Tessa Rajak

Willkommen, welcome: Tessa Rajak ist Fellow am Research Centre „Jüdische Studien“

Tessa Rajak ist emeritierte Professorin für Antike Geschichte der Universität Reading, Senior Research Fellow am Somerville College in Oxford und Mitglied der Judaistik-Einheit des Orient-Instituts in Oxford. Was die namhafte Historikerin jedoch kürzlich nach Erfurt führte, ist vor allem ihre Rolle als Fellow am Research Centre „Dynamik ritueller Praktiken im Judentum in pluralistischen Kontexten von der Antike bis zur Gegenwart“ des Max-Weber-Kollegs der Uni Erfurt. Als Mitglied der Kernforschergruppe nutzte Sie ihren Besuch, um für ihr aktuelles Forschungsprojekt über das vierte Buch der Makkabäer zu recherchieren und sich mit den anderen Wissenschaftlern und Fellows des Kollegs darüber auszutauschen. Eine Kurzvorstellung:

Einfach gesagt: Wie würden Sie einem Kind Ihr jetziges Forschungsprojekt erklären?
Eigentlich sollte ich über meine derzeitige Forschung gar nicht mit Kindern reden! Das Buch, das ich gerade untersuche, bekannt als das 4. Buch der Makkabäer, ist ein griechisch-sprachiger, jüdischer Text, der irgendwo im östlichen Mittelmeerraum zur Zeit des Römischen Reiches verfasst wurde – und der eine ganz tragische und furchtbare Geschichte erzählt. Er ist letztlich eine Ermutigung, sich eher selbst das Leben zu nehmen, als unter Druck seine eigene Religion zu verleugnen oder auf Befehl gegen seine Prinzipien zu handeln. Die Geschichte handelt von sieben Brüdern, ihrer Mutter und ihrem alten Lehrer. Einer nach dem anderen stirbt, und sie alle werden bis zu ihrem Tod gefoltert, abgesehen von der Mutter, die freiwillig ins Feuer springt. Das Bild des Märtyrertums hat hier griechische, römische und jüdische Wurzeln und leitet über zu den christlichen Märtyrern. Es ist eine wichtige Überlieferung und ich bin froh, dazu forschen zu können, auch wenn es ein verstörendes Thema ist. Ich hatte sogar schon einen Studenten, der es so sehr hasste, dass er sich weigerte, den Text noch einmal zu lesen.

Was hat Sie in Ihrer Forschung vorangetrieben?
Im Laufe meiner Karriere habe ich viel über den berühmten jüdischen, griechisch-römischen Historiker Flavius Josephus geschrieben. In frühen Manuskripten wird ihm die Autorenschaft des 4. Buchs der Makkabäer zugeschrieben. Ich selbst konnte mir nie vorstellen, dass Josephus dieses eigenartige Buch geschrieben hat; es gibt eindringliche Hinweise darauf, aber auch Widersprüchliches. Das hat mich interessiert, denn dem ist noch nie jemand auf den Grund gegangen.

Welches jüdische Ritual fasziniert Sie am meisten?
Das Anzünden der neun Hanukkah-Kerzen. Das Fest hat acht Tage und jeden Abend wird eine weitere Kerze angezündet bis alle brennen. Die neunte Kerze fungiert als Feuerquelle, um die anderen Kerzen zu entzünden. Der Leuchter sieht so wunderbar in der letzten Nacht aus, wenn alle Kerzen brennen. Viele stellen ihn ins Fenster, es werden dann eine spezielle Hymne und andere hebräische Lieder gesungen und frittierte Sachen wie süße Donuts oder Zwiebel- und Kartoffelkuchen gegessen. Diese Mahlzeiten gehören zur jüdischen Tradition der Aschkenasim aus Zentraleuropa, während es in der Tradition der sephardischen Juden, vor allem aus Spanien und dem östlichen Mittelmeerraum, andere Gerichte gibt. Es werden Spiele gespielt mit dem “Treidel”, einem Kreisel mit hebräischen Buchstaben, und der Gewinner erhält das gesamte eingesetzte Kleingeld. Heutzutage bekommen die Kinder außerdem Hanukkah-Geschenke, häufig ein kleines jeden Abend, sodass auch sie dieses Ritual lieben. Das Fest an sich feiert den militärischen Sieg der Makkabäer, es findet im Dezember statt und fällt manchmal genau auf Weihnachten.

Kurz und knackig: Ihr Forscheralltag in drei Worten?
Immer etwas Neues!

Mal in die Zukunft gesponnen: Welche Fragestellungen könnten die Ritualforschung in zehn Jahren beschäftigen?
Ich glaube, Ritualstudien werden sich zunehmend mit anderen Forschungsansätzen zu Religion und Gesellschaft verflechten und eine stärkere Rolle im Verständnis darüber, wie Kommunikation funktioniert, einnehmen.

Vom Angelurlaub bis zur Zahnseide: Was ist Ihr persönlich „heiligstes“ Ritual?
Ich komme aus England, also: eine Tasse Tee trinken!

VIP: Welcher jüdische Gelehrte hat Sie im Leben geprägt und warum?
Der Archäologe Yigal Yadin hat ikonische Orte in Israel zum Leben erweckt, beispielsweise Masada und Hazor in Galiläa. Ich hatte das Glück, an seiner berühmten Masada-Ausgrabung teilnehmen zu können. Das war eine unvergessliche Erfahrung, auch weil er so charismatisch ist. Seine gewagten und emotionalen Interpretationen werden heute von einigen kritisiert, aber häufig stellten sich seine brillanten Auswertungen als richtig heraus. Yadin war Soldat und Staatsmann, das Bild eines vielseitigen Menschen, von denen es heute nicht mehr genug gibt.

Ein abschließendes Wort: Ohne Rituale wäre die Welt…
…düster und sinnlos.

 

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