter wissenschaftlicher Arbeit. Das gilt ebenso für Geistes- und Kulturwissenschaften. Deshalb sind mehr und mehr Forschergruppen, Nachwuchskollegs, Graduiertenkollegs, in denen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen gemeinsam an Forschungsfragen arbeiten, attraktiv geworden. Exzellente Interdisziplinarität setzt die Brillanz der einzelnen Forscherinnen und Forscher voraus. Die Arbeitsverfahren werden aufwendiger und komplizierter. Zukunft von Wissenschaft als Beruf verlangt neue Wege vernetzter Arbeit. Dabei ist die Arbeit im Team vermutlich unverzichtbar, und das wird für alle Disziplinen gelten.

Wissenschaft muss sich zunächst auf die eigenen Fragen und Themen konzentrieren. Sie braucht dafür die entsprechenden Zeit- und Freiräume. Der Literaturwissenschaftler Hans-Ulrich Gumbrecht aus Stanford hat kürzlich von der notwendigen „Kontemplation“ für wissenschaftliche Arbeit gesprochen. Das kann man nur unterstreichen. Daneben wird es aber zunehmend Aufgabe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern werden, die eigenen Forschungsanliegen wie -ergebnisse der Gesellschaft zur Verfügung zu stellen. Wenn die Wissenschaften offen zur Gesellschaft sein sollen, wird es neue Wege der Wissenschaftskommunikation in die Öffentlichkeit hinein geben müssen. Das nimmt der Wissenschaftlichkeit nichts, sondern entwickelt sich vielmehr zu einem eigenen Qualitätsmerkmal von Wissenschaft. Wenn Wissenschaften etwas zu den erwähnten Problemfeldern beitragen wollen, ist die Kommunikation ihrer Erkenntnisse ein Teil der Forschungsarbeit. Neben klassischer Hochschulkommunikation können die „neuen“ Medien, aber auch neue Publikations- und Diskursformate, die Komplexes verständlich präsentieren, eine Rolle spielen. Wichtig wird dabei sein, sich der Verantwortung von Wissenschaft in der und für die Gesellschaft bewusst zu sein. Das wird mehr denn je zum Berufsethos gehören.

Das alles setzt aber voraus, dass Wissenschaft als Beruf attraktiv bleibt. Hier müssen mit Blick auf die Zukunftschancen von jüngeren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern große Frage- wie Rufzeichen gesetzt werden. Es gibt mittlerweile vielfältige Wege zur Promotion, zur  Habilitation oder zum „zweiten Buch“. Danach aber droht oftmals große Unsicherheit, wie es mit der wissenschaftlichen Karriere weitergeht. In einem Berufsfeld, das wesentlich davon lebt, dass in kompetitiven Verfahren die Bestqualifizierten „berufen“ werden, ist solche Unsicherheit nie auszuschließen, denn der Wettbewerb gehört zum System. Die Gefahr prekärer Arbeitsverhältnisse in der Wissenschaft aber ist das eigentliche Problem. Wenn es für jüngere, hoch qualifizierte Forscherinnen und Forscher keine angemessenen Berufsperspektiven gibt oder auch nur der Eindruck entsteht, dass es sie nicht gibt, ist der Schaden immens. Hier muss sich jede einzelne Hochschule bemühen, ist aber vor allem die Hochschulpolitik gefragt. Nicht zuletzt stellt sich immer auch die Frage, wie sich der Beruf des Wissenschaftlers beispielsweise mit Kindern und Familie vereinbaren lässt. Hier ist viel in den vergangenen Jahren geschehen. Aber entsprechende Bemühungen dürfen nicht nachlassen, wenn Wissenschaft als Beruf attraktiv bleiben soll. Keine Frage: Wissenschaft als Beruf hat eine Zukunft. Aber sie muss gestaltet werden, um wirklich attraktive Perspektiven für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wie für die Gesellschaft zu bieten.

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