„Wir rejustieren unsere gesellschaftliche Rolle“

Die Universität Erfurt plant zum Wintersemester 2018/19 ein neues Master-Angebot: „Globale Kommunikation: Politik und Gesellschaft“ – einen vorwiegend englischsprachigen Studiengang. „WortMelder“ sprach mit Prof. Dr. Patrick Rössler und Prof. Dr. Kai Hafez, zwei Kommunikationswissenschaftlern, die maßgeblich an der Entwicklung beteiligt waren…

Warum braucht die Uni einen neuen kommunikationswissenschaftlichen Studiengang und was kann das re-akkreditierte Angebot, was das alte nicht konnte?
Patrick Rössler: Der Master „Globale Kommunikation: Politik und Gesellschaft“ ist eine Weiterentwicklung und Re-Akkreditierung unseres aktuellen Masters „Kommunikationsforschung: Politik und Gesellschaft“. Damit setzen wir eine innovative Entwicklungslogik fort: Denn schon mit der Einführung des noch laufenden Masters haben wir uns vom oft anzutreffenden Medienzentrismus der Kommunikationsforschung gelöst und auch nicht-mediatisierte Kommunikation und die „kommunikationsökologischen“ Wechselwirkungen in Politik und Gesellschaft berücksichtigt.

Also ist das neue Angebot am Ende der konsequente nächste Schritt?
Kai Hafez: Ja, denn der war aus unserer Sicht, diese Perspektive auch auf internationale Vergleiche zu übertragen und damit die globale Öffnung unseres Studienangebots, aber auch der Universität Erfurt und nicht zuletzt der deutschen Kommunikationswissenschaft voranzutreiben. Denn hier besteht aktuell noch Entwicklungsbedarf. Die international vergleichende Kommunikationsforschung ist nach wie vor eher eine Nische der deutschen Kommunikationswissenschaft und englischsprachige Studiengänge sind zudem in Deutschland immer noch rar.

Aber das neue Angebot wirf den bisherigen Master Kommunikationsforschung nicht völlig über den Haufen, oder?
Patrick Rössler: Nein, wir erhalten damit einerseits erfolgreiche Elemente des Studiums der Kommunikationsforschung aufrecht – z.B. unsere Forschungsorientierung, den möglichen Fast-Track zur Promotion, die Ausbildung in Methoden und die genannte Berücksichtigung nicht-mediatisierter sozialer und politischer Kommunikation. Durch die Internationalisierung sowohl in den Inhalten als auch in der gesamten Lehr- und Lernatmosphäre wollen wir aber andererseits ein attraktiveres und zukunftsweisendes Angebot schaffen, das in Deutschland in dieser Form einmalig ist. Mit den Veränderungen nehmen wir auch unsere gesellschaftliche Verantwortung als Kommunikationswissenschaftler ernst und rejustieren unsere gesellschaftliche Rolle. Denn wir stehen heute ja weltweit vor ähnlichen kommunikativen Herausforderungen. Wir denken, dass das Erklären und Verstehen der Medien- und Gesellschaftsentwicklung von globalen Perspektiven nur gewinnen kann. Zum Beispiel ist der Rechtsruck in demokratischen Systemen kein rein deutsches Problem und mit Entwicklungen im westlichen Journalismus und der öffentlichen Kommunikation verbunden, die wir besser verstehen müssen, um die Fundamente demokratischen Miteinanders zu stärken. Manchmal sind uns gerade in Fragen der Integration und Diversität andere Länder und Regionen voraus. Man kann also durch Vergleiche auch aus den Erfahrungen anderer lernen. Zugleich müssen wir aber auch sensibler mit der eigenen Weltbetrachtung werden und neben den vielen Ähnlichkeiten auch Unterschiede richtig einordnen können. Dazu zählt eine zusätzliche Ausbildung in vergleichenden Theorien und Methoden, die es bisher nicht gab.

