In guter Nachbarschaft: Günter Stemberger ist der erste „Judaist in Residence“ der Stadt und der Universität Erfurt

Professor Dr. Günter Stemberger hat sich mit Laptop, Büchern und Notizen einen kleinen Arbeitsplatz unter einer Dachschräge gleich neben der Küchenzeile eingerichtet. Durch das Küchenfenster kann er den Blick über die Dächer der Erfurter Altstadt schweifen lassen während sich weiter unten auf den Straßen der Thüringer Hauptstadt gerade die ersten Faschingsgruppen unter lautem Getöse zusammenfinden. Hier oben bekommt der Wissenschaftler davon nicht viel mit, fragt man ihn jedoch nach dem jüdischen Pendant des Karnevals, versetzen seine Erzählungen einen gleich mitten in das bunte Purimfest – ein ebenso ausgelassenes Ritual, bei dem die Juden mit Geschenken, Possen, Verkleidungen, Straßenumzügen, traditionell gebackenen Mohntaschen und dem von Ratschen-Lärm begleiteten Lesen der sogenannten Ester-Rolle die Rettung des jüdischen Volkes in Persien durch die Königin Ester feiern. Stemberger kennt diesen Brauch wie alle anderen jüdischen Rituale genau, denn er ist nicht nur einer der renommiertesten europäischen Judaisten, sondern auch Ritualforscher sowie Mitglied der Kerngruppe im Research Centre „Dynamik ritueller Praktiken im Judentum in pluralistischen Kontexten von der Antike bis zur Gegenwart“ am Max-Weber-Kolleg (MWK) der Universität Erfurt. Für sechs Wochen lebt und arbeitet er nun als der erste „Judaist in Residence“ in einem Dachgeschoss-Apartment im Verwaltungsbereich der Begegnungsstätte „Kleine Synagoge“ in Erfurt. Ein Besuch.

