Prof. Dr. Sandra Tänzer

Hochschullernwerkstätten-Tagung an der Uni Erfurt: „Wir sind sehr glücklich über die vielen Ideen“

An der Universität Erfurt ist heute die 11. Internationale Fachtagung der Hochschullernwerkstätten zu Ende gegangen. Dabei standen diesmal „Lernwerkstätten im Spannungsverhältnis zwischen Individuum, Gemeinschaft, Ding und Raum“ im Mittelpunkt. „WortMelder“ sprach mit Prof. Dr. Sandra Tänzer, einer der Organisatorinnen der Tagung, über die Ergebnisse…

Frau Prof. Tänzer, welche Chancen bieten Lernwerkstätten im Blick auf die Entwicklung des Einzelnen?
Lernwerkstätten an Hochschulen sind ganz unterschiedlich konzeptionell ausgerichtet. Je nach Profilierung können sie sich eher als Labore mit experimentellem Charakter, Lernwerkstätten zum Entdecken, Erproben, aktivem Erkunden oder als Forschungswerkstätten verstehen. Und entsprechend bieten sie je nach Profil und Schwerpunktsetzung auch unterschiedliche Entwicklungspotenziale für Studierende. An der Uni Erfurt haben Studierende und Dozierende bestimmte Erwartungen an die hiesige Hochschullernwerkstatt formuliert, in denen die mit einer Lernwerkstatt verbundenen Chancen ganz gut zum Ausdruck kommen: Sie soll kollektivieren, d.h. Beziehungen stiften und intensivieren zwischen Studierenden unterschiedlicher Fächer, Dozierenden und Studierenden unterschiedlicher Fachbereiche. Sie soll den Blick „über den Tellerrand“ ermöglichen und Fähigkeiten des flexiblen Umgangs mit (auch ungewissen) Situationen fördern und damit auch auf gesellschaftliche Herausforderungen berufsunspezifischer Art vorbereiten. Sie soll dazu anregen, dass sich Studierende mit weniger Themengebieten umfangreicher, länger und intensiver beschäftigen. Sie soll ästhetische Erfahrungen ermöglichen, indem mehrere Sinne angesprochen werden, sinnliche Wahrnehmung und kognitive Reflexion und Bewertung Hand in Hand gehen, in dem interessante Gegenstände Interesse wecken, die Raumgestaltung mitbestimmt und verändert werden kann. Und sie soll als geschützter Raum fungieren, in dem Lehramtsstudierende durch das Erleben und Reflektieren des eigenaktiven, selbstbestimmten Lernens am eigenen Leibe in die Lage versetzt werden, Lernwerkstattarbeit auch im schulischen Alltag umsetzen.

Wir schließen an diese Erwartungen mit einem Lernwerkstattkonzept an, an dem sich die Veranstaltungen ausrichten, ein Konzept, das erfahrungsorientiertes und situiertes Lernen von Studierenden fördert und sie sensibilisiert für die Materialität und Ästhetik von Lern- und Bildungsprozessen. Auffällig ist, dass in den von Studierenden und Dozierenden formulierten Potenzialen die Lernwerkstatt weniger als Raum des Erwerbs ganz konkreter fachlicher, fachdidaktischer oder auch pädagogischer Kompetenzen für das spätere Berufsleben modelliert wird, sondern es geht eher um den Weg des Lernens. Lernwerkstattanegbote ermöglichen Individualität,  Freiraum und Freiheit für Selbst- und Mitbestimmung, für individuelle Neugier, für Zufälle und Zweifel, für Begegnungen und intensive Hingabe zu einer Sache – Merkmale, wie sie Bildungsprozesse auszeichnen.

Eine Lernwerkstatt eröffnet die Chance, in und mit ihren Angeboten Ausbildung und Persönlichkeitsbildung zu verknüpfen. Man muss allerdings auch dazu sagen, dass in der Frage, was eine Lernwerkstatt hier tatsächlich einzulösen vermag, noch wenig Forschung vorliegt. Die Frage der Wirkungen ist eine der zwei Fragestellungen in unserem Projekt im Rahmen des QUALITEACH-Vorhabens an der Universität Erfurt.