Können Sie konkrete Beispiele nennen?
Kai Hafez: Ja sicher, beispielsweise hat Facebook eine ganz andere Bedeutung in Indonesien als in Deutschland, wie wir selbst schon mit Studierenden und mit Forschern aus Deutschland und Indonesien festgestellt haben. Der Straßenprotest in Kairo oder New York ist anders zu bewerten als der in Erfurt. Und um bei Erfurt zu bleiben: Hier zeigt sich ein Teil der Zivilgesellschaft, ähnlich wie an anderen Orten in Deutschland, mit dem multikulturellen gesellschaftlichen Miteinander überfordert. Globale Migration – Globalisierung also, die gewissermaßen nach Hause kommt – sorgt für reichlich Verunsicherung bis hin zu gestärktem Rassismus. Das sind Irritationen und Verständigungsprobleme in den Prozessen der politischen und interkulturellen Kommunikation. Gerade hier müssen wir als Wissenschaftler vorausgehen, was bisher nicht befriedigend gelungen ist. Wir müssen die Störungen und Potenziale der Weltkommunikation durchschauen, um Politik und Gesellschaft besser beraten können. Dafür brauchen wir aber eine gezielte Ausbildung, die wir jetzt mit dem Master „Globale Kommunikation: Politik und Gesellschaft“ schaffen wollen. Unsere Studierenden werden hier fortan systematisch darauf vorbereitet, globale Zusammenhänge als Kommunikationswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler zu verstehen und diese Kompetenzen auch in die Gesellschaft, in Politik und Wirtschaft zu tragen.

Braucht es dafür nicht auch Veränderungen in der Lehre an sich?
Patrick Rössler: Ja, auch hier gibt es eine Weiterentwicklung: Bisher konnten Studierende den Wissenstransfer vor allem in der akademischen Lehrpraxis erproben. Wir gehen jetzt einen Schritt weiter zur akademisch fundierten Kommunikationsberatung für Politik und Gesellschaft. Viele Organisationen und Institutionen – vom Auswärtigen Amt über Kultur- und Bildungseinrichtungen bis hin zu Hilfsorganisationen – müssen heute zugleich lokal wie auch global kommunizieren und haben dabei viele Herausforderungen zu bewältigen. Die Fähigkeit, hier sinnvolle Beratung zu leisten, ist deshalb ein sehr zeitgemäßer Kompetenzzuschnitt für unsere Studierenden.

Kai Hafez: Unser Credo, international versierte Experten für globale Kommunikation auszubilden, stößt übrigens auch bei Kollegen aus dem Ausland auf positive Resonanz. Prof. Yahya Kamalipour, der u.a. von den USA aus die Global Media Journals gegründet hat, hat dies ganz ähnlich mit Blick auf den Studiengang formuliert: „The global community needs experts who can help institutions, governments, and agencies to navigate through our increasingly complex global environment“. Auch Prof. Lilie Chouliaraki, eine geschätzte Kollegin von der London School of Economics and Political Science (LSE) in London, sieht unser Angebot hier in Erfurt „at the forefront of its field“ und unterstreicht ganz in unserem Sinne, dass wir heute nicht mehr nur lernen müssen, wie wir weltweit vernetzt sind, sondern eben auch, inwiefern wir durch Medien und Kommunikation auch „disconnected“, also getrennt werden können. Die Zukunftsfähigkeit des Programms bestätigen darüber hinaus auch Kollegen aus Indonesien, mit denen wir in den vergangenen Jahren kooperiert haben, etwa Prof. Deddy Mulyana, früherer Dekan der renommierten kommunikationswissenschaftlichen Fakultät in Bandung, Indonesien oder Prof. Naila Hamdy von der American University in Kairo. Von dort bekommen wir viel Bestätigung für unser Ziel, ein attraktives Angebot sowohl für Studierende aus Deutschland als auch aus dem Ausland anzubieten. Prof. Naila Hamdy betont auch die beruflichen Chancen, die sich durch die interkulturelle Ausbildung später im Bereich der Forschung, der Medienpraxis oder anderen angewandten Bereichen ergeben können. Sie sagte wörtlich: „Such a degree would be of interest to many students from the Middle East who will find that such an international approach would be of utmost benefit for their future careers.“

Ein guter Ausgangspunkt für den Start im Wintersemester also…
Patrick Rössler: Ja, mit dem positiven Echo, dass unser re-akkreditierter Studiengang international ausgelöst hat, getragen durch die wunderbare Unterstützung durch das Präsidium der Universität Erfurt, das Internationale Büro, die Philosophische Fakultät und die anderen Kolleginnen und Kollegen unseres Seminars für Medien- und Kommunikationswissenschaft freuen wir uns über und auf die Möglichkeit und Aufgabe, hier in Mitteldeutschland die Internationalisierung zu fördern.