Hohe, holzverkleidete Stufen führen über eine enge Treppe in die einzelnen Etagen des restaurierten historischen Gebäudes an der Stadtmünze direkt an der Gera. Ein Teil der Erfurter Kulturdirektion ist hier untergebracht – gleich neben der „Kleine Synagoge“, ein ehemaliges Gotteshaus der jüdischen Gemeinde Erfurts, das heute als Museum, Kultur- und Veranstaltungszentrum genutzt wird. In guter Nachbarschaft also befindet sich die gemütliche Dachwohnung, in der sonst die Stadtschreiber von Erfurt leben und die nun Günter Stemberger während seines Forschungsaufenthaltes bewohnen darf. Gerade sitzt der Wissenschaftler an jenem kleinen Arbeitstisch und klickt sich durch die Dateien auf seinem Laptop. Er öffnet das Bild einer seltenen rabbinischen Handschrift, um zu verdeutlichen mit welcher „Detektivarbeit“ er sich hier beschäftigen will. Mit dem Mauspfeil zeigt er auf scheinbar schmutzige und verklebte Stellen auf dem Digitalisat eines hebräisch beschriebenen Pergamentstückes: „Mit Aufkommen des Buchdruckes hat man die als nicht mehr so wertvoll erachteten alten HaGünter Stemberger: Judaist in Residencendschriften einfach als Umschlag für neuere Bücher verwendet“, erläutert er. „Heute sind diese Schutzhüllen wieder Gegenstand der Forschung, denn sie geben uns Aufschluss darüber, wie seltene rabbinische Werke überliefert wurden.“ Zum Glück, so der Wiener Judaist, sei dieses Exemplar noch nicht völlig von den Rückständen seiner Vergangenheit als Umschlag befreit worden, so ist der Text noch besser lesbar. „Er ist nämlich eine kleine Sensation“, freut er sich, „denn von diesem Text gab es bisher nur eine einzige vollständige Abschrift. Im Nachwort beschwerte sich der Abschreiber, wie fehlerhaft doch seine Vorlage war und dass er Korrekturen vornahm, wo er nur konnte.“ Stemberger ist sich sicher, dass sein aktuelles Untersuchungsobjekt eben jene „schlechte“ Vorlage ist – und er konnte im Vergleich der beiden Schriften bisher feststellen, dass der Abschreiber kaum Änderungen vornahm, sondern, ganz im Gegenteil, den Text im Detail einfach übernommen hat. „Eigentlich geht man davon aus, dass mit jeder Textabschrift auch eine Rezension erfolgt ist, der Abschreiber fügt etwas hinzu, lässt etwas weg, korrigiert. In diesem Fall aber nicht. Das ist interessant und mit Erkenntnissen wie diesen kommen wir gut 200 Jahre in der Text-Überlieferung zurück.“ Stemberger klappt den Laptop zu und lehnt sich zurück. Natürlich müsse ein Wissenschaftler für die Erforschung von elektronisch erfassten Schriften nicht unbedingt in einer Stadtschreiber-Wohnung fernab seines eigentlichen Arbeitsplatzes sitzen und arbeiten. Zumal er im Moment nicht mit Quellenmaterial aus Thüringer Archiven arbeitet. Trotzdem habe er aber die Möglichkeit, als „Judaist in Residence“ vor Ort in Erfurt zu forschen, sofort ergriffen. „Mir ist der Austausch mit Kollegen sehr wichtig, gerade weil hier am Max-Weber-Kolleg der Uni Erfurt das Judentum und Rituale einen hohen Stellenwert in der Forschung einnehmen. Zurzeit ist mein Münsteraner Kollege Clemens Leonhard ebenfalls als Fellow am MWK, mit ihm kann ich mich jetzt auch persönlich austauschen über die Probleme bei der Textinterpretation. Das macht den Aufenthalt hier für mich sehr fruchtbar“, betont Stemberger. „Außerdem empfinde ich es als meine Pflicht, als sogenannter ‚Core Researcher‘ des Research Centres auch eine gewisse Zeit hier vor Ort zu sein und dabei zu unterstützen, das Thema Judentum – das ja auch ein bedeutendes Stück Erfurter und Thüringer Geschichte ist – mit in die Öffentlichkeit zu tragen.“ Damit spricht der Wissenschaftler den beiden „Erfinderinnen“ des „Judaist in Residence“-Programms aus dem Herzen. Denn schon länger gab es Bemühungen, die Arbeit des Research Centres am MWK mit Kulturarbeit in der Gemeinde zu verbinden. Die Koordinatorin des Research Centres, Dr. Claudia Bergmann, und Dr. Tina Bode, Netzwerkkoordinatorin des Jüdischen Lebens der Stadt Erfurt, kamen deshalb auf die Idee, die Stadtschreiberwohnung in der Kleinen Synagoge in Zeiten, in denen sie nicht von anderen Gästen des Hauses bewohnt wird, an einen Judaisten oder eine Judaistin zu vergeben. „Die Kooperation zwischen einer Begegnungsstätte wie der Kleinen Synagoge, deren Ziel es ist, Wissen über jüdische Geschichte und Religion zu vermitteln, und einer Forschungsgruppe am Max-Weber-Kolleg, welche die Dynamik ritueller Praktiken im Judentum untersucht, ist nahezu ein Selbstverständnis“, macht Tina Bode deutlich. „Darüber hinaus ist auch die Zusammenarbeit des Netzwerks Jüdisches Leben Erfurt mit dem Max-Weber-Kolleg bzw. der Universität Erfurt ein Zeichen dafür, dass sich Erfurt insbesondere mit dem mittelalterlichen jüdischen Erbe nicht nur um den Erhalt einzigartiger Bauten wie der Alten Synagoge und der mittelalterlichen Mikwe bemüht – wir streben hiermit den Titel UNESCO-Weltkulturerbe an –, sondern auch engen Austausch und Kontakt zur aktuellen Wissenschaft und Forschung sucht.“

Deshalb sollen einerseits aktuelle Forschungsergebnisse der Uni Erfurt in die museale Repräsentation und Vermittlung der Stadt einfließen und andererseits die Forscher, die in der Kleinen Synagoge residieren dürfen, bei öffentlichen Veranstaltungen ihr Forschungsthema in die Stadt hineintragen. „Für alle Beteiligten ist es wichtig, das Thema Judentum stärker in der hiesigen Kultur und im Bewusstsein der Menschen zu verankern“, erzählt Günter Stemberger auf dem kurzen Weg zwischen seiner Wohnung und der benachbarten ehemaligen Synagoge, in der er zu jedem Ausstellungsstück und jedem hebräischen Schriftzug etwas sagen kann. Auch ihm liege viel daran, betont er abschließend. Und so hat er mit einem Vortrag über das skurrile jüdische Ritual „Die rote Kuh“ diese Woche bereits einen Workshop bereichert und wird sich auch bis zum Ablauf seiner Residenz noch bei weiteren kulturellen Veranstaltungen einbringen. Das klingt doch nach einem guten Einstand für das „Judaist in Residence“-Programm, mit dem Tina Bode und Claudia Bergmann hoffen, eine kleine Tradition zwischen Stadt und Universität zu schaffen und noch viele namhafte Wissenschaftler wie Prof. Stemberger künftig in Erfurt begrüßen zu können.

 

Günter Stemberger: Judaist in Residence Günter Stemberger: Judaist in Residence Günter Stemberger: Judaist in Residence

Abbildungen: Prof. Günter Stemberger in seiner Erfurter „Residenz“ und der benachbarten „Kleinen Synagoge“

 

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