Mit welchen Herausforderungen haben Lernwerkstätten denn dabei zu kämpfen?
Hier möchte ich ganz konkret bei unserer Hochschullernwerkstatt bleiben und mich auf eine Ebene beschränken, über die wir durch die Begleitforschung im Rahmen der Evaluation erste empirische Befunde haben: Wie handeln Studierende in Lernwerkstattseminaren? Wir stellen fest, dass Studierende Werkstattseminare als Differenzerfahrung zu ihrem gewohnten Studienalltag wahrnehmen; sie sind mit ihrer ganzen Person in den Werkstattseminaren herausgefordert. Immer wieder wird deshalb in den begleitenden Gruppendiskussionen das Werkstattlernen wie eine seltene Speise beurteilt, die man aufgrund der Freiräume für Individualität und Selbstbestimmung durchaus schätzt, sich aber nicht immer leisten kann und will, weil man immer wieder aktiv dabei ist, selbst seinen Plan zu machen gezwungen ist, Verantwortung für das eigenen Lernen und dessen Ergebnis übernehmen muss – und das ist anstrengend, zeitintensiv und beunruhigt. Es beunruhigt auch deshalb, weil die Hochschullernwerkstatt nicht losgelöst von universitären Strukturen, deren systemimmanenten Regeln, Normen und Werten betrachtet werden kann – und damit von Kontroll- und Bewertungsmechanismen, Machtstrukturen und Hierarchien oder auch der Norm, dass sich der Wert des Studiums mit seinen Leistungspunkten und der damit verbundenen Arbeitszeit ausschließlich in der Qualifizierung für das spätere Berufsleben spiegelt, ohne dieser biografisch bedeutsamen Phase einen Eigenwert zuzusprechen. Und dieser letzte Punkt ist auch einer, der uns als Projektteam herausfordert: Wir suchen nach Wegen und Möglichkeiten, die Hochschullernwerkstatt als einen Ort informellen Lernens bekannter zu machen, einen Ort, wo Studierende auch außerhalb von Seminaren und Credit points in der Gemeinschaft zusammenkommen, Fragestellungen nachgehen, mit anderen diskutieren und ihr Wissen teilen.

Wie können kollektive Lernprozesse eigentlich durch Lernwerkstätten gefördert werden?
Diese Fragestellung ist eine, die wir auch im Projekt erforschen   Zunächst bieten Lernwerkstätten die räumlichen Gegebenheiten, um kollektive Lernprozesse zu unterstützen. So sprechen Erfurter Studierende in Interviews davon, dass die Lernwerkstatt gut geeignet für Gruppenarbeiten sei, weil sie nicht nur räumlich Freiraum bietet, sondern auch das Interieur variabel und flexibel ist: Leicht bewegliche und verstellbare Arbeitsplätze bieten die Möglichkeit, Gruppenarbeiten jederzeit zu initiieren und Gruppengrößen anzupassen. Neben den räumlichen Gegebenheiten spielt die didaktische Konzeption von Lehrveranstaltungen eine entscheidende Rolle. In der Erfurter Lernwerkstatt ist das Arbeiten im Team Teil des Gesamtkonzepts und damit Grundlage aller Seminarvarianten, die dort von den unterschiedlichsten Fachbereichen angeboten werden und damit eben auch die Kompetenz der Studierenden für kollektives und kollaboratives Arbeiten fördern. Wir haben darüber hinaus erste empirische Befunde, dass kollaboratives Lernen positive Auswirkungen auf die Erschließung der eigentlichen Seminarinhalte hat. In informellen Lernsettings scheint es sogar ein natürlicher Prozess zu sein, dass die Studierenden im Kollektiv arbeiten. Ganz automatisch finden sie sich in Gruppen zusammen, stellen sich die Tische so, wie sie benötigt werden, und beginnen zu arbeiten und zu diskutieren.

