Prof Dr Juergen Martschukat

Excellenzcluster-Antrag zur Adipositas: „Wenn wir unsere Perspektiven zusammenbringen, können wir neue Synergien schaffen“

Im Februar 2018 hat die Universität Leipzig einen Vollantrag für das Exzellenzcluster „Adipositas verstehen“ in der Exzellenzstrategie des Bundes und der Länder eingereicht. Am Antrag beteiligt ist neben Prof. Dr. Constanze Rossmann und Dr. Nina Mackert auch Jürgen Martschukat, Professor für nordamerikanische Geschichte an der Universität Erfurt, der seit vielen Jahren zu den Themen Ernährung, Gesundheit und soziale Ordnung in der Moderne forscht. Das Projekt „Adipositas verstehen“ verfolgt einen interdisziplinären Ansatz, der die Medizin mit den Sozial- und Geisteswissenschaften verbindet. Denn Ursachen und Folgen von Adipositas sind kein rein medizinisches Thema, sondern eingebettet in unsere Kultur und Gesellschaft. Die Forscher widmen sich damit einem sehr aktuellen Thema, denn krankhaftes Übergewicht ist eines der wesentlichen Gesundheitsprobleme unserer Gesellschaft. Zu den vielfältigen Herausforderungen und offenen Fragen im Hinblick auf Prävention und Therapie wollen die Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen Ideen und Antworten liefern. Wir haben mit Prof. Jürgen Martschukat darüber gesprochen, welchen Einfluss historische Umbrüche auf Körperbilder, Ernährungsgewohnheiten und ganze Kulturen haben…

Wie haben sich Körperbilder im Laufe der Zeit verändert?
Das ist eine sehr große Frage. Die Vorstellung eines leistungsfähigen, schlanken und athletischen Körpers und dass wir selbst für ihn verantwortlich sind, kann man bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen. Die Idee, dass wir für unseren Körper selbst verantwortlich sind, ist stark mit der Profilierung liberaler Gesellschaften verknüpft. Doch die große Sorge um das zunehmende Dicksein beobachten wir besonders deutlich seit den 1970er-Jahren in den westlichen Bevölkerungen.

Welche Auswirkungen haben diese Körperbilder auf unser Denken und Handeln?
Schauen wir zum Beispiel erfolgreiche Unternehmer an, in den USA nennt man sie „fat cats“, also fette Katzen. Die sind heutzutage nicht mehr dick, sondern schlank und haben am besten ein Laufband im Büro. Natürlich gibt es nach wie vor auch noch dicke Unternehmer, aber heutzutage steht Schlanksein für Erfolg. Zugleich stößt Dicksein auf weniger Ablehnung, wenn man erfolgreich ist. Die Koppelung von Körperform und ihrer Bedeutung an Schicht- oder Klassenzugehörigkeit ist sehr wirkmächtig. Dick und arm sein, gilt als Zeichen des Scheiterns. Dick und reich sein, ist heute auch nicht mehr so gut, wird aber gesellschaftlich eher akzeptiert.

Welche Phänomene beobachten Sie aktuell?
Vor allem Befindlichkeiten rund um das Essen haben in vergangenen Jahrzehnten massiv zugenommen. Dabei ist das Bedürfnis – und geradezu das Begehren – sich gut und richtig zu ernähren normativ sehr aufgeladen: Bestimmte Dinge zu essen ist gut, andere Dinge zu essen ist schlecht und gilt als Zeichen falscher Entscheidungen. Wir können auch beobachten, dass sich die Sorge um bestimmte Stoffe in der Nahrung historisch ändert: Nehmen wir beispielsweise die Angst vor Fett. Eine Weile galt fettige Nahrung als Hauptverursacher für die Ansammlung von Körperfett. In den vergangenen Jahren hat sich aber die Perspektive darauf verändert. Heute ist der Blick mehr auf Zucker gerichtet. Es gibt also historische Konjunkturen, die mit Wahrnehmungsweisen, aber auch mit anderen Dingen wie der Agenda der Nahrungsmittelindustrie zu tun haben.

Sie haben in den vergangenen Jahren viel zu Fitness geforscht. Wie hat sich dieser Begriff bis heute gewandelt?
Der Begriff der Fitness verändert sich im 19. Jahrhundert. Zunächst war Fitness ein ganz statisches Konzept. Abgeleitet aus dem Englischen „to fit into something“, also in etwas hineinpassen, ging es damals eher um ästhetische, aber auch um gesellschaftliche Fragen: Was und wer passt am besten wozu? Jedenfalls war da nicht von Veränderung oder Anpassung des Körpers die Rede. Die Idee, dass Fitness auch bedeutet, sich fit zu machen und eine Art von Leistungsfähigkeit durch konstantes Arbeiten an sich zu schulen und zu erhalten, das hat sich erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begonnen herauszubilden. Hier war der Darwinismus und dessen Rezeption in den Sozialwissenschaften, in Gesellschaft und in der Politik wichtig.

Ist jeder Adipöse zugleich immer auch nicht fit?
Hier spielen die Körperbilder wieder mit rein: Adipös sein heißt gemeinhin, als nicht fit und leistungsfähig angesehen zu werden. Das ist gleichzeitig wieder mit einem Vorenthalten von Anerkennung verbunden, einer Form der Stigmatisierung adipöser Menschen. Die Eindeutigkeit der Verbindung, übergewichtig ist gleich unfit, wird in der letzten Zeit differenzierter betrachtet und verstärkt hinterfragt. Hier setzen auch neuere Forschungsgebiete wie die Fat Studies an und versuchen, einen Gegenpol zu bilden. Wir als Historiker haben es da gut: Ich will die Frage gar nicht entscheiden, ich will sie problematisieren und zeigen, dass sie nicht immer so gestellt wurde und wie sie historisch entstanden ist.

Wie könnte ein mögliches Exzellenzcluster dabei helfen?
Im Cluster wird gerade das extrem spannend: mit Kollegen und Kolleginnen aus den Lebenswissenschaften intensiv zusammenzuarbeiten und genau diese Fragen zu diskutieren. Wir blicken von ganz unterschiedlichen Positionen auf dieses Thema. Während ich untersuche, wie Probleme zu allererst als Probleme entstanden sind, will die Medizin das Problem analysieren und gleich lösen. Wenn wir unsere Perspektiven zusammenbringen, können wir neue Synergien schaffen. Wir sehen ja alle, wie die jeweiligen disziplinären Denkweisen bei Adipositas an ihre Grenzen stoßen. Ein gemeinsames Nachdenken kann da extrem fruchtbar sein, um besser zu verstehen, was da passiert. Medizinische Forschung besser zu kennen und zu verstehen wird mir helfen, meine körperhistorischen Fragen anders und besser zu stellen. Und wenn man weiß, wie sich etwas historisch entwickelt hat, kann man möglicherweise auch medizinisch anders reagieren.