Welche Materialien spielen in Lernwerkstätten eine besondere Rollen, gibt es da Trends?
Allgemein ist vorwegzunehmen, dass unser Alltag bevölkert ist von einer Vielzahl an Dingen und Technologien, zu denen wir unterschiedliche Beziehungen pflegen. Wir diskutieren darüber häufig in unserem Projektteam der Hochschullernwerkstatt. Mein Kollege Marc Godau verweist in diesem Zusammenhang  u.a. auf das Beispiel des eigenen Teddybären, der uns getröstet hat, oder des Lieblingsfüllers, auf unsere Beziehung zum Smartphone oder auf die Brille. Wie wichtig solche Dinge werden, erkennen wir meist erst im Fall ihres Verlustes. Lern- und Bildungserfahrungen machen wir mit den Dingen vor allem dann, wenn die Reibungslosigkeit verlorengeht oder wenn sie um- und fehlgenutzt werden. Daneben gilt es aber auch, die Besonderheit des Dings zu erkennen: Jedes Ding ist einzigartig, kann kein anderes ersetzen. Das hat auch seine Bewandtnis für Lehrerpersonen. Beispielsweise sind Tafel und Smartboard unvergleichlich, obwohl oftmals letztes als Tafelersatz genutzt wird. Aber ist es nicht gerade die Frage nach dem Mehrwert, der uns dazu verpflichtet, der Einzigartigkeit von Dingen oder alten und neuen Technologien nachzuspüren? Speziell sehen wir, dass Materialien seit jeher einen besonderen Stellenwert in Lernwerkstätten haben. Hier denken wir nicht nur an die Arbeitsmaterialien wie Scheren, Stifte, Laminiergeräte usw., die Studierenden in der Lernwerkstatt zur Verfügung stehen. Wir denken auch an die vielen Dinge, die es in der Lernwerkstatt zu entdecken gibt, die zum Anfassen, Denken und Ausprobieren anregen. Dazu zählen Musikinstrumente, Digitaltechnologien oder Spiele für diverse Zielgruppen und Lernmaterialien für den Unterricht. Beispielsweise berichten Studierende, wie sie durch die Regale schauen und sich anregen lassen, die darin befindlichen Dinge, Objekte oder Artefakte herauszunehmen und sich von besonderen Qualitäten überraschen oder irritieren zu lassen. Zum anderen lebt die Lernwerkstatt auch von vielen selbsterstellten Objekten, von Lernmaterialien, die Studierende in Eigenregie oder in Seminaren entwickelt haben. Darin liegt eine Chance, das eigene Lernverständnis zu reflektieren und sich in die Nutzer solcher Dinge, die konkreten oder auch lediglich vorgestellten Schülerinnen und Schüler hineinzuversetzen.

Und was haben Sie persönlich aus der Tagung mitgenommen – gibt es vielleicht eine Anregung, die Sie für die Lernwerkstatt auf dem Campus der Uni Erfurt aufgreifen möchten?
Wir sind sehr glücklich über die vielen Ideen, die in einem solchen fruchtbringenden Setting aufeinanderstießen und werden in den kommenden Wochen unsere Anregungen zusammentragen und überlegen, wie wir Gedanken aufgreifen und umsetzen können. Das beginnt bei der Einbindung von Studierenden in das aktive Werkstattleben, umfasst aber auch wertvolle Forschungsimpulse und theoretische Reflexionen, u.a. aus performanztheoretischer Perspektive. Besonders positiv empfanden wir auch, unser derzeitiges Konzept mit Vertreterinnen und Vertretern verschiedener Lernwerkstätten diskutieren zu können. Unsere Ansätze wurden wohlwollend aufgenommen, aber auch kritisch-interessiert hinterfragt. So können wir auch auf uns noch einmal schauen und überlegen, wie wir hier am Standort Erfurt Entwicklungen gewinnbringend vorantreiben können. Und dann hat eine Tagung stets den Gewinn, dass man neue Kontakte knüpft und sich gemeinsam über Probleme austauscht. Wir wollen dieses Netzwerk weiter nutzen und ausbauen. Das hat auch in der Vergangenheit zu vielen gemeinsamen Projekten geführt, wodurch Tagungen auch eine Nachhaltigkeit entwickeln, die sie vom Ereignischarakter löst.

Team Lernwerkstatt
Team der Hochschullernwerkstatt der Universität Erfurt